Online: 6

Der Pakt

Sziedeyna

Dieser Text wurde mittels KI aus dem Rollenspiel-Log erstellt.

Als Sziedeyna aus der Tür trat, war die Nacht bereits über Britain gefallen.

Thorian saß draußen, zufrieden dreinblickend, in Gedanken versunken. Für einen Moment blieb sie in der Tür stehen und sah ihn an. Es war ein ungewohntes Bild. Nicht, weil er dort saß. Sondern weil es sich beinahe selbstverständlich anfühlte, ihn dort zu finden.

"Ah, da bist du ja."

Sie lächelte ihn zufrieden an.

Thorian erhob sich sogleich und erwiderte das Lächeln.

"Hast du gut geruht?"

Sziedeyna trat zu ihm und umarmte ihn leicht.

"Ja, schon. Und wie war dein Tag?"

Er erwiderte zunächst die Umarmung, dann gab er ihr einen Kuss auf die Stirn. Eine kleine Geste, warm und beinahe häuslich. Sziedeyna nahm sie auf, ohne auszuweichen. Vielleicht, weil es nichts gab, wovor sie in dieser Geste hätte fliehen müssen.

"Dies und das", sagte Thorian. "Ein wenig umhergezogen auf der Suche nach weiteren Streitern. Aber vielleicht zu halbherzig. Gefunden habe ich niemanden."

"Hm, ja", meinte Sziedeyna. "Das wundert mich nicht, so wie du die Stadt letztens beschrieben hast. Du bist also noch immer auf der Suche."

Thorian wirkte einen Augenblick müde von diesem Gedanken.

"Es ist zum Verzweifeln. Aber nun denn. Es werden sich schon noch welche finden. Hoffentlich, ehe es zu spät ist."

Er zuckte mit den Schultern.

Sziedeyna betrachtete ihn. Da war wieder dieser Mann, der mehr auf sich lud, als er sagte. Der suchte, obwohl er vielleicht selbst längst erschöpft war. Der eine Stadt verteidigen wollte, deren Menschen womöglich nicht einmal wussten, wie dünn die Linie war, hinter der die Gefahr wartete.

"Wenn du mein Schwert brauchst", sagte sie, "ich stelle es gewiss zur Verfügung."

Thorian sah sie an.

"Wie du schon festgestellt hast: Britain ist auch dein Zuhause."

Sziedeyna nickte langsam.

Zuhause.

Das Wort war noch immer seltsam. Es lag nicht einfach weich in ihr. Es stieß hier und da an etwas. An die Nacht. An Hunger. An Keller, verschlossene Fenster und das Wissen, dass jeder Morgen ihr letzter sein konnte, wenn nur ein Vorhang falsch hing. Aber es war nicht falsch.

"Und wir alle werden dir danken, wenn dein Schwert dann vonnöten ist", sagte Thorian und lächelte.

Sziedeyna schaute etwas sorgenvoll.

"Ich hoffe nur... dass mich das nicht zu sehr exponiert. Du weißt ja..."

Thorian wurde ernst.

"Man wird sich nicht aussuchen können, zu welcher Tageszeit der Kampf zu uns kommt. Vielleicht ist es sogar wichtig, jemanden in seinen Reihen zu wissen, dem die Nacht besser liegt."

Sziedeyna wiegte den Kopf bedächtig hin und her. Dann sah sie ihn an.

"Du gehst ein Risiko mit mir ein, und ich will dasselbe für dich tun."

Sie lächelte ihn freundlich an.

Da wurde etwas Hartes in Thorians Blick sichtbar. Nicht gegen sie. Für sie vielleicht. Oder für Britain. Für all das, was er in Gefahr sah.

"Und sollte es so kommen, halte dich nicht zurück gegenüber den Feinden Britains."

Die Härte in seiner Stimme war ungewöhnlich.

"Wie diesen Lords?", fragte Sziedeyna.

"Besonders bei denen. Die sind keinen Deut besser als Dunkelelfen."

"Verstehe. Ich werde auf ihre Insignien achten."

Thorian nickte ihr zu. Dann versuchte er wieder ein freudigeres Lächeln und griff nach ihren Händen.

"Wir wollten uns heute Abend ja deinem Heim annehmen."

Sziedeyna ließ sich greifen und schaute ihm interessiert in die Augen.

"Ah, ja. Sehr gern! Bin gespannt, was du hergestellt hast."

"Ich habe über Tag ein wenig Material und das Werkzeug hingeschafft."

"Na dann, auf geht's?"

"Jawohl!"

Sziedeyna hielt ihn bei der Hand und zog ihn leicht mit sich, enthusiastisch, fast ungeduldig. Thorian ließ sich gerne ziehen.

Auf dem Weg fiel ihr eine Laterne auf.

"Hast du die auch aufgestellt?"

"Ehm, nein. Die stand schon hier, als ich auftauchte."

"Ach so."

Sie zuckte mit den Schultern und ging weiter.

Thorian lachte leicht.

"Wenn's auch kaum Streiter hat. Handwerker gibt's wohl genug."

"Hm", machte Sziedeyna. "Dann ist es wohl besonders gut, dass du wieder umschwenkst."

Es klang beiläufig, aber nicht unbedeutend. Thorian nickte sacht.

Als sie ihr Haus erreichten, schaute Sziedeyna sich um. Es war noch immer das unscheinbare Haus. Aber schon jetzt fühlte es sich anders an, weil Thorian mit ihr davor stand und nicht nur sie allein.

"Ist alles da?"

"Ich nehme doch an?"

"Gut. Dann lass uns reingehen."

Drinnen betrachtete Sziedeyna konzentriert den Raum, als wolle sie sich noch einmal einprägen, was er gewesen war, bevor er etwas anderes wurde.

Karg. Leer. Zweckmäßig. Fast unbewohnt.

Ein Haus, das eher verriet, was fehlte, als was da war.

Thorian begann, sich umzusehen, Maß zu nehmen, Dinge zu prüfen, zu rücken, zu überlegen. Ein Tisch hier, vielleicht dort ein Regal. Unten die Trainingspuppe, damit sie nicht zwischen Schlaf und Kamin stand. Aufbewahrungsmöglichkeiten. Stühle. Eine Kiste, die noch erreichbar bleiben musste. Der Raum wurde nicht mit einem Schlag verwandelt, sondern Stück für Stück befragt.

Was brauchst du?

Was bist du?

Was könntest du werden?

