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Herbsthaar und alte Schatten

Sziedeyna

Dieser Text wurde mittels KI aus dem Rollenspiel-Log erstellt.

Es vergingen viele Stunden, bis der Abend kam.

Sziedeyna saß im roten Kleid vor dem Schminktisch und betrachtete sich im Spiegel. Nicht eitel, jedenfalls nicht nur. Eher prüfend. Als müsste sie sich ansehen, um zu begreifen, dass die vergangene Nacht wirklich geschehen war. Dass sie hier war. In seinem Haus. In seinem Zimmer. Vor seinem Spiegel. Nicht als Schatten an der Schwelle, nicht als Besucherin, die gleich wieder in die Nacht zurückfiel, sondern als jemand, der geblieben war.

Der Tag hatte sie verschlossen gehalten. Draußen war Licht gewesen, diese große, goldene Gewalt, die für andere Wärme und Anfang bedeutete. Für sie war es Vernichtung. Doch nun war die Dämmerung gekommen und hatte die letzten Sonnenstrahlen vertrieben. Die Welt gehörte ihr wieder. Oder vielleicht gehörte sie nun ein wenig ihnen beiden.

Thorian war eine Weile außer Haus gewesen und hatte auch im Keller gearbeitet. Als er nun nach oben kam, trug er ein ledernes Täschchen bei sich.

Sziedeyna sah noch einen Moment in den Spiegel, dann wandte sie den Blick zu ihm und lächelte.

Thorian schaute erfreut zu ihr hinüber.

"Du bist schon... auf", sagte er sanft.

"Ja", antwortete Sziedeyna. "Und du hast viel geschafft am Tage?"

"Dieses und Jenes, ja."

Sie schaute zu ihm auf.

"Ich habe mir gedacht, wir könnten ausgehen."

Thorian näherte sich und stellte das Täschchen auf dem Schminktisch ab.

"Oh, was ist das?"

Er blickte erst zu ihr hinab, dann zur Tasche.

"Du hattest vor einigen Tagen nach ein paar Phiolen Gift gefragt."

"Ah!"

Sziedeyna nickte zustimmend. Das hatte sie. Gift war eine nützliche Sache. Nicht hübsch, nicht ehrenhaft in den Erzählungen derjenigen, die sich Ehre leisten konnten, aber wirksam.

"Etwas Gift auf der Klinge macht sich immer gut."

Thorian erklärte, er habe einige Phiolen davon und weitere Tränke angefertigt, die ihr vielleicht eine Hilfe sein könnten. Außerdem habe er noch etwas hineingelegt. Sie solle selbst sehen.

Sziedeyna schaute interessiert hinein.

Zwischen den Phiolen und kleinen Flaschen lag etwas, das nicht einfach nur nützlich war. Etwas, das mehr bedeutete als Alchemie.

"Damit du jederzeit hineinkommen kannst", sagte Thorian.

Sziedeyna klimperte etwas mit den Fingern im Täschchen umher. Dann sah sie wieder zu ihm auf und lächelte ihn erfreut an.

Es war eine kleine Sache und zugleich keine kleine Sache. Zugang. Erlaubnis. Ein stilles "Du darfst kommen". Für jemanden wie Sziedeyna, die so lange zwischen Türen und Schwellen gelebt hatte, war das nicht bloß bequem. Es war fast ungeheuerlich.

"Vielen Dank, Thorian."

Er erwiderte ihr Lächeln glücklich.

"Du möchtest ausgehen?"

Sie nickte bekräftigend.

"Ich hätte Lust. Du auch?"

"Wieso nicht!"

"Die Taverne, wo wir letztens schon mal waren?"

"Auf einen Schluck Most Nummer fünf?"

Sziedeyna nickte zustimmend.

Thorian war einverstanden. Sziedeyna musste nur noch einmal kurz zuhause vorbei. Sie verabredeten sich vor der Taverne. Dann sprang sie freudig auf.

"Bis nachher!"

"Bis gleich!"

Sie gab ihm überraschend einen kleinen Schmatz auf die Wange und eilte die Treppe hinab. Thorian schloss für diesen kurzen Moment freudig die Augen. Er griff noch einmal nach ihrem Arm, um ihn zu streifen, aber da war sie schon fast fort. Kurz darauf hörte man die Haustür.

