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Der Fremde am Tor

Sziedeyna

Dieser Text wurde mittels KI aus dem Rollenspiel-Log erstellt.

Als Sziedeyna an diesem Abend an der Villa Auenstein vorbeikam, bemerkte sie zunächst nicht Loretta, sondern einen Mann.

Er kniete nahe der Laterne und zog mit einem Brett den Boden glatt, als müsse er der Erde selbst beibringen, sich anständig zu benehmen. Neben ihm stand ein Handkarren mit einer groben Sandmischung. Eine Schaufel und eine Hacke lehnten dagegen, weitere Werkzeuge lagen verstreut umher. Es war ein durchaus alltäglicher Anblick, doch gerade deshalb blieb Sziedeyna stehen.

Sie musterte ihn.

Der Mann bemerkte sie erst nach einem Moment. Sein Gesicht war leicht gerötet von der Arbeit, und als er den Blick hob, rang er sich ein Lächeln ab. Es wirkte nicht aufgesetzt, aber auch nicht ganz mühelos. Eher wie etwas, das er trotz körperlicher Anstrengung noch höflich aus sich hervorzuholen verstand.

"Grüße", sprach Sziedeyna.

Der Mann erwiderte ihre Begrüßung und erklärte ihr, falls sie zu Lady von Auenstein wolle, müsse er sie leider enttäuschen.

Sziedeyna schaute zur Villa. "Ah, das macht nichts."

Sie betrachtete die Werkzeuge noch einmal und dann die Laterne.

"Neue Laternen, schätze ich?"

"So sieht es aus, ja", antwortete er. "Ich hatte anfänglich die falschen Laternen geliefert."

Sziedeyna nahm das zur Kenntnis. Loretta machte sich wohl etwas aus solchen Dingen. Natürlich tat sie das. Es passte zu ihr. Diese Villa hatte etwas von einem Ort, der nicht einfach bewohnt, sondern innerlich weitergeträumt wurde. Etwas, das durch Hände und Auswahl und seltsame kleine Entscheidungen erst wirklich zu sich selbst kam.

"Hm", machte Sziedeyna und zuckte leicht mit den Schultern. "Sie macht sich wohl etwas aus sowas."

Dann schaute sie den Mann wieder an.

"Kennt Ihr sie näher?"

Er erhob sich mit leichter Mühe und wischte die Schürze glatt, als müsse er sich erst aus der Haltung eines Arbeitenden in die eines Gesprächspartners zurückverwandeln.

"Ja, die Lady Loretta und ich kennen uns von..." Er zögerte kurz. "Von früher."

Da war ein kleiner Bruch in seiner Antwort. Nicht groß. Nur ein Steinchen im Bachlauf. Aber Sziedeyna hörte solche Dinge.

"Seid Ihr auch ein Freund?", fragte sie.

Er erklärte, es sei etwas her, aber sie hätten sich hier in Britain wiedergetroffen, und so sei eines zum anderen gekommen. Er habe Loretta bei der Renovierung mancher Möbel geholfen.

"Ein Bekannter?", fügte er hinzu. "Ich denke, das passt besser."

Sziedeyna nickte bedächtig. Dieses Wort war vorsichtiger. Vielleicht zu vorsichtig. Aber Menschen ordneten Beziehungen oft in solche kleinen Schubladen, als könnten sie dadurch verhindern, dass etwas herauswuchs.

"Und Ihr seid eine Freundin?", fragte er.

"Ja", antwortete Sziedeyna und nickte zustimmend. "Wir sind letztens Freundinnen geworden."

Das Wort kam ihr noch immer etwas ungewohnt über die Lippen. Nicht falsch. Aber ungewohnt. Wie ein Gegenstand, den man in die Hand nahm und dessen Gewicht man erst kennenlernen musste.

Der Mann lächelte sachte. Er fragte, wie sie Loretta kennengelernt habe.

"Sie stand eines Tages vor meiner Haustür und hat gefragt, ob ich zum Tee vorbeikommen wollte."

Während sie antwortete, griff er nach einem Becher, der nahe beim Karren stand, und wollte offenbar trinken. Doch der Becher gab nichts mehr her. Er grummelte etwas von "schon alle" und schien darüber ehrlicher verärgert zu sein, als es die Kleinigkeit verdient hatte. Aber Durst machte einfache Menschen schnell unzufrieden. Sziedeyna beobachtete das mit einer Aufmerksamkeit, die sie selbst nicht ganz als Neugier hätte bezeichnen wollen.