Oben kam noch einmal der Schminktisch zur Sprache.

"Also ein Schminktisch braucht es nicht, sagst du?", fragte Thorian.

Sziedeyna stellte sich vor ihn.

"Hmm, vielleicht doch?"

"Grundsätzlich nicht", meinte er. "Aber, hm. Vielleicht, um eine Tarnung aufzusetzen?"

Sziedeyna schaute ihm prüfend in die Augen.

"Also nur zur Tarnung hübsch sein?"

Thorian merkte offenbar, dass der Boden unter seinem Satz weicher war, als er gedacht hatte.

"Zur Tarnung anders aussehen. Vielleicht weniger hübsch und somit weniger auffällig?"

Er tippte sich an die Stirn.

"Rein pragmatisch gedacht."

Sziedeyna war sichtlich unzufrieden mit dieser Antwort, ging aber nicht weiter darauf ein. Sie wandte den Blick wieder prüfend auf den Raum. Trotzdem blieb der Satz zwischen ihnen hängen wie eine schlecht eingepasste Diele.

Nicht, weil Thorian grausam gewesen wäre. Das war er nicht. Gerade deshalb traf es auf eine seltsame Weise. Sziedeyna hatte sich nie viel aus Kleidern, Schmuck oder feinem Auftreten gemacht. Aber seit kurzer Zeit begann etwas in ihr, Freude daran zu finden. Nicht nur als Maske. Nicht nur, um weniger aufzufallen. Sondern weil sie vielleicht schön sein wollte. Für sich. Für ihn. Für ein Leben, das nicht nur aus Überleben bestand.

Thorian suchte weiter nach Lösungen. Er holte noch etwas, stellte probeweise Möbel, entschied sich wieder um, fragte nach gröberer oder feinerer Struktur, nach Tischgröße, nach Stühlen. Engine-Schritte wurden zu Handwerk. Aus Pixeln wurde langsam Wohnlichkeit.

Ein Tisch für vier Personen.

Gepolsterte Stühle.

Ein Regal.

Eine Trainingspuppe.

Mehr Dinge, als dieses Haus zuvor gewohnt gewesen war.

Als sie später alles betrachteten, stand Sziedeyna zufrieden im Raum.

"Fehlen nur noch die Kissen", sagte sie.

Dann ließ sie sich auf einen Stuhl fallen.

"Ist doch ganz nett geworden."

Thorian lächelte.

"Im Zweifel geht es auch noch einen Abend ohne sie."

"Ja, solange nehmen wir die Stühle."

Er meinte, es sei schon noch etwas leer. Aber ausreichend, abgesehen von den Kissen.

Sziedeyna zündete die Kerze auf dem Tisch an.

Das Licht fiel warm über das neue Mobiliar, über das Holz, über die Flasche Most, die noch dort stand. Zum ersten Mal wirkte ihr Haus nicht nur wie ein Ort, an dem man nicht starb. Es wirkte wie ein Ort, an dem man bleiben konnte.

Thorian schielte auf die Flasche.

Sziedeyna sah ihm durch den Kerzenschein zufrieden in die Augen und folgte dann seinem Blick.

"Etwas Durst hätte ich schon", sagte er. "Aber nicht das gute Zeug. Eher ein Bier, hm."

"Hm. Ich könnte eines holen?"

Thorian war nicht abgeneigt.

Sziedeyna erhob sich geschwind.

"Gut! Bin gleich wieder zurück."

Sie verließ das Haus und kam bald darauf mit ein paar Flaschen Bier zurück. Eine stellte sie vor Thorian hin, die anderen auf den Boden neben den Tisch.

Thorian grinste ihr entgegen.

"Auch an weitere Abende gedacht. Sehr schön."

Er lachte leise.

"Hab vielen Dank."

Seine Stimme war liebevoll. Sziedeyna nickte ihm mit einem verschmitzten Lächeln zu.

"Gern!"

Doch als Thorian die Flasche öffnete, schaute er mit einem etwas mulmigen Blick zwischen Bier und Sziedeyna hin und her.

Sziedeyna bemerkte es.

"Es ist angenehm, dass ich keine Ausreden mehr finden muss, warum ich nichts mittrinke."

"Schmeckt es dir denn auch gar nicht?", fragte er. "Oder liegt es nur am Bier selbst?"

Sziedeyna lehnte sich entspannt auf dem Stuhl zurück.

"Schmecken? Nun ja, es liegt eher an etwas anderem."

Thorian senkte leicht die Stimme.

"Also Nahrungsaufnahme, im herkömmlichen Sinne, schadet dir?"

"Nicht direkt..."

Sziedeyna suchte nach passenden Worten.

"Alles, was reinkommt und kein Blut ist, will wieder raus."

Sie verzog etwas das Gesicht und achtete auf seine Reaktion.

Thorian verzog ziemlich ähnlich das Gesicht.

"Es findet dann eher den Weg, den es hinein nahm...? Das kann ich leider nur zu gut nachvollziehen."

Sziedeyna schaute ihn an, halb verlegen, halb erleichtert, dass er nicht angewidert zurückwich.

"Meine Organe sind tot. Mein Körper verarbeitet herkömmliche Nahrung nicht mehr, und sie nutzt mir auch nichts mehr. Ich könnte sie für den Geschmack zu mir nehmen, aber muss sie dann irgendwie..."

Sie zögerte wieder.

"...rausbekommen."

Für einen Moment sah sie aus, als bereue sie die Worte. Als sei diese Wahrheit zu körperlich, zu unfein, zu sehr ein Blick hinter einen Vorhang, den man sonst geschlossen hielt.

Thorian nickte sacht. Er fand Worte, vorsichtig und nicht grausam. Ja, das wäre dann wenigstens bewusst herbeigeführt. Ein Unterschied zu dem, was der Körper wolle, wenn er dem Alkohol überdrüssig geworden sei.

Nahrung sei einfach kein Teil ihrer Physiologie mehr, erklärte Sziedeyna. Der Most sei eine Ausnahme. Sie schaute kurz zur Flasche.

Thorian trank endlich einen Schluck aus seiner Bierflasche.

Sziedeyna lächelte ihn an und schaute ihm beim Trinken zu.

"Aber ich schau dir auch gerne nur zu."

Thorian vermied danach einen zu genussvollen Gesichtsausdruck. Sziedeyna bemerkte es und grinste kurz.

"Es darf dir ruhig schmecken. Sei einfach du und ich bin einfach ich."

