Online: 2

Das Lied der Verbindung

Yllaria

Yllaria stand in ihrem Wohnhaus und drückte die kleine Katze an ihren Oberkörper. Sie und Beryll waren gerade erst von ihrem Besuch auf der Burg zurückgekehrt. Die ersten Sonnenstrahlen nahen bereits, und der Gargoyle stand kurz vor der Verwandlung. Die Waldelfe verweilte noch einen Moment in der Stille. Schon häufiger hatte sie diese Veränderung beobachtet, doch jedes Mal zog sie ihre Blicke aufs Neue an und erfüllte sie mit stiller Faszination.

„Schlaf gut, iama. Wir sehen uns morgen Nacht.“

Kaum hatte sie die Katze abgesetzt, lief diese wie selbstverständlich zu ihrem Bett und verschwand zwischen den weichen Laken. Yllaria schmunzelte leise, lehnte sich an den Türpfosten und sah der Katze nach. Unwillkürlich musste sie daran denken, wie schön die Kleine bei Nathans Berührung geschnurrt hatte. Ein sanftes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Wie konnte das eigene Herz sich so voll anfühlen und der Geist gleichzeitig so unruhig sein? Sie schloss die Augen und lauschte der leisen Atmung des Tieres. Dazwischen vernahm sie das sanfte Rauschen der Blätter vor ihrem Haus. Sehnsuchtsvoll zog sich ihr Herz zusammen. Erst als sie sicher war, dass die Katze eingeschlafen war, trat sie vor die Tür und ließ sich von den ersten warmen Sonnenstrahlen des Tages umfangen.

Langsam ging sie einige Schritte in den Wald hinein, aber nicht zu tief, sie wollte das Haus weiterhin im Blick behalten. Mit einer Hand strich sie über die raue Rinde einer breiten Weide. Die sanften Schwingungen des Las unter ihren Fingern ließen ihre Anspannung spürbar sinken. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog sie sich in die Krone hinauf und machte es sich zwischen den Ästen bequem. Einige Atemzüge lang lauschte sie nur den Bäumen und ließ sich von der Verbindung mit dem La tragen.

Dann glitt ihr Geist zurück zu Nathan.

Die Momente mit ihm erschienen ihr stets viel zu flüchtig. Wie Sonnenlicht, das für einen einzigen Atemzug auf das Wasser traf und sich dort in unzählige Farben brach. Jede Begegnung machte ihr bewusst, wie unterschiedlich man die Welt wahrnehmen konnten. Da waren Trauer und Schmerz, die sie deutlich spürte, deren Ursprung sie jedoch nicht immer verstand. Eine Trauer, die in ihr widerhallte und die ihr für einen kurzen Augenblick die Kehle zuschnürte, um gleich darauf wieder der Wärme in seinem Blick Platz zu machen.

Er hatte von Gefahr gesprochen. Doch in seiner Nähe lauschte Yllaria vor allem der leisen Melodie in ihrem Inneren, die von Vertrauen und Verbindung sang. Dieser kleine Sog, der entstand, sobald er ihr nahekam. Yllaria verlieh diesem Gefühl eine Form, und eine leise Melodie kam über ihre Lippen. Nachdenklich spürte sie in sich hinein. Ihre Magie reagierte auf ihre Gefühle, nicht auf die Töne selbst. Die Waldelfe wusste nicht, was das zu bedeuten hatte.

Verbindungen, wie schmerzhaft mochte ihr Verlust sein?

Yllaria konnte es sich nur teilweise vorstellen, denn für sie waren sie so selbstverständlich wie das Atmen. Mit diesem Gedanken ließ sie sich tiefer in die Verbindung mit dem La sinken und gab sich mit jeder Faser ihres Körpers dessen Rhythmus hin. Ein seliges Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, das noch wärmer wurde, als sie plötzlich eine zweite, ihr vertraute Verbindung spürte. Mit weichen, sicheren Bewegungen sprang Haku den Baum hinauf und landete triumphierend maunzend auf ihr. Schnell hatte der Kater eine bequeme Position gefunden und suchte mit seinen karamellfarbenen Augen ihren Blick. Eine Beziehung, zeitlos, unverrückbar, voller Selbstverständlichkeit. Yllaria begann langsam zu verstehen, welch wunderschönes Geschenk dies war und welches Licht diese Verbindung in ihr Leben brachte. Vielleicht war es genau dieses Licht, das allem entgegenstand: der Trauer, dem Schmerz und der Dunkelheit. Das Licht, das ihr den Mut gab, Wege nicht aus Angst zu beschreiten, sondern aus der Gewissheit heraus, ihrem eigenen Pfad zu folgen.

„Eigensinnigkeit war schon immer eine Eigenschaft von Katzen, nicht wahr, Haku?“

Der Kater zwinkerte ihr träge zu und Yllarias helles, unbeschwertes Lachen erfüllte für einen kurzen Moment die kleine Lichtung, ehe der Wald die letzten Echos wieder sanft in sich aufnahm.

Beiträge in diesem Thread