"Dann seid Ihr aus der Nachbarschaft, nehme ich an?", fragte er.

"Ja, ich wohne gleich nebenan", sagte sie und deutete einmal durch die Villa Auenstein hindurch.

Der Mann schmunzelte. Er habe bisher niemanden dort gesehen.

"Ich bin tagsüber meist nicht da", entgegnete Sziedeyna.

Das war nicht einmal gelogen. Es war nur eine dieser Wahrheiten, die mehr verschwiegen, als sie sagten.

Dann betrachtete sie ihn erneut. Die Werkzeuge, die Schürze, die Hände, den Körper eines Mannes, der Arbeit gewohnt war. Aber da war noch etwas anderes.

"Aber als Ihr... Bekannter seid Ihr nicht einfach nur ein Handwerker, der Lampen montiert, oder?"

Er erklärte, er habe mit der Zeit Interesse an vielerlei Dingen gehabt. Darunter einige Handwerke. Auch das Kriegshandwerk.

Sziedeyna machte große Augen.

"Ihr kennt Euch also mit dem Schwert aus?"

"Mit dem Schwert, der Axt. Selbst dem Bogen. Aber es ist eine Weile her, dass ich sie wirklich benutzte." Dann fügte er hinzu: "Wobei seit Kurzem wieder, zugegeben."

Sziedeyna schaute ihn aufmerksamer an.

"Gibt es dafür einen Grund?"

"Den gibt es wohl", sagte er. Dann räusperte er sich. "Aber sagt, hättet Ihr einen Becher Wasser? Mein Vorrat hat nicht lange gehalten. Und meine Kehle ist etwas trocken."

Sziedeyna schaute ihn ratlos an.

"Einen Becher... Wasser."

Sie sah zur Villa.

"Ein Bier tut es auch", meinte er und lachte leise.

Sziedeyna überlegte. In ihrem eigenen Haus hätte sie ihm weder Wasser noch Bier anbieten können, ohne dass es merkwürdig geworden wäre. Nicht, weil nichts vorhanden war, sondern weil diese Frage nicht in ihr eigenes Leben passte. Trinken, Essen, Vorräte. All diese Dinge hatten für sie inzwischen eine andere Bedeutung bekommen. Aber die Küche der Villa Auenstein war nicht weit. Loretta hatte dort allerlei Dinge.

"Ich fürchte, so etwas habe ich nicht", sagte sie. "Aber in der Küche..."

Sie hielt inne und musterte ihn noch einmal demonstrativ.

"Seid Ihr ein... guter Bekannter?"

Er lachte wieder auf und meinte, das müsse sie Lady Loretta fragen. Aber vielleicht eher das als ein weniger guter.

Sziedeyna nickte langsam.

"Wartet kurz. Ich bin gleich wieder da."

Sie verschwand.

Nicht auf dem üblichen Weg.

Es war inzwischen für sie beinahe selbstverständlich geworden, die Welt aus der Höhe und aus der Luft zu betrachten, wenn es praktisch erschien. Ihr Körper löste sich in jene andere Gestalt, die leichter war, schneller, kleiner, und kurze Zeit später flatterte eine Fledermaus auf den Balkon der Villa Auenstein. Dort verwandelte Sziedeyna sich zurück und ging in die Küche.

Sie stöberte herum, bis sie etwas fand, das ihr geeignet erschien. Eine Karaffe. Der Geruch verriet ihr, dass es Bier sein musste. Sie nahm sie und kehrte zurück, wieder über die Nacht, wieder über den Balkon, wieder in jener Gestalt, die kein Mensch vor der Laterne sehen sollte.

Als sie zurückkam, sammelte der Mann gerade seine Werkzeuge zusammen. Sein Blick war nach unten gerichtet. Der leere Eimer erhielt von ihm noch einen verärgerten Tritt, bevor auch er neben den Werkzeugen Platz fand. Sziedeyna trat wieder hervor und reichte ihm die Karaffe.

"Ist das das Richtige?"

Er nahm sie dankend entgegen, schnupperte kurz daran und nickte zufrieden.

