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Most #5

Sziedeyna

Dieser Text wurde mittels KI aus dem Rollenspiel-Log erstellt.

Am nächsten Abend war Sziedeyna wieder bei Thorians Haus.

Sie hatte nicht lange gewartet, als sie drinnen schwere Schritte hörte. Einige Dielen knarrten unter seinem Gewicht, und kurz darauf schwang die Tür auf. Thorian trat heraus, holte einmal tief Luft und verzog dann das Gesicht, während er versuchte, sich zu strecken. Es wirkte, als sei der Tag bereits in seinem Körper hängen geblieben.

Sziedeyna horchte auf und klopfte ein paar Mal gegen das Holz.

Er reckte sich noch einmal, ehe sein Blick auf sie fiel. Für einen Moment huschte ein erfreutes Lächeln über sein Gesicht.

Sziedeyna nickte ihm kurz zu.

"Grüße, Thorian."

"Guten Abend, werte Sziedeyna", entgegnete er. "Schön, dass Ihr es einrichten konntet!"

Sziedeyna meinte vielleicht wieder dieses kaum merkliche Lächeln auf ihren Lippen zu spüren, das nicht ganz aus ihr herauswollte, aber auch nicht gänzlich verborgen blieb.

"Natürlich."

Thorian deutete Richtung Eingangstor, und Sziedeyna trat auf das Grundstück D'Ulferan. Sie musterte ihn kurz von oben bis unten.

Er trug Rüstung.

Das veränderte etwas an ihm. Am Vorabend hatte sie ihn noch mit Schürze, Werkzeugen und Laternen gesehen, als einen Mann, der Sand glättete und Eimer trat. Nun stand er ihr in Metall gegenüber. Die Gestalt war dieselbe, aber sie war anders gefasst. Ein Körper, der sich nicht nur bewegte, sondern sich gegen Bewegung von außen wappnete.

"Wie ich sehe, seid Ihr bestens gewappnet", sagte er.

Sziedeyna trat kurz an ihn heran und klopfte einmal gegen das Metall seiner Rüstung.

Thorian schien sich ein Zusammenzucken verkneifen zu müssen.

"Hm", machte Sziedeyna. "Das klingt nicht schlecht."

Sie nickte anerkennend und trat wieder zurück.

"Ich habe mir heute meine ausgemusterte Rüstung mitgebracht."

Thorian meinte, sie sei mehr als ausreichend für ihr Vorhaben. Vielleicht übertreibe er selbst gerade auch etwas. Dann bot er an, auf eine Kettenrüstung zu wechseln, falls ihr das besser passe.

Sziedeyna ließ ihren Blick über seine Rüstung wandern und bewegte sich dabei leicht von links nach rechts, um einzelne Teile besser sehen zu können. Es hatte etwas Sachliches, beinahe Tierärztliches. Sie betrachtete nicht nur das Metall, sondern das, was es mit ihm machte. Wie es saß. Wo es ihn hielt. Wo es ihn vielleicht behinderte.

"Hauptsache, sie schützt zuverlässig."

Nach kurzer Zeit nickte sie ihm zu.

Dann rotierte sie die Arme, ließ die Schultern folgen. Ihre eigene Rüstung saß passgenau und machte bei normalen Bewegungen kaum Geräusche. Sie war ihr vertraut. Nicht neu, nicht prunkvoll, aber zuverlässig. Ein abgelegter Teil ihres alten Alltags vielleicht, und dennoch ausreichend für diesen Abend.

Thorian gab zu, seine Rüstung sei noch recht neu und er müsse sich selbst noch daran gewöhnen. Aber die Gelenke seien unbeschädigt und gut geölt.

"Es wird also schon gehen."

"Gut", sagte Sziedeyna. "Womit fangen wir an?"

Sie hielt kurz inne.

"Ich muss gestehen, dass ich wenig Erfahrung im Kampf gegen Menschen habe. Da könnt Ihr mir vielleicht noch einiges beibringen."

Thorian schien das durchaus ernst zu nehmen. Wichtig sei zuvorderst zu wissen, dass ein menschlicher Gegner meistens schlauer agiere als etwaige Monster. Das sei Lektion Nummer eins.

Sziedeyna nickte zustimmend.

Thorian führte weiter aus, Menschen seien in der Regel vorsichtiger und abschätzender als Ungeheuer, die gerne direkt vorpreschten.