Thorian lächelte seicht.

"Naja, das Bier ist ganz in Ordnung."

"Das freut mich!"

Er nickte zu ihrem Vorschlag mit einem liebevollen Lächeln.

Sei einfach du und ich bin einfach ich.

Für Sziedeyna war das vielleicht der einfachste und schwierigste Satz der Welt. Weil er bedeutete, dass Unterschied nicht sofort Trennung sein musste. Dass er essen, trinken, schlafen, atmen, altern konnte. Und sie nicht. Dass sie trotzdem an einem Tisch sitzen konnten, als wäre ein Heim etwas, das nicht nur Menschen mit warmem Blut zustand.

Aber ein Gedanke beschäftigte sie.

Thorian bemerkte es.

Wenn der Most eine Ausnahme sei, sie diese Flasche aber vorerst aufbewahren wolle, hoffe er auf einen baldigen nächsten Tavernenabend mit ihr.

"Ich habe sie eher als Andenken", sagte Sziedeyna. "Die ursprüngliche Wirkung ist ja verflogen."

Dann lächelte sie.

"Und ja, ich freue mich schon auf den nächsten Tavernenbesuch. Mit dir."

Thorian betrachtete sie.

"Na, und wenn es nur ums Anstoßen geht. Aber sag, beschäftigt dich etwas?"

"Erwischt."

Sziedeyna sah ihn ernster an.

"Dein... Angebot..."

Thorian blickte kurz auf seinen Arm, dann wieder zu ihr.

Sziedeyna nickte leicht.

"Es ist edel, aber... es kann mich nicht wirklich ganz nähren. Nicht ohne dir zu sehr zu schaden."

Thorian fragte vorsichtig, ob es sie wieder danach verlange.

Sziedeyna seufzte tief.

"Das hatte es längst."

Thorian wirkte verwirrt.

"Hat es im Schlaf stattgefunden und ich merkte nichts?"

Die Frage war vielleicht ein wenig naiv, aber nicht vorwurfsvoll.

"Nein", sagte Sziedeyna. "Nicht du."

Scham trat in ihr Gesicht. Sie suchte in seinen Augen nach etwas, das sie nicht verlieren wollte.

"Wenn ich von dir so viel nehmen würde, wie ich bräuchte, wärst du schnell nicht mehr..."

Sie senkte die Stimme.

"...am Leben."

Thorian schaute einen Moment konsterniert.

"Du kannst mich gar nicht ganz von meiner Schuld befreien", sagte Sziedeyna. "Und das wollte ich dir sagen, weil ich ehrlich zu dir sein will."

Sie sah ihn unsicher an.

Thorian strich sich über den Bart und versuchte sich an einem Lächeln.

"Mit anderen Worten: Du warst aus, um dich anderweitig zu nähren?"

Er umschrieb es vorsichtig, als wolle er das Wort nicht schärfer machen als nötig.

Sziedeyna nickte kurz.

"Ja."

Thorian brauchte einen Moment, um die Information zu verarbeiten.

"Und ich... hatte gedacht..."

Sziedeyna zögerte.

Thorian blickte zu ihr, als wolle er sie zur Fortführung ermutigen.

"Du bist stark..."

Sie brach wieder ab.

"Vielleicht..."

Noch einmal zögerte sie. Thorian rang innerlich sichtbar mit dem, was sie sagte und nicht sagte, blieb aber geduldig.

Schließlich schüttelte Sziedeyna frustriert den Kopf und stieß etwas Luft aus.

"Ich kann dich unmöglich darum bitten."

Ihre Finger tippelten nervös auf der Tischfläche.

Thorian legte den Kopf schief.

"Du kannst mich um alles bitten", sagte er mit sanfterer Stimme.

Sziedeyna rieb sich ein Ohr.

"Gut. Ich frage dich. Du kannst ja Nein sagen."

Thorian nickte.

Sziedeyna sammelte sich.

"Also... vielleicht magst du mein... Komplize sein und mich rechtzeitig stoppen? Damit ich lerne, mich zu zügeln? Ich fürchte, ich schaffe es allein nicht. Habe es mir so oft vorgenommen und dann..."

Ihre Stimme wurde leise, fast gehaucht.

"...nicht geschafft."

Sie sah ihn flehend an.

Thorian erstarrte einen Moment. Dann atmete er beinahe erleichtert aus.

"Darum geht es dir. Also möchtest du, dass ich anwesend bin, wenn du... dich nährst?"

"Eigentlich nicht", sagte Sziedeyna. "Aber ja. Vielleicht kann ich dann meine Schuld verringern?"

Thorian wurde nüchterner, aber nicht kälter.

"Das ist keine Kleinigkeit. Aber nicht, weil du diesen, für dich unangenehmen Moment mit mir teilen willst."

"Sondern?"

Er sah sie beinahe dankbar an.

"Sondern weil du mir die Chance geben willst, nicht nur dir zu helfen, sondern einen Menschen vor dem sicheren Tod bewahren zu können?"

Sziedeyna nickte leicht.

Thorian atmete tief durch.

"Diesen Wunsch werde ich dir nicht abschlagen können. Im doppelten Sinne nicht. Wer wäre ich, diese Verantwortung nicht annehmen zu können?"

"Na", sagte Sziedeyna leise, "es gäbe auch eine andere Alternative."

Thorian blickte fragend.

Sziedeyna deutete zu den Vorhängen.

"Du weißt schon."

"Ich verstehe leider nicht ganz, was du andeuten möchtest."

"Du könntest mich, mit all dem Wissen über mich, auch einfach..."

Sie zuckte mit den Schultern.

Thorian zog die Luft ein, als hätte ihn etwas gestochen.

"Ich habe dir etwas versprochen!"

Die Worte kamen plötzlich aus ihm heraus.

"Und wie könnte ich nicht daran festhalten wollen, wo du mir gerade eine Möglichkeit offeriert hast, diesem Fluch, deinem Fluch, entgegenzustehen? Wo ich selbst nicht gereiche als Spender, ist das mehr, als ich erwarten könnte!"

Sziedeyna sah ihn an. Rührung stand ihr im Gesicht.

Dann nickte sie.

"Danke, Thorian."

Sie stand auf und setzte sich neben ihn. Er blickte sie mit Ehrlichkeit in den Augen an. Sziedeyna näherte ihr Gesicht dem seinen. Thorian wirkte ergriffen von dieser Wendung und schloss in Erwartung die Augen.