"Besten Dank, werte Dame."

Sie nickte knapp.

Während er das Bier in seinen Becher umschüttete, schien ihm ein Versäumnis aufzufallen.

"Verzeiht meine Unhöflichkeit. Mein Name lautet Thorian D'Ulferan."

"Sziedeyna", entgegnete sie nur.

Er deutete eine leichte Verbeugung an und nahm dann einen tiefen Schluck. Sziedeyna nickte minimal bei seiner Geste. Sie beobachtete, wie er trank. Nicht aufdringlich. Aber ihr Blick tastete ihn immer wieder beiläufig ab. Hals. Hände. Mund. Wärme. Puls. All das lag an ihm wie eine zweite, für ihn unsichtbare Sprache.

"Angenehm, Fräulein Sziedeyna."

Sziedeyna war für einen Moment irritiert von dieser Formulierung, sagte aber nichts weiter dazu. Thorian wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

"Ihr trinkt gar nichts?"

"Ich?" Sziedeyna brauchte einen Augenblick. "Äh, nein, ich... bin nicht durstig. Vielleicht trinke ich später noch etwas."

Auch das war nicht gelogen. Nur wieder eine Wahrheit mit scharfen Rändern.

Thorian zwinkerte kurz und nahm einen weiteren Schluck. "Wie Ihr meint. Hach, das tut gut!"

Sziedeyna schaute etwas seltsam bei diesem Schluckgeräusch. Es war so unbedacht körperlich. So selbstverständlich. Menschen tranken und atmeten und schwitzten und wärmten sich, ohne dabei je darüber nachzudenken, dass all dies auch eine Art Verrat des Körpers war. Der Körper sprach ständig. Er erzählte unaufhörlich von seinem Leben.

Dann erinnerte Thorian sie daran, dass sie nach dem Grund gefragt hatte, weshalb er wieder zur Waffe greife.

Sziedeyna nickte.

Er schlug vor, sich irgendwo zu setzen. Sie sah sich um und deutete schließlich auf den Baumstamm.

"Vielleicht die Bank da?"

"Besser als zu stehen allemal."

Sie setzten sich. Thorian nahm am äußersten Rand des Stammes Platz, vielleicht um nicht aufdringlich zu wirken. Diese Rücksicht bemerkte Sziedeyna. Sie wusste noch nicht, ob sie sie angenehm fand, aber sie bemerkte sie. Er stellte den Krug neben sich, behielt den Becher jedoch in der Hand.

Sziedeyna schaute kurz auf seinen Hals und schnupperte.

Thorian begann gerade zu sprechen, er müsse vielleicht etwas ausholen, da unterbrach sie ihn.

"Ah, wartet kurz. Ich bin gleich zurück. Ich hole nur kurz etwas."

Er wirkte überrascht, ließ sie aber gewähren.

Kurz darauf kam sie mit einem Schwert zurück.

Thorian blickte neugierig darauf.

"Was haltet Ihr hiervon?", fragte Sziedeyna und reichte es ihm.

Er stellte den Becher neben sich ab und streckte die Hand aus. "Darf ich?"

"Nehmt es nur."

Er nahm die Klinge vorsichtig entgegen. Zuerst wog er sie in der einen, dann in der anderen Hand. Dann fuhr er mit dem Daumennagel kurz über die Schneide, prüfte ihre Schärfe und begutachtete sie forschend. Sziedeyna sah ihm dabei zu. Es gefiel ihr, dass er die Waffe nicht bloß ansah, sondern sie las. Nicht so, wie sie Blut las. Natürlich nicht. Aber doch mit einer gewissen Kenntnis.

"Eine solide Waffe aus bestem Material", sagte er schließlich. "Sofern ich richtig liege, nicht gänzlich ausgewogen. Ein wenig Gewicht am Griffstück würde ihr gut stehen."

Sziedeyna nickte zufrieden.

"Ja, es gibt sicher bessere Waffen. Aber sie hat mir schon gute Dienste geleistet."

Er lächelte sie an, während er ihr die Klinge zurückgab. "Aber ich denke, damit lässt sich ein guter Kampf führen."

Sziedeyna nahm das Schwert wieder an sich.

"Also seid Ihr auch eine Kämpferin, höre ich heraus?"

"Durchaus."