Dann war Sziedeyna wieder Nacht.

Sie wechselte die Gestalt, flog oder huschte durch die Dunkelheit und erschien später vor der Taverne. Dort wartete sie am Haus, bis Thorian auftauchte.

"Ah, da bist du ja auch."

Thorian erblickte sie erfreut und nickte anerkennend, als er sah, wie sie sich zurechtgemacht hatte.

Sziedeyna lächelte ihn sanft an. Sie schaute an sich hinab und schmunzelte leicht.

"Da hätte ich mir auch etwas mehr Mühe machen können", meinte Thorian entschuldigend.

"Ach, du siehst genau richtig aus."

Dann griff sie nach seiner Hand.

"Komm, lass uns reingehen."

Thorian lupfte kurz den Hut.

"Meine Dame, dann lasst uns hineingehen."

Er zwinkerte ihr lieb zu und ließ sich mitziehen.

Drinnen war die Taverne voller Stimmen.

Nicht übervoll, nicht chaotisch, aber lebendig. Am Tresen saßen und standen Gäste, von denen einige aussahen, als hätten sie mehr Geschichten als Benehmen mitgebracht. Ein Kapitänstyp, ein Begleiter mit viel Appetit und große Worte über Gold und Abenteuer. Ein stillerer Mann mit einem Mostbecher, der aussah, als hörte er mehr als nur die Gespräche im Raum. Bareti bewegte sich zwischen ihnen mit jener eigentümlichen Mischung aus Gastgeberin, Magierin und Hüterin des Ortes.

Und hinter dem Tresen stand Ancanagar.

Sziedeyna bemerkte sie nicht sofort. Erst als sie mit Thorian den alten Platz bei der Feuerstelle ansteuerte und ihr Blick noch einmal durch den Raum wanderte, blieb er plötzlich hängen.

Sie sah Ancanagar.

Ihr Körper begriff es früher als ihr Denken. Die Augen weiteten sich leicht. Das Gesicht wurde still. Für einen Moment wirkte sie, als sähe sie ein Gespenst.

Nicht einfach eine Bekannte. Nicht nur eine Magierin. Nicht nur die Frau, die irgendwie mit jenem anderen Leben verbunden war. Ancanagar war ein Name, der in Sziedeyna nicht nur Erinnerung bedeutete, sondern Bindung. Verlust. Hunger. Ursprung. Schmerz. Ein roter Faden aus Blut, der durch Welten und Wirklichkeiten geführt hatte und nun plötzlich in Baretis Taverne hinter dem Tresen stand, als wäre das ganz gewöhnlich.

Thorian sah ihren Blick.

"Was ist los?"

Sziedeyna brauchte einen Moment, um den Blick von Ancanagar zu lösen und zu ihm zu wenden. Als Bareti kam, sagte sie beinahe automatisch:

"Most Nummer fünf?"

Bareti nannte es eine ausgezeichnete Wahl, und Thorian schloss sich an.

Doch Thorian blickte weiter fragend zu ihr.

Sziedeyna richtete den Blick wieder auf ihn.

"Da ist... jemand, den ich kenne."

Sie schaute wieder zu Ancanagar, diesmal mit zusammengekniffenen Augen. Irritation mischte sich in die Erschütterung.

"Was macht sie da?", fragte sie Bareti. "Arbeitet sie jetzt in eurer Bar?"

Bareti hielt inne.

"Du meinst Ancanagar?"

"Ja..."

Bareti erklärte, Ancanagar sei vor ihr hier gewesen und habe sich freundlicherweise um die Gäste gekümmert. Sziedeyna nahm das knapp zur Kenntnis, ungläubig, als passe diese Information in keine der Schubladen, die sie für Ancanagar besaß.

"Ich verstehe sie eh nicht mehr", seufzte sie.

Thorian sah nun ebenfalls zu Ancanagar und nickte sacht, als beginne er zu begreifen, dass diese Begegnung nicht nebensächlich war.

Sziedeyna blickte wieder zu ihm.

"Verzeih, ich war nur..."

Sie verstummte.

Thorian schaute sie besorgt an, dann aufmunternd.