"Da habt Ihr wohl recht", sagte Sziedeyna. "Monster sind meist nur durch ihre Kraft, Größe oder Geschwindigkeit gefährlich. Und sie haben oft mehr als eine... Waffe. Klauen, Zähne, Gewicht, Schwanz."

Thorian gab ihr recht.

Sziedeyna zog ihr Schwert.

"Das muss ich generell einmal fragen: Welche Waffe bevorzugt Ihr? Ich das Langschwert."

Thorian überlegte kurz. Schwerter seien derzeit erste Wahl. Er habe sich aber auch schon im Kampf mit einer Pike geübt, was ein gänzlich anderer Stil sei.

Sziedeyna nickte. Gegen bestimmte Monster könne das sicherlich besonders effektiv sein.

Dann wurde Thorian leiser, beinahe verschwörerisch. Für die ganz dicken Brocken trage er etwas Gift auf die Spitze auf.

Er zwinkerte beinahe schelmisch.

Sziedeyna schmunzelte leicht.

"Alles, was hilft."

Sie dachte nicht in jenen ritterlichen Kategorien, in denen ein Sieg sauber sein musste, um zu zählen. Wenn etwas überlebte, war es nützlich. Wenn etwas half, war es gut genug, sofern man bereit war, mit den Folgen zu leben.

"Falls Ihr gutes Gift haben solltet, ich hätte da durchaus Interesse."

Thorian riss sich wieder zusammen und wurde ernster. Heute solle es um etwas anderes gehen. Dennoch nickte er auf ihre Frage hin. Er könne später etwas abgeben.

"Sehr gern", sagte Sziedeyna.

Dann schaute sie auffordernd zu seinem Waffenknauf.

Thorian zog nun ebenfalls sein Schwert.

Sziedeyna betrachtete es.

"Schönes Schwert."

Er meinte, auch hier hätte er vielleicht eine andere Klinge besorgen sollen.

"Ja", gab Sziedeyna zurück. "Es wirkt schon etwas zu schade für den heutigen Zweck."

Thorian winkte ab. Wenn es schartig werde, bekomme es eben einen Besuch beim Schmied.

"Gut, das müsst Ihr wissen."

Dann begann er zu erklären. Beim Kampf gegen einen anderen, scharf denkenden Gegner ähnlicher Größe sei die Beinarbeit das A und O. Auch wenn sie in schwerer Panzerung schwieriger sei.

"Beinarbeit", wiederholte Sziedeyna und nickte.

Vielleicht solle er ihr das einfach zeigen. Sie komme einmal auf ihn zu.

Sie hielt ihr Schwert in mittlerer Höhe, die Spitze auf ihn gerichtet, und machte einen Ausfallschritt. Thorian reagierte sofort defensiv und wich nach hinten aus.

Es mache immer Sinn, sagte er, dem Gegner den ersten Moment zu lassen und ihn einzuschätzen. Dann schlug sein Schwert mit mittlerer Stärke nach ihrem.

Sziedeyna fand den Gedanken sinnvoll. Den Gegner richtig einzuschätzen war immer wichtig. Sie ging wieder einen Schritt zurück und senkte ihr Schwert.

Thorian ergänzte, besonderes Augenmerk gelte der Balance des Gegenübers.

"Dann macht Ihr doch mal den Anfang."

Sziedeyna wurde still.

Ihr Blick veränderte sich. Die Augen fixierten ihn nicht mehr eindeutig, sondern schienen eher durch ihn hindurchzusehen. Sie stand absolut still, ohne jede Regung, das Schwert leicht schräg nach unten gehalten wie eine Schranke vor sich.

Für einen Moment war da nicht mehr die Frau, die mit ihm sprach, sondern etwas Geschlossenes, Wartendes. Ein dunkler See ohne Wellen. Man konnte hineinsehen und sah doch nicht, was darunter lag.

Thorian hob die Klinge zu einem Hieb nach unten, schritt aus und versuchte eine Finte, indem er die Waffe dann doch horizontal heranfahren ließ. Aber der Angriff wirkte plump, vielleicht halbherzig. Als hätte er sich nicht ganz entscheiden können, ob er wirklich angreifen oder nur zeigen wollte, wie ein Angriff aussehen könnte.

Er schien sich darüber selbst zu ärgern.