Sie schaute ihm dabei bestätigend in die Augen. Es war kein Prahlen. Eher eine Feststellung. So wie man sagte, dass der Mond am Himmel stand.

Thorian nickte. Kämpfer habe es viel zu wenige hier in Britain, meinte er. Er spreche nicht von den Wachen, fügte er leiser hinzu. Die seien gelangweilt und unachtsam.

Sziedeyna teilte nicht unbedingt seine moralische Unruhe, aber seine Beobachtung interessierte sie. Nicht, weil sie sich für die Stadt als Ganzes verantwortlich fühlte. Eher, weil Ordnung nützlich war. Ordnung bedeutete Vorhersehbarkeit. Und Vorhersehbarkeit war eines der wenigen Dinge, die sie an der Welt zu schätzen gelernt hatte.

"Ich arbeite auf Auftragsbasis", sagte sie.

"Eine Söldnerin dann also?", fragte Thorian interessiert.

"So würde ich mich nicht nennen. Ich würde eher sagen, ich beschaffe Dinge."

Nun ließ auch er seinen Blick prüfend über sie fahren. Nicht lüstern. Nicht plump. Eher anerkennend, als müsse er sie in seiner Vorstellung neu einsortieren.

"Wie... habe ich das zu verstehen?"

"Wenn jemand etwas braucht, dann besorge ich es. Manche Dinge... sind nicht so leicht zu beschaffen ohne eine Waffe in der Hand."

Sie hielt kurz inne.

"Hm, das klingt vielleicht missverständlich."

Thorian legte den Kopf etwas schief und grinste. "Eine Eintreiberin?"

"Nun, wart Ihr schon einmal auf alten Friedhöfen?"

Er nickte sacht und wartete.

Sziedeyna ließ sich Zeit. Nicht, weil sie die Antwort nicht wusste, sondern weil sie spürte, dass dieser Satz etwas über sie verraten würde. Nicht alles. Aber doch etwas.

"Ich soll manchmal Dinge besorgen, die dort schon lange vergessen... liegen. Und manchmal geben es die Hände der Toten nur widerwillig her, obwohl sie es nicht mehr benötigen. Da hilft ein Schwert dann ungemein."

Sie schmunzelte leicht.

Thorian runzelte zunächst die Stirn, dann schmunzelte auch er.

"Ja, manche Dinge sind besser in den Händen der Lebenden aufgehoben."

"Vor allem in denen, die zahlen", sagte Sziedeyna. "Es ist eine einträgliche Arbeit."

Thorian nickte bedächtig. Arbeit sei Arbeit, solange man davon auskommen müsse. Wenn es gegen die Untoten gehe, könne er so etwas nur befürworten.

Bei dem Wort "Untoten" presste Sziedeyna leicht die Lippen zusammen.

Es war ein kleiner Moment. Wahrscheinlich hätte ein anderer ihn übersehen. Vielleicht übersah auch Thorian ihn, denn er nahm gerade wieder seinen Becher zur Hand. Aber für Sziedeyna selbst lag in diesem Wort ein hässlicher Widerhaken. Untot. Als wäre Leben nur das, was warm war und atmete und Brot aß und Bier trank. Als wäre alles andere ein Fehler in der Ordnung der Welt.

Sie sagte nichts dazu.

Stattdessen fragte sie ihn erneut nach seinem Grund, wieder zur Waffe zu greifen.

Thorian erzählte. Er sei eine Weile fort gewesen, und als er wieder in Britain aufgetaucht sei, habe ihm etwas gefehlt, das er aus jüngeren Jahren bestens gekannt habe: Recken und Ritter. Tapfere Männer und Frauen, die sich den Gefahren annahmen, die draußen immerzu lauerten. Früher habe man sie überall gesehen, in prunkenden Rüstungen. Heute aber?

"Wo sind sie hin?", fragte er.

Sziedeyna hörte ihm aufmerksam zu.

Die Stadt wirke tatsächlich etwas eingeschlafen, gab sie zu. Vielleicht gebe es aber gerade keine Gefahren?

Da erwähnte er den Überfall auf Minoc.

Sziedeyna schaute ratlos. Sie interessiere sich nicht besonders für Belange, die sie nicht direkt etwas angingen. Minoc sei weit weg.