"Lass uns doch ein Schlückchen nehmen?"

"Ja! Gern!"

Sie griff zu ihrem Glas und stieß mit ihm an. Die Gläser trafen sich mit einem leisen Klang.

"Auf uns?", fragte Thorian.

Sziedeyna sah ihm tief in die Augen.

"Auf uns!"

Sie trank einen großen Schluck und stellte das Glas wieder ab.

Dennoch konnte sie es sich nicht verkneifen, immer wieder zu Ancanagar hinüberzublicken. In diesen Blicken lag eine Melancholie, die sich nicht ganz verbergen ließ. Thorian folgte ihrem Blick hin und wieder, bemüht, die unsichtbare Geschichte zwischen den beiden Frauen zu verstehen.

"Eine alte Bekannte, die dich noch nicht wiedererkannt hat?", fragte er leise.

"Tja..." Sziedeyna wurde nachdenklich. "So kann man es wohl sagen."

Dann sah sie ihn an, als wolle sie ihm durch die Worte hindurch etwas anderes mitteilen.

"Ich sage mal so: Ohne sie wäre alles anders."

Thorian zog die Luft über die Nase ein und nickte bedächtig. Vielleicht solle sie einfach hinübergehen und sie ansprechen.

"Ich... weiß nicht."

Sziedeyna wirkte unsicher.

"Sie scheint sich nicht mehr für mich zu interessieren."

Traurigkeit trat in ihre Miene.

Thorian meinte beruhigend, Ancanagars Aufmerksamkeit liege wohl gerade auf den Herren am Tresen. Sziedeyna zuckte nur leicht mit den Schultern und nippte am Glas. Vielleicht gebe es ja eine Erklärung, sagte Thorian.

Vielleicht.

Aber eine Erklärung war nicht dasselbe wie Zuwendung.

Als Thorian sie beinahe liebevoll fragte, was er tun könne, um sie aufzumuntern, lächelte Sziedeyna ihn leicht an und streckte ihm ihre Hand auf dem Tisch hin. Er ergriff sie und drückte sie leicht.

"Das reicht schon, glaube ich", sagte sie, und ihr Lächeln wurde etwas wärmer.

Er drückte ein wenig fester.

Die Taverne lebte um sie herum weiter. Die Seeleute lachten, aßen und tranken, jemand sprach von Erinnerungen, ein anderer von Rissen und Wahrheiten. Worte stiegen auf und lösten sich wieder auf. Für Sziedeyna wurden sie zu Geräusch. Wichtig war seine Hand.

"Meinst du wirklich, dass sie mich bloß nicht bemerkt?", fragte sie nach einer Weile.

Thorian bot zögerlich an, sie vielleicht einmal anzusprechen.

Sziedeyna erstarrte kurz bei der Vorstellung.

"Ich weiß nicht. Vielleicht besser nicht."

Dann wurde sie leicht trotzig.

"Dann ist sie halt da und ignoriert mich wieder einmal."

Thorian fragte, ob sie lieber den Ort wechseln wolle.

Sziedeyna fing sich etwas und schenkte ihm wieder ein Lächeln.

"Hmm, nein. Wichtig ist, dass du da bist."

"Ich kann auch an einem anderen Ort da sein", sagte er liebevoll. "Nur, damit du es weißt."

"Ja, aber wir wollten ja ausgehen. Und wohin sollten wir sonst gehen?"

Thorian fand keinen vernünftigeren Ort. Außerdem gefiel ihm das Mobiliar.

Sziedeyna schaute fragend. Er erklärte scherzhaft, dass ihm der Stil bekannt vorkomme. Aufmerksamer betrachtete sie die Stühle und strich über das Polster.

"Hmm, die sind wie bei dir zuhause."

Thorian erzählte, er habe sie vor einiger Zeit herstellen dürfen. Sziedeyna sah ihn verblüfft und anerkennend an.

"Oh, ein großer Auftrag also."

Dann sah sie, wie Thorian sich an den Kopf griff und das Gesicht leicht verzog, als sei dort ein Stechen.

"Was hast du?"

"Manches Mal entfällt mir eine zurückliegende Erinnerung", sagte er. "Aber das ist nichts weiter."