Sziedeyna verharrte bis zum letzten Moment in ihrer Pose. Dann zog sie mit der Schwerthand die Schranke nach oben, hob seine Klinge von unten an, drehte sich im selben Moment nach rechts weg und stand plötzlich neben ihm. Danach nahm sie eine entspannte Haltung ein und senkte das Schwert wieder.

"Hm."

Sie schaute ihn an.

"So viel Mühe habt Ihr Euch aber nicht gegeben, habe ich den Eindruck."

Thorian bat um Verzeihung. Wenn es nicht sehr hilfreich erscheine, was er hier fabriziere. In der Praxis fühle es sich einfach anders an als jetzt. Das intuitive Kämpfen lasse sich schlecht so nachbilden.

Das verstand Sziedeyna durchaus. Ein Übungskampf war nicht dasselbe wie Gefahr. Gefahr hatte Geruch. Druck. Endgültigkeit. Sie machte aus jeder Bewegung eine Entscheidung. Hier aber schwebte alles in einem gepolsterten Zwischenreich. Man wollte einander nicht verletzen, aber zugleich wollte man nicht bloß tanzen. Es war schwierig, daraus Wahrheit zu gewinnen.

Doch Thorian fügte hinzu, er habe auch noch ein Bein zu bieten.

Noch ehe Sziedeyna ganz einsortiert hatte, was er meinte, trat er zur Seite und nahm ihr Kniegelenk ins Visier.

"Oh!"

Ihr Bein knickte ein, wo er es traf, und sie fiel leicht nach hinten. Thorian fuhr rasch den freien Arm aus, um nach ihr zu greifen und sie vor dem Hinfallen zu bewahren.

"Na hoppla", meinte er mit schelmischem Grinsen.

Sziedeyna ließ sich von ihm auffangen und kam ihm dabei recht nah.

Für einen Moment war die Übung verschwunden. Da war nur die Nähe. Rüstung, Körper, Atem, Wärme. Der Abstand, den sie sonst mit Blicken, Pausen und höflichen Formulierungen verwalteten, war plötzlich zusammengeschmolzen. Nicht auf dramatische Weise. Eher beiläufig. Gerade deshalb traf es sie.

"Immer auf der Hut sein, werte Sziedeyna", sagte Thorian mit milder Stimme und lächelte sie an.

Sziedeyna lächelte leicht.

"Damit hätte ich nun, äh... nicht gerechnet."

Sie nutzte den Moment, um mit der Nase etwas an ihm zu schnuppern.

Es war keine Geste, die sie groß bedachte. Eher ein Impuls. Die Nähe hatte ihr erlaubt, was Distanz sonst nur andeutete. Thorian roch nach Metall, nach Arbeit, nach Mensch. Nach Blut unter Haut, nach Wärme in einem Körper, der noch nichts davon ahnte, wie deutlich er sprach.

Dann richtete sie sich wieder auf.

Thorian lachte leise. Das sei so der Plan gewesen.

Sziedeyna steckte ihr Schwert in den Schutz.

Thorian schaute überrascht drein. Sein eigenes Schwert ließ er lässig an der Seite zum Boden zeigen.

"Aber Ihr habt recht", sagte Sziedeyna. "Es ist etwas... abstrakt, hier solche Übungen zu machen."

Sie dachte einen Moment nach.

"Was haltet Ihr davon, wenn wir gemeinsam... echte Ziele suchen? Jeder macht einen Vorschlag. Aber dafür ist es heute spontan wohl schon zu spät."

Auf jeden Fall könnten sie sich dann gegenseitig über die Schulter schauen.

Thorian schlug ein Ziel im nahen Umland vor. Es solle südlich einige Räuber geben. Die hätten wohl eine Abreibung verdient, wenn sie sich schon so nah an die Stadt trauten.

Sziedeyna nickte zustimmend.

"Ich bin auf Untote spezialisiert. Skelette, Zombies und auch mal etwas zähere Biester. Davon findet man immer genug auf alten Friedhöfen. Aber ich kenne auch ein Höhlensystem, das welche beherbergt."

Thorian nickte. Untote zu vernichten klinge immer gut und vor allem richtig.

Wieder dieses Wortfeld. Untote. Vernichten. Richtig.