Thorian erklärte, genau das sei es. Er habe auch nichts davon gehört, bis er hingereist sei. Nicht einmal in der Stadt sei es im Gespräch gewesen. Früher seien solche Nachrichten wie Lauffeuer herumgegangen. Nun schaute er besorgt und kaute auf seiner Unterlippe.

"Ist sowas nicht besorgniserregend? Diese Gleichgültigkeit?"

Sziedeyna dachte darüber nach. Nicht auf die Art, auf die Thorian es vermutlich meinte. Für ihn war Gleichgültigkeit ein moralisches Versagen. Für sie war sie eher ein Zustand, der Folgen hatte.

"Aber was bedeutet das? Dass die Leute sich hier auch nicht dafür interessieren?"

Er nickte. Davon müsse man wohl ausgehen.

Sziedeyna hatte nie so darauf geachtet. Die Stadt war groß. Jeder lebte in seinem eigenen Winkel. Jeder sah nur so viel, wie er sehen musste. Sie selbst war darin nicht anders. Hätte ihr jemand einen Beutel Gold gereicht mit der Bitte, in Minoc nachzusehen, hätte sie es gemacht. Aber so?

Sie zuckte mit den Schultern.

Thorian erzählte weiter. Neulich habe ihn ein Mann besucht, der sich als Lord of War ausgegeben habe. Am helllichten Tage sei er in Britain eingeritten. Er habe etwas vom Blackrocksyndikat gewollt, dessen Mitglied Thorian sei.

Sziedeyna kannte das Syndikat. Sie hatte dort schon etwas gekauft.

Thorian erklärte, die Lords of War seien einst mit ihren Vasallen jene gewesen, die Britain in ihre Gewalt genommen und den leeren Thron besetzt hätten. Damals habe es noch Helden gegeben, die die Stadt zurückerobert hätten.

Für einen Moment schien er sich daran brüsten zu wollen, ließ die Schultern aber rasch wieder hängen.

Sziedeyna betrachtete ihn.

"Wart Ihr einer dieser Helden? Und wollt Ihr jetzt wieder einer werden, der der Lethargie widerspricht?"

Thorian nickte ernst. Genau das sei der Grund für seine Entscheidung, die Säge wieder gegen ein Schwert einzutauschen.

In Sziedeyna arbeitete dieser Gedanke nach. Sie war nicht sicher, ob sie Heldentum verstand. Nicht wirklich. Es hatte etwas Großes, aber auch etwas Unpraktisches. Etwas, das Menschen dazu brachte, an Orte zu gehen, an denen sie sterben konnten, ohne dass ihnen jemand dafür Gold gab. Aber Thorian sprach nicht wie ein Mann, der nur Eindruck machen wollte. Er sprach wie jemand, der eine Lücke sah und sich fragte, warum niemand anders sie schloss.

"Ich muss sagen, wenn es die Stadt betrifft, da weiß ich die Ordnung schon zu schätzen", sagte Sziedeyna. "Meint Ihr, dass diese Lords es wieder versuchen könnten?"

Allein die Vorstellung ließ sie die Augen leicht verengen. Unordnung war nicht nur gefährlich. Sie fraß sich in Gewohnheiten. Sie machte Wege unsicher, Häuser angreifbar, Nächte unberechenbar.

Thorian hielt es für schwer einzuschätzen. Es rumore, dass sie sich in Minnersbach etwas aufbauten. Vielleicht reiche ihnen das jetzt. Aber er wolle es nicht darauf ankommen lassen. Er wolle sich wappnen. Gegen was auch immer.

"Denn wer sonst?", sagte er entschlossen.

Sziedeyna schmunzelte leicht bei seinem Enthusiasmus.

"Habt Ihr es denn noch in Euch?"

Daraufhin blickte er beinahe stolz. Er habe erste Versuche gestartet, sich wieder an eine schwere Plattenrüstung zu gewöhnen. Vielleicht sei er etwas eingerostet, aber es werde schon wieder.

"Vielleicht braucht Ihr nur etwas... Öl", sagte Sziedeyna, "in Form von Training."

Sie ließ die Idee kurz zwischen ihnen stehen.

"Ich könnte Euch, als guter Bekannter von Loretta, da behilflich sein."

Thorian nickte und lächelte. Ein guter Trainingspartner sei Gold wert.