Er versuchte, es beiseitezuwischen.

Sziedeyna sah ihn interessiert und besorgt zugleich an.

"Hmm, wir wissen fast nichts übereinander. Nur, dass wir uns mögen."

Sie lächelte leicht.

"Du hast bestimmt viel erlebt."

Thorian sagte, sie solle sich keine Gedanken machen. Heute sei heute.

Der Satz schien Sziedeyna zu helfen.

"Ja", sagte sie. "Heute ist heute."

Sie nickte, als hätte dieser Gedanke etwas Erleichterndes.

"Und heute ist es schön mit dir. Wir gehen aus."

Thorian strich mit dem Daumen über ihren Handrücken.

"Lass uns einfach noch einmal anstoßen, als wären wir eben erst angekommen."

"Gern."

Sziedeyna nahm ihr Glas und streckte es ihm entgegen, während sie ihn anlächelte.

"Auf uns", sagte Thorian.

"Auf uns!", lachte Sziedeyna kurz.

Sie nahm einen großen Schluck, leerte ihr Glas und stellte es mit einem kleinen Knall auf den Tisch.

Thorian schmunzelte.

"Ich nehme an, das heißt: Nachschenken bitte?"

Sziedeyna grinste ihn an.

Er griff zur Flasche und füllte beide Gläser nach.

Für einen Moment war alles wieder leichter. Der Raum, die Stimmen, das Feuer, die türkise Flüssigkeit im Glas. Dann bewegte sich Ancanagar.

Das Geräusch am Tisch hatte ihre Aufmerksamkeit gelockt. Nach kurzem Zögern stieß sie sich vom Tresen ab und näherte sich den beiden ohne Eile.

Sziedeyna blickte erschrocken zu ihr auf.

"An..."

Sie verstummte.

Thorian nickte der Ankommenden freundlich, aber etwas distanziert zu.

"Guten Abend, die Dame."

Ancanagar trat heran, beinahe versunken in ihrer nachtfaben Robe. Ihre sturmgrauen Augen glitten über das schlagende und das stille Herz vor sich. Es verging ein langer Moment. Keine Emotion. Keine erkennbare Regung.

Dann sagte sie mit heller Stimme:

"Noch etwas zu trinken gefällig?"

Sziedeyna starrte sie entgeistert an.

"Mehr... hast du nicht zu sagen?"

Enttäuschung stand ihr im Gesicht.

Ancanagar blinzelte und legte den Kopf schief.

"Verzeihung. Ich sollte auch nach Essen fragen, richtig? Ich bin sehr außer Übung."

Sziedeyna schüttelte ungläubig den Kopf.

Thorian drückte die Hand, die noch in seiner lag, merklich fester.

Dann richtete er das Wort an Ancanagar, höflich, vielleicht auch, um Sziedeyna Zeit zu geben.

"Verzeiht, werte Dame. Wir nehmen sonst gerne noch eine Flasche des Mostes Nummer fünf."

Ancanagar sagte zu, doch in Sziedeyna arbeitete etwas weiter. Das konnte nicht alles sein. Das durfte nicht alles sein.

Sie versuchte es anders.

Nicht mit der Stimme.

Kannst du mich hören?

Die Worte gingen nicht durch den Raum, sondern von Geist zu Geist. Ein Faden, vorsichtig ausgesandt, bebend vor Hoffnung und Angst.

Ancanagar wandte sich um. Ein kleiner Augenblick verging. Dann sagte sie zu Sziedeyna:

"Ihr habt wundervolles Haar, werte Dame."

Sziedeyna sah sie nur stumm an.

Dann, einen Halbschritt später, blickte Ancanagar sie fest in die Augen. Nur für einen Moment. Ein kaum merkliches Nicken zur Tür hinter dem Tresen.

Sziedeyna schaute erleichtert.

Da war sie. Irgendwo hinter der Maske aus Bedienung und sonderbarer Fremdheit war sie doch da. Nicht so, wie Sziedeyna sie gebraucht hätte. Nicht so, wie sie sie vermisst hatte. Aber da.

Sie blickte zu Thorian, noch etwas aufgelöst.

Er verstand nicht alles, aber er blieb bei ihr.