Sziedeyna ließ es diesmal stehen. Vielleicht war es besser so. Vielleicht war es sogar nützlich, wenn er in ihr zunächst nur eine Kämpferin sah, die alte Friedhöfe durchsuchte und Dinge aus kalten Händen löste. Noch musste er nicht wissen, welche Kälte sie selbst kannte.

Thorian fragte, wohin es zuerst gehen solle.

"Ist mir eigentlich gleich. Aber dafür bräuchte ich dann eh erst meine andere Ausrüstung."

Er stimmte zu. Das sei ratsam.

Dann stellte er fest, der Abend sei bereits vorangeschritten. Und auch wenn die Übungen noch etwas seicht gewesen seien, hätte er nichts gegen einen Umtrunk.

Er fragte nach dem Most, von dem sie in Baretis Taverne erzählt hatte.

Sziedeynas Blick hellte sich etwas auf.

"Der Most Nummer fünf."

Die Wendung des Abends gefiel ihr. Nicht, weil sie das Training nicht fortsetzen wollte. Im Gegenteil. Aber die Übung war an einen Punkt geraten, an dem sie entweder künstlich weitergeführt oder in etwas Echtes überführt werden musste. Eine Jagd war für später. Ein Umtrunk war jetzt möglich.

"Ja, warum nicht", sagte sie. "Wir haben es uns zwar nicht verdient, aber wer sagt, dass wir das müssen."

Thorian lachte. Etwas Vorschuss für die Jagd demnächst.

"Oder so."

Sie schlug vor, sich dort zu treffen. Sie müsse sich erst noch umziehen.

Thorian nahm an, sie werde ebenso wie er einen Moment brauchen.

"Bis gleich dann!"

"Bis bald."

Sziedeyna wandte sich um und ging schnellen Schritts. Thorian schien über diese Wendung gar nicht traurig, sondern blickte zufrieden drein.

Sie kehrte in ihr eigenes Haus zurück, wechselte die Gestalt und kurz darauf auch Kleidung und Auftreten. Die Rüstung verschwand. Die Nacht nahm sie wieder auf.

Als sie bei Baretis Taverne ankam, war Thorian bereits dort.

"Ah, da seid Ihr ja schon", sagte Sziedeyna.

Er lächelte ihr zu. Es schien, als hätte er sich sehr beeilt. Sein Hemd saß etwas schief.

Dieser kleine Umstand gefiel ihr auf eine Weise, die sie nicht ganz benennen wollte. Es war kein großer Ausdruck von Zuneigung, nichts Feierliches. Nur ein schiefes Hemd. Aber manchmal verrieten gerade solche Kleinigkeiten, dass jemand wirklich gekommen war. Nicht später, nicht irgendwann, sondern jetzt.

"Dann lasst uns reingehen."

Thorian huschte vor und öffnete ihr die Tür.

In der Taverne war bereits Leben. An der Theke saßen andere Gäste, und Gesprächsfetzen lagen in der Luft. Namen wie Finsterrode und Aetherium fielen, ein junger Mann wirkte verloren in einer Familiengeschichte, die offenbar größer war als er selbst, und Alicent von Finsterrode antwortete mit jener leichten Selbstverständlichkeit, die manchen Menschen wie ein feiner Mantel um die Schultern liegt.

Sziedeyna nahm das alles wahr, aber nur am Rand.

Sie sah sich um und fragte Thorian, wo er sitzen wolle.

"Ah, die besten Plätze sind schon besetzt", raunte er ihr zu und schmunzelte.

Sziedeyna warf Bareti einen Blick zu und nickte ihr kurz zu. Dann entschied sie:

"Gern am Feuer."

Thorian fand das perfekt.

Sie setzten sich links hinten, nahe der Feuerstelle. Sziedeyna mochte es dort. Natürlich mochte sie es dort. Feuer war nicht nur Licht. Es war geborgte Wärme. Ein vorübergehender Betrug am eigenen Körper. Und vielleicht war das manchmal genug.

Bareti begrüßte die beiden und fragte, ob ihnen die neue Feuerstelle gefalle. Ihr sei zugetragen worden, dass der Taverne etwas Wärme fehle.

"Ja", sagte Sziedeyna an Bareti gewandt. "Das ist eine sehr willkommene Ergänzung."

Thorian erklärte Bareti, die Dame Sziedeyna habe gemeint, ihr Most Nummer fünf sei großartig.

Bareti bestätigte diese Einschätzung lebhaft und fragte, ob sie eine gemeinsame Flasche servieren dürfe.