Sziedeyna formte ihre Lippen zu einem Kuss, der ihn sanft traf.

Sie lehnte sich leicht an ihn. Thorian erwiderte den Kuss und hielt sie danach in einer Umarmung.

So verharrten sie eine Weile.

Dann löste Thorian die Umarmung, um sachlicher zu fragen:

"Wie aber mag das vonstattengehen?"

Sziedeyna schaute ihn an.

"Nun... normalerweise gehe ich durch die Stadt und suche ein passendes, eine passende, ein Ziel. Wo ich ungestört bin. Und dann... mache ich etwas mit dem Geist."

Thorian blickte interessiert auf.

Sziedeyna sah ihn konzentriert an.

Für einen Moment fühlten sich seine Gedanken an, als würden sie verrührt. Ohne klaren Fokus, ohne Willen, ohne Wissen, wer er war. Nur einen Augenblick lang. Dann verflüchtigte sich der Effekt wieder.

Thorian schüttelte den Kopf, als wolle er etwas daraus entfernen. Ihm entfuhr ein missbilligendes Grunzen, als er begriff, dass er völlig unvorbereitet beeinflusst worden war.

Sziedeyna fuhr fort, vielleicht zu schnell:

"Und dann beginne ich."

Thorian nickte bedächtig.

"Der Unterschied zu bisher wäre", sagte sie, "dass du mich begleitest und mich rechtzeitig stoppst. Es hätte auch den angenehmen Nebeneffekt, dass du auf mich aufpassen kannst."

Sie lächelte ihn sanft an.

Thorian erwiderte:

"Ich passe dann ja mehr auf das potenzielle Opfer auf. Aber das sagt mir durchaus zu."

"Oh, das freut mich!"

Sziedeyna schmiegte sich noch einmal an ihn.

Thorian strich ihr über das Haar und fragte, wie das Opfer zurückbleibe, wenn es so im Kopf beeinflusst wurde, aber den Vorgang überlebte.

"Zunächst verwirrt", sagte Sziedeyna. "Und am Ende wird es sich an nichts Genaues erinnern. Oder an das, was ich wollte."

Sie hielt inne.

"Es gab Momente, da hat... das Opfer überlebt. Da hat mich irgendetwas..."

Sie dachte nach.

"Irgendetwas abgehalten."

Thorian nickte sacht.

"Das ist gut. Du kannst also doch ablassen und bist nicht gänzlich unbeherrscht."

Sziedeyna wurde sehr ruhig.

"Weißt du, wenn ich trinke, dann trinke ich nicht nur Blut."

Sie suchte nach Worten.

"Ich trinke..."

Dann sah sie ihn an, als müsse er verstehen, bevor sie weitersprach.

"Wenn ich von dir trinke, dann trinke ich... dich."

Thorian dachte kurz nach.

"Also ist Blut nicht nur eine metallisch schmeckende Flüssigkeit für dich?"

"Nein, viel mehr. Blut ist eine... Welt. Jeder Mensch trägt eine kleine Welt in sich und die schmecke ich. Und noch mehr. Sie geht auf mich über."

Sie saß ganz ruhig da.

Thorian sah erstaunt aus, als öffne sich vor ihm eine neue Erkenntnis. Dann begann er beinahe verlegen:

"Und... mein Blut schmeckt dir also? Was sagt es über mich aus?"

"Dein Blut hat diese Ruhe", sagte Sziedeyna. "Aber da ist noch mehr, das sich mir noch nicht ganz erschlossen hat."

Dann lächelte sie zufrieden.

"Aber um die Ruhe zu spüren, muss ich dein Blut nicht trinken. Deine Nähe reicht aus."

Thorian erwiderte ihren Blick.

"Wahnsinn", flüsterte er. "Wer hätte das gedacht."

Sziedeyna legte den Kopf an seine Schulter und wurde ganz still.

"Diese Ruhe", hauchte sie.

Thorian legte seinen Kopf an den ihren und verharrte mit einem Lächeln auf den Lippen.

Einige Minuten verstrichen so.

Dann wurde Thorian wieder rationaler.

"Ganz so leicht, wie es zunächst klang, wird es aber nicht."

"Nein", sagte Sziedeyna leise, ohne die Position zu verlassen. "Da hast du wohl recht. Du... hast mich ja erlebt. Ich hoffe einfach, dass es mit der Zeit leichter wird."

"Dich abhalten wird funktionieren", sagte Thorian. "Vielleicht gereicht meine Anwesenheit, dass du dich besser zügeln kannst. Aber ich muss eine Barriere überwinden lernen."

Er blickte entschuldigend.

"Ich werde zunächst zuschauen müssen, dass etwas mit einem womöglich Unschuldigen passiert."

"Hm."

Sziedeyna dachte nach.

"Das bringt mich auf eine Idee. Was, wenn wir uns Opfer suchen, die nicht unschuldig sind? Wäre das leichter für dich?"

Thorian fragte, wer bestimme, ob ein Spender unschuldig sei, oder wie man das herausfinden solle.

Sziedeyna lächelte etwas verwegen.

"Fragst du dich das auch bei jenen Spitzbuben, bevor du sie mit deinem Schwert richtest?"

Das Lächeln bekam eine unheimliche Qualität.

"Vielleicht müsste ich mich bei ihnen nicht einmal zügeln?"

Thorian reagierte auf dieses Lächeln mit einem schiefen Grinsen, blieb aber ernst.

"Wenn die Schuldfrage geklärt ist..."

Er atmete tief ein.

"Nein!"

Dann fügte er schnell hinzu:

"Aber die Schwere der Schuld ist da ein großer Faktor."

"Das kannst du mir ja dann sagen."

Sziedeyna hielt ihm die Hand hin wie zu einem Vertragsabschluss.

"Also? Ein Pakt?"

Thorian stellte klar, dass man nicht jeden richten könne, der eine kleine Schuld in sich trage.

"Ich überlasse es dir, darüber zu entscheiden", sagte Sziedeyna.

"Ohweh", machte Thorian. "Da mutest du mir einiges zu, Liebste. Sowas erfordert Recherche und sowas. Innerhalb dieser Stadtmauern werden wir so nicht vorgehen können, denke ich. Da präferiere ich das Vorgehen mit dem..."

Er suchte nach Worten.

"...nur halbwegs leertrinken."

"Wie du möchtest."

Sziedeyna hielt ihm weiterhin die Hand hin.