"Es ist... gut", sagte Sziedeyna nach einem Moment. Sie schien sich sichtbar zu entspannen. "Oh, hast du etwas bestellt?"

Fast heiter klang es nun, als hätte der Faden zu Ancanagar ihr wieder Atem gegeben.

Thorian antwortete, er habe einfach noch eine Flasche Most bestellt und hoffte, das sei in Ordnung für sie.

Sziedeyna nickte ein paar Mal.

"Ja. Natürlich."

Dann lächelte sie ihn an.

In diesem Moment betraten zwei Drow die Taverne. Noch waren sie nicht Sziedeynas Gespräch, nicht ihr Mittelpunkt, aber ihre bloße Anwesenheit zog sofort einen dunklen Strich durch den Raum. Violette Augen, helle Haare, dunkle Haut. Worte in einer Sprache, die wie kaltes Metall klang. Bareti blieb aufmerksam. Ancanagar hielt inne.

Ein aufmerksamer Beobachter hätte erahnen können, dass Ancanagar in diesem Augenblick zwischen ruhigem Verhalten und dem Anrichten eines Blutbades schwankte.

Schließlich atmete sie einmal ein. Einsam in der sonstigen Ruhe ihrer Brust. Sie wandte sich den Getränken zu, aber ihre Schultern waren gestrafft, die Bewegungen energischer als zuvor.

Sie brachte die Flasche Most an den Tisch.

"Bittesehr", sagte sie, nur ein klein wenig gepresst.

Sziedeyna nickte demonstrativ.

"Vielen Dank."

Thorian bedankte sich ebenfalls.

Ancanagar räusperte sich und erklärte, sie werde einige Minuten Pause machen. In dieser Zeit möge man sich bitte an Bareti wenden.

Sziedeyna horchte auf.

"Hm."

Ancanagar wandte sich um, verschwand hinter dem Tresen, und kurz darauf hörte man eine Tür.

"Entschuldige mich bitte einen Moment", sagte Sziedeyna zu Thorian.

Er nickte ihr bedächtig zu.

Sziedeyna folgte.

Draußen, nahe am Wasser, stand Ancanagar still. Es dauerte eine Weile, bis sie sich bewegte. Dann aber wandte sie sich plötzlich um, beugte sich leicht vor und betrachtete Sziedeyna aufmerksam.

"Du hast nach mir gesucht."

Ihre Stimme war leise, warm, voller Neugierde.

Sziedeyna nickte nur sacht.

Sie schaute Ancanagar tief in die Augen, als läge darin etwas, das eine Sehnsucht stillen konnte. Als könne sie durch diese graue Oberfläche hindurch zu der anderen gelangen, zu jener Ancanagar, die sie verloren hatte. Zu der, die in ihrem Blut fehlte.

"Du hast mir gefehlt", sagte sie leise.

Ancanagar erwiderte den Blick, ohne zu blinzeln. In ihren aschenfarbenen Augen war schwer etwas zu lesen.

"Ich habe mich verloren", sagte sie nach einigen Momenten. "Ich versuche mich zu finden. Ich habe dich gespürt, natürlich, immer wenn ich in der großen Stadt bin. Aber was kann ich sagen?"

"Du hättest mal vorbeischauen können", sagte Sziedeyna. Vorwurf lag in ihrer Stimme.

Ancanagar hob die Rechte.

Die vormals fehlende Hand war wieder da, vollständig und schneeweiß. Der Ärmel fiel herab und zeigte mehr von ihrem dünnen Unterarm.

Sziedeyna schaute überrascht.

"Oh."

"Das hätte ich", sagte Ancanagar ernst. Kein Ausweichen, aber auch keine wirkliche Entschuldigung.

"Warst du deswegen so lange fort?"

"War ich fort?"

Ancanagar dachte einen längeren Moment nach. Dann hob sie die Schultern. Sie wandere viel, auf den Spuren der Vergangenheit. Dann schien ihr ein Gedanke zu kommen.

"Sag, Sziedeyna: Wenn ich dich auffordern würde: Erkenne dich selbst. Was könntest du mir sagen?"

Sziedeyna schaute sie ratlos an.

"Ich... weiß nicht."