Sziedeyna war das recht. Sie schaute zu Thorian, der zustimmend nickte.

Bareti huschte hinter die Theke und kehrte mit Gläsern und Flasche zurück. Die Gläser waren auffallend sauber. Geradezu extrem sauber. Als habe jemand beschlossen, dass sogar Licht darin weniger Staub finden dürfe als anderswo.

Sziedeynas Blick lag auf der Flasche.

Thorian fragte, ob die Nummer fünf für den fünften Versuch stehe oder eher für die fünfte Kreation.

Bareti stellte die Flasche zwischen die beiden, entkorkte sie und füllte die Gläser. Dann hob sie ein eigenes Glas, das Thorian hätte schwören können, eine Sekunde zuvor noch nicht in ihrer Hand gesehen zu haben.

Tatsächlich sei es der fünfte Versuch gewesen, erklärte sie. Treffend analysiert.

Thorian griff nach seinem Glas.

"Dann auf Euer Wohl, meine Damen!"

Bareti hob ihr Glas ebenfalls.

"Auf schöne Abende!"

Sziedeyna hob ihr Glas zum Anstoßen. Thorian nickte erst Bareti zu, dann ihr.

"Und auf erfolgreiche... Jagden", fügte er mit einem Lächeln an.

"Auf erfolgreiche Jagd!"

Die Gläser trafen sich mit einem leisen Klang.

Sziedeyna trank einen Schluck und beobachtete Thorian ganz genau.

Bareti tat es ebenfalls, wissend um die Wirkung dieses Getränks. Denn wer zum ersten Mal Lichtmost zu sich nahm und sich nicht gegen seine Wirkung wehrte, wurde in eine Erinnerung zurückversetzt. Je nach eigener Gemütsverfassung mochte sie angenehm oder schmerzhaft sein. Der Most half dabei, vergessene oder verlorene Erinnerungen neu zu erwecken, als wäre alles gerade erst geschehen.

Thorian nahm zunächst nur einen kleinen Probeschluck.

"Mundet", stellte er fest.

Der zweite Schluck fiel schon größer aus.

Sziedeyna ließ ihr Glas langsam auf den Tisch gleiten und betrachtete ihn weiterhin gespannt.

Dann begann sein linkes Augenlid kurz zu zucken. Ganz leise, aber hörbar, entfleuchte ihm ein Grunzen. Er räusperte sich und tat, als sei nichts gewesen.

Sziedeyna konnte sich ein leises Schmunzeln nicht verkneifen. Ihr Lächeln blieb diesmal etwas länger als sonst.

Thorian blickte einige Momente in sein Glas und auf die türkise Flüssigkeit.

Sziedeyna nahm wieder einen Schluck und löste den konzentrierten Blick von ihm, doch er fiel noch einmal kurz auf sein Glas.

"Und", fragte Thorian sie dann, "schmeckt er noch so wie in Eurer Erinnerung?"

An Bareti gewandt fügte er hinzu, der Most sei sehr lecker.

Bareti grinste kurz und wandte sich leise ab, offenbar bemüht, die beiden nicht zu stören.

Sziedeyna dachte über seine Frage nach.

"Der Geschmack erinnert mich noch immer an das erste Mal, und damit geht der Effekt nicht gänzlich verloren."

Sie hielt einen Moment inne.

"Das erste Mal war... besonders."

Thorian fragte, wie es bei ihr gerade gewesen sei, und schaute ehrlich interessiert.

Sziedeyna zögerte.

In der Taverne liefen die Gespräche weiter. Der junge Tan von Finsterrode suchte noch immer nach den Umrissen seiner Familie. Alicent antwortete ihm, Bareti war kurz in Gedanken versunken. Stimmen, Gläser, Feuer. Alles war da und zugleich fern.

"Es ging um... meine... Mutter", sagte Sziedeyna schließlich.

Thorian nickte. Mütter, Großväter, das seien alles prägende Persönlichkeiten.

"Und meine... Geburt", fügte Sziedeyna hinzu. "Ja, seltsam, dass ich mich... daran erinnere."

Thorian staunte. Wahrlich kaum zu glauben, dass das Gedächtnis diesen Moment behalte. Er selbst habe daran jedenfalls keine Erinnerung.