Thorian wischte sich mit Daumen und Zeigefinger über Augen und Nasenrücken.

"Über die Details müssten wir noch einmal nachdenken, aber nun gut."

Er nahm ihre Hand und schüttelte sie leicht.

Der Pakt war geschlossen.

Sziedeyna nickte zufrieden. Dankbarkeit lag in ihrem Blick. Dann lehnte sie sich wieder entspannt an ihn.

"Wahnsinn", wiederholte Thorian leise, mit einem Grinsen, während er den Kopf schüttelte.

"Das ist es wohl", sagte Sziedeyna und seufzte.

Dann wurde sie leiser.

"Ich hoffe, du bereust es nicht, dich auf mich eingelassen zu haben."

"Pff", machte Thorian. "Du hast Dinge in mir hervorgebracht, die ich glaubte verloren zu haben."

"Gute Dinge?"

"Ich glaube schon, ja."

Sziedeyna schloss für einen Moment die Augen.

"Das ist gut... dass ich so etwas kann."

Wieder vergingen einige stille Momente.

Dann fragte Thorian leise, wie es gerade aussehe. Ob sie Durst verspüre.

"'Etwas' Durst verspüre ich fast immer", sagte Sziedeyna, "außer ich habe mich gerade sattgetrunken. Aber das heißt nicht, dass ich unbedingt etwas trinken muss."

Thorian bot mit liebevoller Stimme an, sie sollten sich für heute keine Gedanken um etwaige Opfer machen. Sie solle einfach sagen, wenn sie etwas benötige.

Sziedeyna schaute ihn kurz fest an.

"Ja, werde ich."

Später kam wieder Bewegung in ihren ruhigen Leib.

"Hm. Was machen wir denn diese Nacht noch?"

"Ein Spaziergang einfach?", schlug Thorian vor.

"Ja, warum nicht. Ich ziehe mir kurz etwas anderes an."

Sie verschwand nach oben und kam im roten Kleid zurück. Thorian nahm derweil seinen Umhang und den Hut.

"Ah, das rote Kleid", sagte er. "Es steht dir noch etwas besser als das vorherige."

Sziedeyna lächelte ihn an und nahm seine Hand.

Sie gingen hinaus.

Die Stadt lag in ihrer späten Ruhe. Sziedeyna schaute sich um, bewegte sich mit jener Aufmerksamkeit, die nicht nur sah, sondern suchte. An einem Stamm ließ sie sich nieder. Thorian wischte erst über die Oberfläche, um ihn von Schmutz zu befreien. Sziedeyna stand kurz wieder auf, klopfte ihr Kleid ab und wischte ebenfalls darüber.

"Habe schon an schlimmeren Orten gesessen", schmunzelte Thorian.

Er streckte den Arm aus und legte ihn um ihre Schulter. Sziedeyna lehnte sich an ihn und schaute zufrieden umher.

Dann sagte sie leise:

"Ja, so beginnt es meist. Ich setze mich irgendwo hin und schaue, wer so vorbeikommt."

Thorian machte nur knapp "Oh" und nickte sacht.

"Man lernt die Stadt mit der Zeit gut kennen", fuhr Sziedeyna fort. "Die Leute verweilen selten lange hier. Sie gehen irgendwo hin. Und dann folgst du ihnen."

Wie auf ein Stichwort trat eine Frau aus dem Stall. Etwa dreißig Sommer mochte sie gesehen haben. Der Geruch von Pferd hing noch an ihrer Kleidung, während sie ihre Haare ordnete und die schwarze Tunika glättete. Ihr Blick wanderte umher, flatternd, prüfend, kurz verweilend.

Sziedeyna schmunzelte leicht.

Leise zu Thorian sagte sie:

"Siehst du? Manchmal muss man nur warten, bis das Kaninchen seinen Bau verlässt."

Sie deutete unauffällig zu der Frau.

Thorian hob sacht die linke Augenbraue, nickte dann aber.

Sziedeyna musterte die Fremde eingehend.

"Hast du sie schon einmal gesehen?", hauchte sie.

Thorian verneinte mit einem leichten Kopfschütteln.

"Gut."

Doch dann irritierte Sziedeyna plötzlich etwas. Nicht an der Frau. Eher in der Umgebung. Sie ließ den Kopf ein paar Mal sacht kreisen, als wolle sie etwas erspüren. Thorian bemerkte die Veränderung, sein Blick wurde ernster.

Auf einmal stand Sziedeyna auf und ging ein paar Schritte. Dann weiter, ohne Thorian weiter zu beachten. Sie schien wieder etwas in der Umgebung zu suchen.

Thorian blieb überrascht zurück, erhob sich dann aber und folgte ihr.

Sziedeyna hatte etwas gefunden.

Oder jemanden.

In der Bank erblickte sie Ancanagar.

Leise, aber für Ancanagar problemlos hörbar, sagte sie:

"Wusste ich es doch."

Mehrere klappernde Geräusche waren zu hören, dann das Klicken eines Schatullenschlosses. Ancanagar nickte dem Bankier zu und wandte sich langsam um. Aufmerksamkeit flutete den Raum und konzentrierte sich schnell auf Sziedeyna. Gehobene Augenbrauen.

"Ich bin gefunden worden."

Ihre Stimme war hell und gut gelaunt. Dann wurde sie ernster.

"Dem Tag zum Gruße, Sziedeyna."

Sziedeyna lächelte sie an.

"Grüße", sagte sie, eher gehaucht.

Dann sah sie an Ancanagar hinunter.

"Schönes Kleid."

Sie blickte kurz zu Thorian zurück, als wüsste sie, dass er dort stand, nickte ihm kurz zu und wandte sich wieder Ancanagar zu.

Thorian blieb in einiger Entfernung stehen, die Stirn gerunzelt. Er verschränkte die Arme im Versuch, lässig zu wirken, doch wer genauer hinsah, hätte Anspannung bemerkt. Fürsorge. Vorsicht. Und vielleicht das Gefühl, in eine Geschichte geraten zu sein, deren erste Kapitel er nur in Andeutungen kannte.

Ancanagar nickte auch ihm zu.

"Und auch dir einen Gruß zu später Stunde, Thorian."

Dann nahm sie Sziedeynas Bemerkung auf. Es sei nicht leicht, eine Farbe zu finden, die im Sternen- oder Fackellicht nicht eigenartig mit heller Haut aussehe.

"Vielleicht hast du so eines auch für mich?", fragte Sziedeyna und schmunzelte leicht. "Meine Haut ist deiner ja recht ähnlich."