"Ja", sagte Sziedeyna. "Es ist auch bei mir länger her, dass ich mit einem Menschen trainiert habe."

Dann schlug er vor, dass auch sie ein paar Lektionen mitnehmen könne. Sziedeyna nickte zustimmend. Vielleicht.

Das Wort war klein, aber es öffnete etwas. Eine Möglichkeit. Nicht mehr. Noch nicht. Doch manchmal genügte eine Möglichkeit, um die Luft um zwei Menschen herum zu verändern.

"Vielleicht demnächst mal... bei Euch?", fragte sie. "Wo wohnt Ihr eigentlich?"

Thorian erklärte ihr den Weg. Sein Haus befinde sich im östlichen Teil der Stadt. Südlichste Brücke, dann rechts halten. Direkt an der Küste.

"Ein Haus am Meer also", sagte Sziedeyna langsam.

Er merkte spitzfindig an, manche Häuser hier lägen am Meer. Dann bot er an, sie hinzuführen, damit sie wisse, welches er meine.

Sziedeyna überlegte kurz.

"Hm, warum nicht. Dann bringe ich aber erst das Schwert zurück."

Nachdem sie zurückgekehrt war, lehnte Thorian bereits an der Laterne. Es war ein eigentümlich friedliches Bild. Der Mann, die Laterne, die Werkzeuge, die beginnende Nacht. Als hätte er in die Umgebung hineingepasst, ohne sich ihr aufzudrängen.

"Von mir aus können wir", sagte Sziedeyna.

Sie gingen los. Einen Moment wollte Thorian einen etwas unpraktischen Weg einschlagen, woraufhin Sziedeyna ihn fragte, ob er sicher sei, dass er da lang wolle. Dann nahm er lachend den besseren Weg an ihrem Haus entlang.

Schließlich erreichten sie sein Haus.

"Da wären wir."

"Ah, hier also."

Sziedeyna begutachtete das Haus und die Umgebung. Es lag tatsächlich am Wasser, aber nicht auf romantische Weise. Eher praktisch. Abgelegen genug, um Ruhe zu haben. Nah genug, um nicht verschwunden zu wirken.

Thorian fragte, ob er ihr nicht doch etwas anbieten könne.

"Ihr habt nicht zufällig Most Nummer fünf?"

Er wusste es nicht, befürchtete aber, nein.

"Schade", sagte Sziedeyna.

Der Most aus Baretis Taverne fiel ihr ein. Die blaugrüne Flasche. Ein Geschmack, der für sie nicht auf dieselbe Weise Bedeutung hatte wie für andere, aber doch als Erinnerung vorhanden war. Dinge schmeckten anders, wenn man sie nicht mehr brauchte.

"Aber ich komme gerne noch etwas mit Euch hinein", fügte sie hinzu.

Thorian meinte, für einen guten Most müssten sie wohl in Baretis Taverne einkehren. Sziedeyna bestätigte, dass sie ihn daher kenne. Die Spezialität der Taverne.

Dann lud er sie ein, einzutreten und sich umzusehen.

Drinnen zeigte er ihr zunächst einen kleinen Arbeitsplatz. Sziedeyna sah sich um.

"Eine Schmiede", sagte sie. "Heißt das...?"

Er erklärte, es gehe eher um Feinschmiedekunst und Steinarbeiten. Kein Waffen- oder Rüstschmied, daran habe er sich noch nie versucht.

"Schade", sagte Sziedeyna.

Das meinte sie auch so.

Sie schaute sich weiter um. Es war gemütlich. Nicht üppig, aber eingerichtet mit einer Sorgfalt, die verriet, dass hier jemand Dinge nicht nur benutzte, sondern sie gern richtig machte. Das passte zu den Laternen vor der Villa. Zu dem prüfenden Blick auf ihr Schwert. Zu dieser Mischung aus Handwerk und einem alten, vielleicht etwas eingerosteten Heldentum.

"Habt es ja recht gemütlich hier."

Thorian dankte ihr. Er habe sich Mühe gegeben.

Falls sie einmal neue Möbel benötige oder etwas ausgebessert werden müsse, könne sie gerne Bescheid geben.

Sziedeyna hielt kurz inne.

"Oh, ein paar... neue... Möbel wären vielleicht mal ganz praktisch. Vielleicht komme ich darauf zurück."