Die Forderung versickerte und ließ warmes Verständnis zurück.

"Das geht mir genauso", sagte Ancanagar. Ihr stilles Herz schlage in diesen Silben. Sie könne nicht anders, als unter diesem verwirrenden Himmel umherzuwandern und zu suchen, was sie darauf antworten könnte.

Sziedeyna schwieg kurz.

"Das heißt, du... wirst mir weiter fehlen?"

Sie sah sie betrübt an.

Es verging ein längerer Moment. Dann hob Ancanagar die Schultern.

"Ich bin oft an meinem Turm, auch wenn ich ab und an weite Wanderungen unternehme. Du kannst gerne vorbeisehen."

Nach einem Lidschlag fügte sie hinzu:

"Ich werde auch einmal bei dir vorbeisehen. Ich bin mir sicher, ich finde dich."

Sziedeyna nickte erleichtert.

"Das wäre sehr schön, ja. Ich werde mich mal wieder zum Turm aufmachen."

Dann sagte Ancanagar leise, fast von den Wellen verschluckt:

"Ich bin nicht die, die du vermisst, Sziedeyna. Das tut mir leid."

Sziedeyna schluckte.

Sie blieb stumm. Fast starr.

Da war die Wahrheit, schlicht und ohne Grausamkeit. Gerade deshalb schnitt sie so tief. Diese Ancanagar war Ancanagar und nicht Ancanagar. Sie trug den Namen, das Gesicht, die Präsenz, vielleicht sogar eine Spur der Verbindung. Aber sie war nicht die, die Sziedeyna verloren hatte. Nicht die, an die sich ihr Blut klammerte wie an ein altes Feuer.

Hinter ihr näherte sich Thorian langsam, fast vorsichtig.

Sziedeyna sah ihn und in ihrem Blick lag Trauer.

"Thorian."

Sie rang sich ein Lächeln ab, aber es gelang nur halb.

Thorian blieb einige Schritte entfernt stehen, besorgt und angespannt.

"Das ist Thorian", sagte Sziedeyna zu Ancanagar.

Dann, nach einem winzigen Moment:

"Mein Freund."

Thorian trat näher. Ancanagar begrüßte ihn ernst als Freund Sziedeynas. Ihre Neugierde war unverhohlen, als sie den Hutträger betrachtete.

Thorian suchte vorsichtig nach Sziedeynas Hand.

Er fand sie.

"Alles in Ordnung?", hauchte er ihr zu.

Sziedeyna zögerte kurz.

"Hm... jetzt schon."

Sie lächelte ihn an. Er umfasste ihre Hand sorgsam, ließ Ancanagar aber nicht aus den Augen.

Dann kamen die Drow.

Zwei Herzschläge hinter ihnen. Die Neugierde in Ancanagars Blick bekam eine bittere Note. Sziedeyna wandte sich um. Thorian tat es ebenfalls, und seine Achtsamkeit wurde spürbar.

Eine der Drow sprach Ancanagar direkt an. Sie erinnere sich noch an sie. Da sei noch eine Rechnung zu begleichen. Sie solle ihren Abend genießen, solange sie könne.

Sziedeynas Blick verfinsterte sich.

Thorian wandte sich langsam um und blickte beinahe verärgert. Die Drow ignorierte Sziedeyna vollständig, warf dramatisch den Umhang um sich und ging.

Ancanagar gab nur ein neutrales "Huh" von sich. Keine weitere Aussage. Noch nicht.

Sziedeyna sagte leise zu Thorian:

"Dieses elende Pack."

Thorian entfuhr ein abschätziges Grunzen.

Ancanagar murmelte bitter zu sich selbst:

"Ah. Ich erinnere mich. Keine Sorge."

Dann kehrte sie mit einem Zungenschnalzen in die Taverne zurück. Pause vorbei.

Sziedeyna fuhr zu ihr herum. Ihre Stimme bebte leicht.

"Müssen wir das nächste Mal mit Rüstung und Schwert hier am Tisch sitzen? Niemand fasst sie an."

Dann blickte sie wieder zu Thorian, ernst.

"Vielleicht sind das die Spitzbuben, die wir jagen sollten."

Übermut sprach aus ihr. Und Zorn.