Dann fragte sie, was Ancanagar in die Stadt führe.

Ancanagar dachte kurz nach. Neugierde und Erinnerung, sagte sie. Die Suche nach Festigkeit.

Sziedeyna schaute fragend.

"Du suchst noch immer dieses... Wie nanntest du es zuletzt?"

Ancanagar wirkte unwohl. Sie sei selbst nicht sicher, wie sie es genau nennen würde. Sie möge nur nicht länger wie ein ahnungsloses Gespenst im Nebel umherirren. Erinnerung sei wohl ein guter Anfang. Daher sei sie hier. Oder dort, wo sie schon oft gewesen sei.

Sziedeyna blickte wieder kurz zu Thorian, dann zu Ancanagar.

"Hmm, wollen wir uns draußen setzen?"

Ancanagar nickte. Sie sei hier fertig.

Sziedeyna zeigte ein freudiges Lächeln, in das sich auch Besorgnis mischte.

"Schön, dann komm."

Sie versuchte, Thorian mitzuziehen. Er widersetzte sich nicht.

Draußen setzten sie sich an eine Dreierbank. Sziedeyna in die Mitte, Ancanagar gegenüber beziehungsweise seitlich am Tisch, Thorian an ihrer anderen Seite. Sziedeyna griff unter dem Tisch nach Thorians Hand und schaute dabei Ancanagar die ganze Zeit genau an.

Thorian stellte höflich eine Frage nach Ancanagars Erledigungen. Ancanagar antwortete, sie habe ein paar alte Dinge aus einem Schließfach geholt. Alles sei noch an Ort und Stelle gewesen. Dann grinste sie klein.

"Das Dokument zur Magierwürde, ausgehändigt von der Akademie zu Moonglow. Hah."

Sie habe es aber von sich gewiesen.

Thorian bezweifelte höflich, dass sie es nicht zurecht erhalten habe. Ancanagar erwiderte gemessen, nicht zu Unrecht, nein. Aber sie habe Dinge erlebt, gesehen und gespürt, die sie an ihrer eigenen Fähigkeit zweifeln ließen. Sie möge sich in ihrem Zustand nicht Magierin nennen.

Sziedeyna folgte aufmerksam, konnte mit manchen Worten aber wenig anfangen.

Leise murmelte sie nur:

"Magier."

Ancanagars Aufmerksamkeit schlich zu ihr.

"Wir sind ein verschrobenes Völkchen, das ist wahr. Wie eigenartig, dabei habe ich immer versucht, den Bezug zum normalen, echten Leben zu wahren."

Thorian schnaubte hauchzart, aus einem Grund, den er nicht erklärte. Dann lächelte er wieder ehrlicher, wohl weil er unter dem Tisch Sziedeynas Hand spürte.

Ancanagar lehnte sich vor, hell und voller Kraft.

"Aber das ist ja völlig unwichtig im Augenblick. Erzählt mir von euch beiden."

Sziedeynas Blick fiel sofort auf Ancanagars Arme. Unversehrte Finger, helle Haut, dünn und filigran. Hände, die aussahen, als hätten sie nie härtere Arbeit getan, als einen Federkiel zu halten.

Sie sah fragend zu Thorian, dann zurück zu Ancanagar.

"Tja, hm."

Irgendwie wirkte sie verschlossen.

Ancanagar fragte mit kaum verhohlenem Vergnügen:

"Soll ich raten?"

In Thorians Blick lag für einige Momente etwas Fernes. Sziedeyna löste ihre Hand unter dem Tisch von seiner, richtete sich auf, huschte um den Tisch herum und setzte sich neben Ancanagar.

Dann nahm sie Ancanagar urplötzlich fest in den Arm.

Die Neugierde in Ancanagars Gesicht verwandelte sich in Überraschung. Ein leises "Huh" entfuhr ihr, doch sie wich nicht zurück. Nach einigen Momenten tätschelte sie Sziedeynas Arm und lächelte versonnen.

"Vielleicht kein Raten?"

Sziedeyna löste sich wieder und lächelte sie nur an.

Dann blickte Ancanagar zu Thorian, nachdenklich, bevor ihr Vergnügen neu aufflammte.

"Doch, ich rate. Thorian hat dich zu Pferde beinahe umgeritten, du bist in den Schlamm gefallen, und er hat dich aufgehoben. Dann haben sich eure Blicke getroffen."

Sziedeyna schaute zu Thorian, als wäre gerade etwas vollkommen Selbstverständliches geschehen.

Thorian versuchte zu antworten.

"Weniger ein Pferd, und nicht sie lag im Schmutz, aber ich hockte am Boden."

Ancanagar schnippte mit den Fingern.

"Na, nah genug."

Sziedeyna stand wieder auf und kehrte an Thorians Seite zurück.

Thorian erklärte etwas tölpelhaft, er sei Sziedeynas Nachbarin bei einer Laterne zur Hilfe gewesen. Nun ja, und Sziedeyna habe ihn angesprochen.

"Er war... interessant", sagte Sziedeyna.

Thorian lächelte sacht über diese nüchterne Umschreibung.

Sziedeyna schmiegte sich wieder etwas an ihn und suchte unter dem Tisch seine Hand.

Ancanagar maß nun erst Sziedeyna, dann Thorian. Etwas hatte sich an der Qualität ihrer Aufmerksamkeit verändert. Sie betrachtete Details in seinen Zügen, seine Schultern, seine Oberarme, sein Kinn, seinen Kehlkopf. Stumm. Bewertend. Nicht plump, aber unübersehbar.

Dann senkte sie den Blick mit einem Hauch Entschuldigung.

"Das freut mich für euch", sagte sie weich.

"Und ich mag ihn...", sagte Sziedeyna.

Nach einer kurzen Pause schob sie hinterher:

"...sehr."

Dabei stupste sie Thorian leicht mit ihrem Körper an und suchte zufrieden lächelnd seinen Blick.

Thorian wirkte unsicher, wie er das Gespräch weiterführen sollte. Doch der Stupser gab ihm Anlass, Sziedeyna ein weiteres Lächeln zu schenken.

Dann wurde Ancanagar ernster. Ihr Zögern war deutlich spürbar. Schließlich fragte sie direkt, mit einem Hauch Härte in der Stimme:

"Hast du Thorian erklärt, was es bedeutet, sich dir zu nähern, Sziedeyna?"