In ihrem eigenen Haus war vieles noch immer weniger Wohnraum als Behältnis. Ein Ort, an dem sie war. Aber noch nicht ganz ein Ort, der zu ihr geworden war. Vielleicht lag darin eine seltsame Sehnsucht, die sie nicht aussprach. Möbel waren nicht nur Möbel. Sie waren eine Behauptung von Dauer.

Ihr Blick fiel auf einen Würfelbecher. Sie würfelte beiläufig und bemerkte, dass Loretta auch so einen habe.

Thorian schmunzelte und meinte, sofern neben dem Training noch Zeit bleibe, stehe er jederzeit zur Verfügung.

"Ja, das Training", sagte Sziedeyna. "Das wird harte Arbeit."

"Nur dann wird es gut", stimmte er zu.

Sie fragte, ob es sonst noch etwas zu sehen gebe. Thorian bot ihr an, sich zu setzen, wollte ihr aber nicht ihre Zeit stehlen. Sziedeyna entgegnete, sie habe genug Zeit.

Das war in einer gewissen Hinsicht wahr. Sie hatte nachts mehr Zeit als andere. Zeit war für sie ohnehin zu etwas anderem geworden. Nicht weniger kostbar. Aber anders geschnitten.

Sie erklärte, Loretta habe ihr beim ersten Mal auch das ganze Haus gezeigt. Daraufhin wurde Thorian etwas zögerlicher, zeigte ihr aber Küche, Schlafgemach und Keller.

In der Küche blieb Sziedeyna vor dem Kamin stehen.

"Oh, ein Kamin."

Sie stellte sich davor.

Thorian erwähnte, er sei kein sonderlich guter Koch. Das Brot müsse er langsam wegwerfen.

"Brot...", sagte Sziedeyna.

Das Wort blieb für einen Moment in ihr hängen.

Sie hatte schon länger kein Brot mehr gegessen.

Es war erstaunlich, welche Dinge einen manchmal trafen. Nicht die großen. Nicht die dramatischen. Sondern Brot. Etwas, das früher so selbstverständlich gewesen war, dass man es kaum bemerkt hatte. Man brach es, kaute es, schluckte es, und der Körper nahm es an, als wäre die Welt in Ordnung. Jetzt war Brot Erinnerung. Nicht Schmerz, aber eine kleine verschlossene Tür.

Sie wärmte sich am Kamin, erst von der einen, dann von der anderen Seite. Thorian sagte, sie solle sich ruhig einen Moment nehmen. Um diese Zeit werde es draußen schon wieder frisch.

"Ja, ich friere leicht", sagte Sziedeyna.

Er verzog etwas das Gesicht, warnte sie aber nicht. Vielleicht wunderte ihn ihre Nähe zum Feuer. Vielleicht auch ihre Kleidung. Dann bemerkte er, dass sie keine Schuhe trug.

Sziedeyna schaute hinab auf ihre Füße.

"Ja, ich mag es, barfuß zu gehen. Ist es ungewöhnlich?"

"Gewöhnungssache, denke ich", sagte er. Er ziehe festes Schuhwerk vor.

Sziedeyna erklärte, zu einer Rüstung gehörten natürlich Stiefel, aber wenn sie so unterwegs sei, bevorzuge sie leichte Kleidung.

Sie hatte inzwischen viel Wärme aufgenommen. Genug, um annähernd menschlich warm zu wirken. Auch das war eine jener kleinen Anpassungen, die ihr inzwischen beiläufig gelangen. Wärme ließ sich holen. Man musste nur nahe genug an ihr stehen.

Thorian führte sie in den Keller. Dort gab es einen weiteren Arbeitsbereich und Platz für etwas, von dem er noch nicht wusste, was es werden sollte.

"Vielleicht Rüstungen und Waffen?", schlug Sziedeyna vor.

"Vielleicht", sagte er. Noch lagerten sie im Obergeschoss.

Sie betrachtete einen Wandteppich, auf dem Kräuter und Reagenzien abgebildet waren. Der Keller war nicht sonderlich voll, aber immerhin voller als ihrer.

"Mehr als in meinem", sagte sie und schmunzelte. "Der ist noch immer gänzlich leer."