Sziedeyna ließ den Blick etwas ausweichend durch den Raum wandern und schaute kurz zu den Anwesenden an der Theke.

"Ja", murmelte sie dann. "Es war wohl eine Ausnahme. Ein besonderes Ereignis sozusagen."

Das war eine Untertreibung, und sie wusste es. Aber manche Wahrheiten ließen sich nicht auf den Tisch legen wie ein Glas. Nicht hier. Nicht jetzt. Vielleicht überhaupt nicht, solange der andere noch glaubte, Geburt sei bloß der wichtigste Moment eines jeden Lebens.

Thorian hob leicht die Schultern. Immerhin sei es ein, wenn nicht der wichtigste Moment eines jeden.

"Durchaus", sagte Sziedeyna leise. "Durchaus."

Sie nahm noch einen Schluck.

Da hob Thorian das Glas zu einem Trinkspruch.

"Auf Mütter, Großväter und all die Menschen, die einem das Leben ermöglichen!"

Für einen Moment erstarrte Sziedeyna.

Die Worte trafen sie unvorbereitet.

Nicht, weil sie grausam gemeint waren. Im Gegenteil. Gerade deshalb. Es war ein gutmütiger Satz, ein warmer Satz, ein menschlicher Satz. Und doch öffnete er in ihr etwas, das nicht warm war. Menschen, die einem das Leben ermöglichen. Was bedeutete das für sie? Wer hatte ihr welches Leben ermöglicht? Welche Geburt zählte? Die erste? Die zweite? War Ancanagar Mutter, Schöpferin, Verlust, Wunde? War ihre eigentliche Geburt der Moment, an den der Most sie erinnerte, oder jener andere, blutigere Moment, der sie von sich selbst getrennt hatte?

Sie raffte sich wieder und hob ebenfalls ihr Glas.

Thorian lächelte ihr zu, wartete ihren Schluck ab und trank dann seinerseits.

Sziedeyna trank nur knapp und stellte das Glas schnell wieder ab.

Etwas an ihr mochte verändert wirken.

Thorian blickte sie besorgt an.

"Ist alles in Ordnung, Sziedeyna?"

Sie schaute etwas unsicher zu ihm. Ihr Blick streifte sein Gesicht, einmal, dann wieder. Als suche sie etwas darin. Nicht eine Antwort. Eher einen Halt. Eine Möglichkeit, ihn an eine Stelle in ihrem inneren Geflecht zu setzen, ohne dass es sofort riss.

"Ach, äh. Nur eine... Erinnerung."

Sie betrachtete ihn weiter, als ob sie etwas in ihm suchte.

Dann fragte sie, etwas eindringlicher:

"Freunde?"

Thorian schien kurz überrascht. Vielleicht hatte er etwas anderes erwartet. Dann aber freute er sich offenbar.

"Freunde, wie Ihr und die Lady Loretta?"

"Ja?"

Sziedeyna schaute ihn abwartend an.

Es war eine seltsame Frage, wenn man bedachte, dass sie sich erst seit dem Vorabend kannten. Aber Sziedeyna fragte selten aus gesellschaftlicher Leichtfertigkeit. Freundschaft war für sie kein kleines Wort, auch wenn sie es manchmal unbeholfen benutzte. Vielleicht suchte sie keine lange Vorgeschichte, sondern eine Markierung. Eine Art Schutzkreis. Eine Benennung für das, was gerade begann, damit es nicht namenlos zwischen ihnen lag.

Thorian lächelte ehrlich.

"Das klingt gut. Wieso nicht?"

Sziedeyna nickte ihm zu, mit leichtem Lächeln.

"Also Freunde."

Daraufhin hob sie ihr Glas und hielt es ihm entgegen.

Thorian hob rasch seinerseits das Glas und blickte sie fest an.

Die Gläser trafen sich kurz.

"Freunde", sagte er.

Sziedeyna nickte ihm deutlich zu. Dann nahm sie einen größeren Schluck und leerte ihr Glas.

Thorian trank seines in zwei Schlücken ebenfalls aus.

"Schön", sagte Sziedeyna. "Ich mag Euch, Ihr seid nett."

Es klang beinahe schlicht. Vielleicht zu schlicht für das, was darunter lag. Aber in diesem Moment trat eine andere Facette von ihr hervor. Offener, wärmer als gewöhnlich. Nicht zahm. Nicht weich im landläufigen Sinne. Aber zugänglicher. Als hätte der Most nicht nur eine Erinnerung geweckt, sondern auch eine Tür angelehnt, hinter der etwas stand, das sonst im Schatten blieb.