Sziedeyna lächelte Ancanagar an und nickte eifrig.

"Ja, das habe ich."

Thorian spannte sich sichtbar an, als Ancanagar es ansprach. Sziedeyna schaute kurz zu ihm, um seine Reaktion zu sehen.

Ancanagar erwiderte das Lächeln zunächst nicht. Spannung saß in ihren Schultern. Erst Sziedeynas Worte ließen wieder Entspannung zu. Sie nickte langsam, lehnte sich zurück.

Dann setzte sie sich mit geradem Kreuz auf und sah Thorian durchdringend an.

"Dann heiße ich dich willkommen, Thorian."

Unsicherheit, Unwohlsein und Erleichterung wechselten in rascher Folge über ihr Gesicht. Am Ende blieb ein kleines Lächeln.

"Das muss sicher alles sehr befremdlich für dich wirken."

Thorian nickte bedächtig, aber mit Dankbarkeit in den Zügen.

"Es ist etwas verwirrend. Aber in einer überraschend guten Weise."

"Er möchte mir sogar helfen", sagte Sziedeyna zu Ancanagar.

Mehr führte sie zunächst nicht aus.

Thorian nickte bestätigend.

"Und ich bin sehr dankbar für seine Hilfe."

Thorian wirkte wie ein ehrliches Wesen, das Zweifel gehabt hatte, diese aber hatte beiseiteschaffen können.

Ancanagar sagte, sie müsse wohl nicht zur Vorsicht mahnen. Sie rate nur zu genauem Nachsinnen, was sie täten und was nicht. Wenn sie irgendwie Rat erteilen könne, dann...

Sie sprach nicht weiter, nickte nur.

"Oh, auf das Angebot greife ich gerne zurück", sagte Sziedeyna.

Thorian schloss sich an.

Sziedeyna blickte freudig zwischen beiden hin und her.

"Es ist schön, dass du jetzt da bist. Es ist schön, dass ihr beide da seid!"

Unter dem Tisch drückte Thorian ihre Hand. Sziedeyna schmiegte sich noch enger an ihn.

Ancanagars Blick wurde melancholisch. Dann fand sie ein Lächeln. Sie hoffe, Sziedeyna verzeihe ihr, wenn sie sage, dass es Zufall gewesen sei, dass sie sich hier trafen. Aber vielleicht auch nicht. Sie habe ja gesagt, sie finde Sziedeyna. Oder anscheinend finde Sziedeyna sie.

Thorian warf ein:

"Die Gelegenheit fand euch beide zur selben Zeit."

Sziedeyna lehnte den Kopf an Thorians Schulter.

"Auf Leid kommt Freud", murmelte sie nebenbei, mit einem etwas verklärten Lächeln.

Thorian löste seine Hand von ihrer, nur um den Arm um ihre Hüfte zu legen. Sziedeyna deutete ihm körperlich sacht an, dass sie das mochte.

Ancanagar bemerkte Thorians Formulierung und antwortete mit einem Funken Anerkennung.

"Zwei Blätter, vom selben Wind getragen. Mhm."

Dann selbstkritisch:

"Falsche Jahreszeit."

Sziedeyna schaute sie mit jenem fragenden Blick an, den sie immer dann hatte, wenn sie nicht ganz verstand, was Ancanagar sagen wollte.

Dann wurde Thorian ernster.

"Ich bin mir der Tragweite eurer Zustimmung zu dieser Beziehung mehr als bewusst. Und ich danke Euch, dass ihr mir..."

Er wurde etwas leiser.

"...eure Tochter anvertraut."

Sziedeyna schaute plötzlich auf und dann zu Thorian. Ihr Blick ging suchend zu Ancanagar. Sie schluckte leicht.

Auch Thorian beobachtete Ancanagars Reaktion.

"Ah", sagte Ancanagar. "Tochter."

Erst Thorian, dann Sziedeyna wurden Ziel ihrer grauen Augen.

Dann nickte sie schlicht.

"Ja. Nun. So streng ist die Hierarchie nicht, zumindest nicht in meinem nahen Umfeld."

Sie lehnte sich wieder vor, Nachdenklichkeit tief in die Züge gegraben.

"Ich denke, ihr passt zueinander, so ich das nach unserem kurzen Treffen sagen kann."

Sziedeyna atmete erleichtert aus.

Dann sah sie Ancanagar mit einem Blick an, in dem Liebe liegen mochte.

Thorian nickte bedächtig, als sei er vom Wahrheitsgehalt ihrer Aussage überzeugt. Dann atmete er tief ein und wieder aus und machte einen zufriedenen, vielleicht sogar glücklichen Eindruck.

Sziedeyna sah ihn dabei an und tat es ihm gleich.

"So viele gelüftete Geheimnisse in so kurzer Zeit."

Dann kam ihr ein Gedanke.

"Aber Thorian, dein Glaube an... den Lichteinen, der steht dir nicht im Weg bei... uns?"

Thorian dachte kurz nach.

"Der Lichteine wird es mir vergeben müssen, wenn es ihm anstößt. Ich bleibe dem Guten ein Diener. Das wird er wissen."

Ancanagar griff den Glauben auf. Im Grunde sei das kein Problem, wenn er wisse, wie unerbittlich einige seiner Diener gegen unsereins seien. Das sollten sie im Kopf behalten. Selbst Sziedeyna könnte das Blütenweiß der Paladine anlegen, wenn ihr danach wäre.

Sziedeyna wurde nachdenklich.

"Das Blütenweiß", hauchte sie.

Dann brach es aus ihr hervor, an Ancanagar gerichtet:

"Trotz der Schuld?"

Thorian sagte bedächtig:

"Vielleicht beweisen wir ihnen, dass sie nicht immer richtig liegen."

"Ach", begann Sziedeyna, "ich will einfach nur in Ruhe..."

Sie stoppte vor dem nächsten Wort.

Thorian blickte fragend.

Sziedeyna wurde frustriert.

"Ich wollte sagen: leben. Aber lebe ich? Leben wir?"

Sie wandte den Blick fragend zu Ancanagar.

Ancanagar lächelte.

"Natürlich. Du bewegst dich, lachst, liebst, trinkst."

Das Lächeln vertiefte sich.

"Und natürlich nicht. Dein Atem, dein Herz ist still, die Sonne straft dich aufs Äußerste. Also kannst du sagen, wonach dir gerade ist. Zumindest halte ich das so."

Sziedeyna nickte sacht.