Thorian meinte, wenn sie Ideen habe, wie sie ihn füllen wolle, könne sie Bescheid geben.

"Vielleicht sollte ich mir auch ein Handwerk suchen", sagte Sziedeyna nachdenklich.

Der Gedanke überraschte sie ein wenig, als sie ihn ausgesprochen hatte. Ein Handwerk war etwas Sesshaftes. Etwas, das Wiederholung brauchte. Geduld. Vielleicht auch Zukunft. Man stellte Dinge her, statt sie aus alten Gräbern zu holen. Man erschuf, statt zu bergen. Es war nicht sicher, ob das zu ihr passte. Aber der Gedanke war da.

Thorian bot ihr ein paar Tipps an, auch wenn er kein anerkannter Meister sei.

"Hmm, vielleicht fällt mir ja noch was ein."

Sie zuckte leicht mit den Schultern.

Danach führte er sie nach oben zu seinem Bereich für Holzarbeiten. Es sei nichts Besonderes, meinte er, einfach eine Werkstatt. Aber Sziedeyna betrachtete die Werkbänke durchaus interessiert.

Er habe hier einige Dinge für Loretta angefertigt.

"Da hat sie sich sicher gefreut über Eure Arbeiten", sagte Sziedeyna.

"Ich hoffe", entgegnete Thorian.

Dann kam er wieder auf das Training zurück.

"Nun, wann treffen wir uns?"

Sziedeyna überlegte. Ob sie im Hof trainieren würden? Thorian meinte, der Platz könne reichen. Oder die Straße, ergänzte Sziedeyna. Die führe ja nur zu ihm.

"Von mir aus gleich morgen."

Thorian sagte vorsichtig zu. Vielleicht komme aber doch etwas dazwischen, dann solle sie ihm nicht böse sein. Er blickte entschuldigend.

Sziedeyna nahm auch das gelassen. Falls nicht morgen, dann ein anderes Mal. Sie könne immer erst etwas später, da sie vorher arbeiten müsse. Etwa so wie heute, vielleicht etwas eher.

Ab Mitte der Woche passe ihm später auch ganz gut.

"Ich würde dann einfach vorbeischauen", sagte Sziedeyna. "Falls Ihr nicht da seid, gehe ich wieder. Ist ja kein weiter Weg."

Thorian lächelte ehrlich erfreut über diese Wendung des Abends. Er freue sich schon auf die gemeinsamen Übungen.

"Ja", sagte Sziedeyna. "Das wird bestimmt interessant. Ich bringe dann meine komplette Ausrüstung mit."

Der Abend war inzwischen weit vorangeschritten. Thorian bat schließlich darum, ihn zu entschuldigen, da er früh auf müsse.

"Natürlich", sagte Sziedeyna und nickte leicht.

Sie verabschiedete sich höflich. Es sei angenehm gewesen, ihn kennenzulernen. Auf ein erfolgreiches Training.

Thorian bot an, sie selbstverständlich noch heimzugeleiten, wenn sie das wünsche.

"Ach, das ist nicht nötig, aber vielen Dank."

Er nickte.

"Dann habt Dank für die angenehme Gesellschaft."

Sziedeyna nickte ihm mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln zu. Es mochte etwas unheimlich wirken, aber vielleicht lag das nur daran, dass ihr Lächeln nie ganz dort begann, wo Menschen es erwarteten. Es war klein. Selten. Nicht warm im gewöhnlichen Sinne. Eher wie ein Licht hinter dunklem Glas.

Thorian erwiderte es dennoch auf seine übliche Weise.

"Auf bald... Thorian", sagte sie.

Er überlegte ganz kurz, dann machte er es ihr nach.

"Gute Nacht... Sziedeyna."

Sie nickte ihm noch einmal zu, machte kehrt und ging.

Hinter ihr verschwand Thorian wieder im Haus. Sziedeyna hingegen ließ die Nacht erneut an sich heran. Der Abend hatte als zufällige Begegnung begonnen, mit Laternen, Sand und einem durstigen Handwerker vor der Villa Auenstein. Nun gab es ein Haus am Meer, ein versprochenes Training, einen Mann, der wieder Held sein wollte, und eine Möglichkeit, die noch keine Form hatte.

Dann veränderte sich ihr Körper wieder.

Und eine Fledermaus verschwand in der Dunkelheit.

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