Thorian wirkte etwas verlegen.

"Ähm, ja. Ich gebe mir Mühe."

Dann stellte er fest, wer hätte gedacht, dass das Treffen in einem so netten Abend münde.

Sziedeyna schmunzelte leicht.

"Ich hatte eher damit gerechnet, Euch ein paar Lektionen zu erteilen."

Thorian fügte halb lachend hinzu, er habe eigentlich nur mit ein paar blauen Flecken gerechnet.

"Das holen wir dann nach", sagte Sziedeyna.

Für einen Moment war es leicht zwischen ihnen. Nicht oberflächlich, aber leicht. Eine kleine Insel aus Most, Feuer, schiefem Hemd und künftigen blauen Flecken.

Sziedeyna griff zur Flasche und schaute Thorian fragend an, mit dem Blick auf sein Glas deutend.

Doch Thorian sagte schließlich, man solle gehen, wenn es am schönsten sei.

Sziedeyna schaute auf.

"Ach, wollt Ihr schon aufbrechen?"

Er müsse sich leider langsam auf den Heimweg machen, sagte er mit einem leicht enttäuschten Unterton. Morgen warte wieder früh das Tagewerk.

Sziedeyna schaute ebenfalls etwas enttäuscht.

"Na gut."

Dann sagte sie, sie werde noch etwas wach bleiben. Sie habe noch etwas zu tun.

Thorian lächelte. Aber sie blieben ja in Kontakt und würden sich bald mit ein paar Ungeheuern oder Spitzbuben anlegen.

"Ja", sagte Sziedeyna. "Ich kann es kaum erwarten."

Sie lächelte leicht.

Als Thorian sich erhob, bot Sziedeyna an, ihn mit nach draußen zu begleiten.

Sie suchte kurz Baretis Blick. Die Wirtin verabschiedete sie beide, und Sziedeyna nickte ihr zu.

"Auf bald."

Thorian wünschte auch der übrigen Gesellschaft einen geruhsamen Abend, dann wandten sie sich zum Gehen. Draußen streifte Sziedeyna zwei Neuankömmlinge kurz mit dem Blick. Ungosch ni'Dulana war darunter, und wieder hing diese Drow-Präsenz in der Luft, wie eine alte Störung, die den Raum betrat, ohne um Erlaubnis zu fragen.

Doch Sziedeyna blieb zunächst bei Thorian.

"Dann auf eine baldige Jagd", sagte sie.

"Jawohl, auf bald!"

Er nickte ihr zu.

"Und passt gut auf Euch auf", meinte er ernst.

"Keine Sorge."

Sie wartete darauf, dass er ging.

Thorian nickte ihr nochmals lächelnd zu und wandte sich dann zum Gehen. Nach ein paar Schritten hielt er inne, zückte einen Trank und fingerte in einem Beutel nach einer Rune. Dann verschwand er mittels Magie.

Sziedeyna sah ihm nach.

Er war fort.

Der Abend hinterließ etwas Seltsames in ihr. Es war nicht nur die Aussicht auf eine Jagd. Nicht nur der Most. Nicht nur das kurze Auffangen beim Training oder sein ehrliches Lächeln, als sie nach Freundschaft gefragt hatte. Es war vielmehr, als hätte sich seit gestern eine Linie gebildet, dünn und noch unsicher, aber sichtbar. Eine Linie zwischen der Villa Auenstein, seinem Haus am Meer, der Feuerstelle in Baretis Taverne und etwas in Sziedeyna selbst, das auf neue Weise reagierte.

Dann hörte sie wieder Stimmen hinter sich.

Drow.

"Wieder diese Drow", murmelte Sziedeyna leise zu sich.

Sie verschwand hinter dem Haus.

Kurz darauf löste sich ihre Gestalt erneut in die Nacht auf. Eine Fledermaus stieg in die Dunkelheit, klein und lautlos, während unten in der Taverne das Leben weiterging, als hätte nichts Besonderes stattgefunden.

Aber für Sziedeyna hatte etwas stattgefunden.

Sie hatte einen Mann besucht, um mit ihm zu kämpfen.

Und war mit einem Freund aus der Taverne gegangen.

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