Dann sah sie zu Thorian.

"Natürlich lebst du", sagte er ernst und ehrlich. "Du... ihr... seid doch keine bloße Existenz, sondern fühlende Wesen mit einer Seele. Vielleicht mit einem Makel. Aber den hat doch jeder in gewisser Weise. Und je nach Betrachtungsweise."

"Schön, dass du das so siehst."

Sziedeynas Kopf näherte sich seinem zu einem Kuss.

Ancanagar hob vage die Schultern.

"Ja, nun, Seele... Schwer, darüber Genaueres zu sagen, aber von einigen Quellen ausgehend fehlt uns diese. Das letzte wahre Ausatmen hat wohl diesen Aspekt von uns gehen lassen. Was auch immer das bedeutet."

Thorian sprach dennoch weiter, liebevoll.

"Und diesen Makel werden wir gemeinsam so klein halten, wie nur möglich. Und wenn ich ihn auch nicht tilgen kann, so kann ich sehr viel davon mit mir nehmen."

Er gab sich dem Kuss hin.

Sziedeyna legte danach den Kopf wieder an seine Schulter und wirkte einfach zufrieden.

Ancanagar betrachtete die beiden einige Augenblicke lang. Dann erhob sie sich langsam.

"Ich denke, ich überlasse euch beide nun einander. Zögert nicht, mich aufzusuchen, wenn ihr Fragen habt oder irgendetwas ansteht. Sziedeyna, du weißt ja, wo ich wohne."

Sziedeyna sah zu ihr auf.

"Oh, ja. Und du kannst mich auch gerne jederzeit besuchen kommen."

Thorian stand der Höflichkeit halber auf.

"Lady Ancanagar, ich danke für dieses Gespräch aufrichtig."

Sziedeyna löste sich von ihm und ging noch einmal zu Ancanagar, um sie zu drücken. Ancanagar trat um den Tisch, lächelte Thorian an und erwiderte Sziedeynas Umarmung.

Dann wisperte sie einen eigenwilligen Abschied:

"Der Segen einer endlosen Nacht mit euch beiden."

"Auf bald!", sagte Sziedeyna.

Ancanagar löste sich, neigte den Kopf und trat in die Dunkelheit.

Sziedeyna blickte ihr noch nach.

Dann wandte sie sich Thorian zu, ein Lächeln auf den Lippen.

"Das war sie also", stellte er leise fest.

"Ja", sagte Sziedeyna andächtig. "Das war... sie."

Thorian sagte, er freue sich für sie und für sie beide, dass das Treffen so positiv ausgefallen sei.

Sziedeyna umarmte ihn noch einmal. Als sie wieder von ihm abließ, lagen ein paar kleine Tränen in ihren Augen. Aber sie wirkte glücklich.

Thorian wischte ihr mit dem Daumen eine Träne von der Wange.

"War gut, dass wir rausgegangen sind", sagte Sziedeyna.

Thorian nickte sacht.

"Ehrlich gesagt hatte ich große Angst vor diesem Treffen und hoffte, ihn nicht so bald herbei."

"Ablehnung vielleicht?", sagte er mit leicht schiefem Grinsen, als sie nachfragte.

"Davor hast du Angst?", fragte Sziedeyna verblüfft.

"Natürlich. Es wäre doch weniger schön und harmonisch, wenn bei weiteren Treffen nur Kälte zwischen ihr und mir läge."

"Ja, das stimmt natürlich." Sziedeyna dachte nach. "Hm, ich hätte nur eher Sorge vor... deiner Ablehnung gehabt. Na ja, eine unter vielen Sorgen."

"Vielleicht konnte ja auf beiden Seiten diese Sorge beseitigt werden."

Sziedeyna nickte langsam.

"Zugegeben, es ist noch immer alles etwas unwirklich für mich. In so wenigen Tagen ist so viel passiert."

Thorian stimmte zu. So etwas hätte er sich niemals erträumen können.

Dann sagte Sziedeyna:

"Thorian, nimmst du es mir nicht übel, wenn ich diese Nacht einmal alleine schlafe? Ich muss das alles einmal sacken lassen."

Thorian verbarg schnell seine Überraschung und nickte lächelnd.

"Nein, tue dies gerne."

"Nächste Nacht sind wir wieder vereint."

Sie lächelte ihn warm an.

"Ich zähle die Stunden", antwortete er ebenso warm.

"Bringst du mich noch nach Hause?"

Thorian nickte nur und ergriff ihre Hand.

Vor ihrem Haus umarmte Sziedeyna ihn noch einmal liebevoll und gab ihm einen Kuss.

"Dann ruhe dich gut aus, Liebste."

"Und du dich, Liebster."

Thorian hielt sie einen Moment länger, als fiele es ihm schwer, dass sie sich diese Nacht trennten. Sziedeyna drückte ihn ebenfalls fest.

Als sie sich langsam von ihm löste, versuchte sie sich damenhaft vor ihm zu verneigen.

Thorian wollte sich wohl an den Hut tippen, da fiel ihm dessen Fehlen auf.

"Ohweh..."

Er sah sich um.

"Der liegt wohl noch bei der Bank!"

Sziedeyna konnte nicht anders, als diesen kleinen Riss im feierlichen Abschied beinahe liebenswert zu finden.

"Oh, dann hol ihn geschwind, ehe der Wind ihn sich schnappt."

"Das werde ich. Also... bis morgen, Sziedeyna."

Trotz aller Bemühungen hallte leichtes Bedauern in seiner Stimme nach.

Sziedeyna hauchte eher:

"Bis bald, Thorian."

Er streifte noch einmal ihre Hand und wandte sich nach Süden. Sziedeyna sah ihm nach. Thorian blieb stehen, drehte sich noch einmal zu ihr um und winkte mit einem lieben Lächeln auf den Lippen.

Dann ging er.

Sziedeyna winkte ebenfalls.

Als er fort war, wandte sie sich um und betrat ihr Haus.

Es war nicht mehr so leer wie früher.

Nicht nur wegen der Möbel. Nicht nur wegen Tisch, Stühlen, Regal, Kerze und Trainingspuppe.

Sondern weil nun etwas darin wohnte, das vorher keinen Platz gehabt hatte.

Ein Pakt.

Ein Versprechen.

Und die leise, fast ungeheuerliche Möglichkeit, dass selbst eine Kreatur der Nacht nicht nur Unheil in ein Haus tragen musste, sondern auch Zukunft.

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