"Dunkelelfen?", fragte Thorian. "Die Idee ist gut, aber recht... gefährlich."

"Ich hasse sie", sagte Sziedeyna. "Überall, wo sie auftauchen, passiert nichts Gutes. Und glaub mir, ich habe meine Erfahrung mit ihnen."

Sie atmete einmal tief durch.

Dann schien ihr aufzufallen, dass Thorian gewartet hatte.

"Entschuldige, ich habe dich warten lassen."

Thorian bat sie, sich keine Gedanken zu machen. Solange ihr Gespräch mit dieser Dame auch nur ansatzweise Erkenntnis gebracht habe.

Sziedeynas Blick wurde wieder von Trauer und Ratlosigkeit erfüllt.

"Erkenntnis... ja, durchaus. Wenn auch gewissermaßen bittere."

Thorian sah sie an, und aus einem Impuls heraus zog er sie an sich. Sziedeyna ließ sich halten und schmiegte sich eng an ihn.

Leise in sein Ohr sagte sie:

"Ach, Thorian, wenn ich dich nicht gefunden hätte."

Dann gab sie ihm einen leichten Kuss auf den Hals, unter das Ohrläppchen.

Thorian strich ihr leicht über das Haar, die Augen geschlossen.

"Wir haben uns beide gefunden. Das ist es wohl, was man Schicksal nennt."

"Ja", sagte Sziedeyna und schluchzte leise. "Bei dir glaube ich es wirklich. Du tust mir gut."

Sie hielt kurz inne.

"Was ich von mir wohl bisher nicht behaupten kann."

Thorian versicherte ihr ehrlich, bisher sei doch nichts vorgefallen. Alles gut.

"Bis auf..."

Sie atmete an seinem Ohr vorbei aus.

Thorian erwiderte liebevoll, bis auf etwas, das aus freiem Willen und von Herzen gekommen sei.

Sziedeyna schwieg einen Augenblick. Dann fragte sie leise:

"Soll ich dir sagen... wenn es wieder soweit ist?"

Vielleicht, fügte sie hinzu, lerne sie sich mit der Zeit besser zu kontrollieren. Falls er ihr Training noch ertragen möge.

Thorian schmunzelte leise.

"Ja, bitte gib rechtzeitig Bescheid. Es wäre doch... vorteilhaft zu wissen."

Sziedeyna nickte, und er mochte es neben seinem Kopf spüren.

"Ich mag alles ertragen, so viel soll dir gewiss sein", flüsterte er.

Diese Worte legten sich in sie wie eine Decke, schwer und warm.

"Wollen wir wieder reingehen?", fragte sie. "Oder war das genug Schreck für heute?"

Thorian erinnerte daran, dass die Getränke warteten. Ehe sie noch schlecht würden.

Sziedeyna lächelte wieder.

"Gut!"

Sie küsste ihn noch einmal an dieselbe Stelle und löste sich langsam aus der Umarmung, seine Hand weiter haltend.

Als sie wieder hineingingen, waren viele Gäste bereits fort. Der Abend war ausgedünnt. Die Taverne, eben noch voller Stimmen, hatte mehr Raum bekommen. Bareti und Ancanagar saßen inzwischen beieinander, offenbar in ein ernsteres Gespräch versunken. Fragmente davon hingen in der Luft: Verwirrung, eine verlorene und wiedergekehrte Hand, Wasser, Tiefe, Meteore, Erinnerungen wie in Wolle gepackt.

Ancanagar suchte ebenfalls Antworten.

Sziedeyna bemerkte es, aber blieb zunächst bei Thorian. Er drückte noch einmal demonstrativ ihre Hand, als Ancanagar wieder in ihr Blickfeld kam. Sie lächelte ihm leicht zu.

"Vielleicht ist es auch bald für mich Zeit", sagte Thorian.

Die Flaschen waren abgeräumt, was ihn halb scherzhaft ärgerte. Immerhin sei doch noch etwas darin gewesen. Sziedeyna winkte innerlich ab. Der Most war nicht mehr der Grund, warum sie bleiben wollte.

"Kann ich gleich wieder mit zu dir kommen?"

Thorian antwortete freudig:

"Aber sehr gerne."

"Dann lass mich bitte noch einmal kurz zu ihr gehen."

Sie deutete zu Ancanagar.

Thorian nickte.

"Natürlich, wenn du möchtest."

"Es dauert nur einen Moment."

Sziedeyna ging zu Ancanagar und Bareti hinüber. Ancanagar blickte auf, als sie herantrat. Bareti klappte ein kleines Buch zu.

"Und du besuchst mich demnächst mal?", fragte Sziedeyna an Ancanagar gerichtet.

Thorian verfolgte die Szene mit mulmigem Gefühl.

Ancanagar dachte einen Moment nach, dann nickte sie.

"Das werde ich. Ich mag dich kennenlernen, Sziedeyna mit den herbstlichen Haaren."

Ihre Worte waren völlig ernst. Ihr Blick auch. Vielleicht lag etwas Trauer in den gewitterfarbenen Augen.

Sziedeyna lächelte leicht und nickte.

"Darauf freue ich mich. Auf bald."

Sie nickte auch Bareti kurz zu, halb mitgemeint.

Ancanagar begann eine Verabschiedung, stockte, blickte zu Bareti und beschränkte sich dann auf:

"Auf bald."

Sziedeyna kehrte zu Thorian zurück. Bareti bedankte sich für den Besuch, Thorian lupfte den Hut und verabschiedete sich freundlich. Ancanagar hob die unversehrte Rechte und wünschte ihnen einen sicheren Abend. Ihr Blick maß Thorian noch einmal.

Sziedeyna griff nach Thorians Hand.

Draußen atmete sie auf.

"Puh, was ein... Abend. Aber er brachte Klarheit."

Sie lächelte ihn an.

"Ereignisreich", bestätigte Thorian.

"Das freut mich zu hören."

Er schlug vor, sie würden sich einen Lidschlag später vor seinem Haus wiedersehen. Sziedeyna nickte. Thorian kramte nach einem Reisezauberfläschchen, streifte noch einmal ihren Arm und zwinkerte ihr zu. Dann dematerialisierte er.

Kurz darauf erschien plötzlich ein kleines flatterndes Wesen vor seinen Augen. Dann materialisierte sich Sziedeyna aus der Fledermausform vor ihm.

Thorian erschrak.

"Huch!"

Sziedeyna lächelte.

"Jetzt kennst du auch dieses kleine Geheimnis."

"Daran werde ich mich auch noch gewöhnen müssen..."

Sie sah ihn einfach an.

"Gehen wir ins Bett?"

"Ja, bitte."

Diesmal war weniger Schüchternheit zwischen ihnen. Sziedeyna zog sich blitzschnell die Stiefel aus, streifte das Kleid ab, griff nach einer Schlafrobe aus dem Schrank und zog sie über. Dann sprang sie ins Bett und legte sich wie in der Nacht zuvor hin.

Thorian entledigte sich ebenfalls seiner Kleider, weniger zögerlich als am Abend davor.

Dann fiel ihm der Kamin ein.

"Oh, der Kamin!"

Sziedeyna verfolgte ihn mit dem Kopf und schaute glücklich.

Thorian stochterte in der alten Glut, bis sie wieder aufglomm, legte neue Scheite nach und prüfte anschließend Fenster um Fenster. Zufrieden nickte er.

"Ich glaube, wir sind gewappnet."

Freudig ging er zu seiner Bettseite.

Sziedeyna senkte den Kopf und schloss die Augen.

Thorian schlüpfte unter die Decke und schmiegte sich direkt an sie heran.

Draußen war Nacht. Irgendwo hinter ihnen lag die Taverne mit ihren Stimmen, ihren Rissen, ihren alten Wahrheiten, ihren Drow und ihren Türen, durch die Menschen kamen und gingen. Dort war Ancanagar zurückgeblieben, nicht die Vermisste und doch ein Versprechen. Dort war Bareti geblieben, Hüterin eines Ortes, der zusammenführte, was offenbar zusammenfinden musste.

Aber hier, in diesem abgedunkelten Zimmer, war Thorian.

Wärme von einer Seite.

Feuer von der anderen.

Und Sziedeyna, die nicht mehr allein durch die Nacht musste.

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