Online: 3

Die Melodie der ersten Tage

Yllaria

Yllaria hatte lange darüber nachgedacht, ob sie diesen Schritt wirklich allein gehen sollte oder nicht doch besser E’lessar um Rat fragte. Selbst jetzt war sie sich im Grunde noch immer nicht sicher. Sie stand auf der kleinen Lichtung vor einer mächtigen Eiche und ließ den Blick in ihre weit ausladende Krone gleiten. Schließlich legte sie eine Hand gegen die raue Rinde. Langsam ließ sie ihren Geist in die vertraute Verbindung gleiten und atmete bewusst ein und wieder aus. Ein feines Kribbeln breitete sich unter ihrer Hand aus. Dankbarkeit. Frieden. Vielleicht war es trügerisch, sich so selbstverständlich von einer Verbindung tragen zu lassen. Dennoch ließ sie dieses Gefühl zu und spürte, wie die letzten Reste ihrer Unsicherheit langsam von ihr abfielen.

Immerhin hatte sie diesmal an eine andere Art der Verstärkung gedacht. Ein leises Schmunzeln huschte über ihr Gesicht. Zu ihren Füßen saß Haku und blickte sie aufmerksam an. Das Mondlicht, das zwischen den Blättern hindurchfiel, tauchte sein Fell in einen warmen Rotton, der ebenso wie ihr eigenes Haar einen deutlichen Kontrast zum dunklen Grün des Waldes bildete. Mit geübten Bewegungen zog sie sich in die Krone der Eiche hinauf und machte es sich zwischen den kräftigen Ästen bequem. Kaum hatte sie Platz genommen, sprang Haku mit einer geschmeidigen Bewegung hinterher und ließ sich schnurrend auf ihrem Schoß nieder.

Yllaria gab sich einen Moment Zeit, ganz in der Stille anzukommen. Sie lauschte den Geräuschen der Nacht. Dem leisen Zirpen der Grillen. Dem Wispern des Windes zwischen den Blättern. Dem ruhigen Atem des Waldes. Während ihre Finger sanft durch Hakus weiches Fell glitten, entspannte sich ihr Körper.

Der Kater würde über sie beide wachen. Sie wusste nicht, wie tief diese Suche sie in die Meditation führen würde und ob ihr Geist genügend Aufmerksamkeit für ihre Umgebung würde bewahren können. Außerdem besaß Haku ein erstaunlich feines Gespür dafür, wenn bei ihren Übungen etwas aus dem Gleichgewicht geriet und sie sich selbst oder andere in Gefahr brachte. Die frischen Bissspuren an ihren Beinen zeugten davon, dass er diese Aufgabe ausgesprochen ernst nahm. Insgeheim hätte sie sich zwar eine etwas sanftere Form der Erziehung gewünscht, doch Haku schien andere Vorstellungen davon zu haben. Ein erneutes Schmunzeln glitt über ihre Lippen.

Dann ließ sie ihre Hände ruhig auf seinem Fell liegen und richtete ihren Geist nach innen. Der erste Schritt würde darin bestehen, die Melodie näher zu betrachten, die sie jedes Mal hörte, sobald Nathan in ihrer Nähe war. Sie wusste nicht einmal, ob das ohne seine Anwesenheit überhaupt möglich war. Langsam glitten die Erinnerungen an ihre Begegnungen durch ihren Geist. Unwillkürlich musste sie grinsen. In diesem Augenblick war sie ausgesprochen froh, ihre Sicht nicht mit E’lessar zu teilen. Kaum war der Gedanke verklungen, spürte sie den vertrauten Sog. Zunächst kaum wahrnehmbar. Dann entstand sie. Die Melodie. Leise. Fast so leise, dass sie nicht sicher war, ob sie sie wirklich hörte oder nur erinnerte. Vorsichtig gab sie den Tönen mehr Raum. Schließlich begann sie, sie leise mitzusingen. Mit jedem Ton lauschte sie dem Nachklang in ihrem Körper. Je deutlicher die Melodie wurde, desto stärker zog es ihren Geist mehr zu Nathan. Yllaria nickte unmerklich. Genau das hatte sie vermutet.

Eine Weile ließ sie sich einfach tragen. Dann begann der eigentliche Versuch. Langsam schuf sie einen zweiten Raum in ihrem Geist. Getrennt von der Melodie. Sofort spannte sich ihr ganzer Körper an. Ein leises Stöhnen entwich ihr. Es fühlte sich an, als wollte sie ein straff gespanntes Band weit über seine natürlichen Grenzen hinaus dehnen. Mühsam hielt sie den neuen Raum aufrecht. Schweiß trat ihr auf die Stirn und ihre Hände begannen zu zittern. Langsam schob sie den neuen Raum vorsichtig zwischen sich und die Melodie. Stück für Stück lösten sich die Töne von ihrem Geist und schienen langsam an dessen Oberfläche aufzusteigen. Das Zittern erfasste jetzt den ganzen Körper. Jeder Instinkt verlangte danach, den Versuch abzubrechen und sich wieder der Melodie hinzugeben. Nur noch ein wenig. Nur noch einen Herzschlag. Dann öffnete sich der Blick. Vor ihr lag ein dichtes Geflecht aus unzähligen Manaknoten. Sie durchzogen ihre eigene Magie wie feine Wurzeln und verbanden sich zu einem Muster von beinahe erschlagender Komplexität. Die Melodie. Sie war der hörbare Ausdruck dieses Geflechts. Der Klang ihrer Verbindung. Yllaria hielt den Atem an. Warum hatte sie dieses Geflecht nie zuvor wahrgenommen? Zwischen den Manaknoten schwang noch etwas anderes. Ein Gefühl tiefer Vertrautheit. Und...Dunkelheit. Sie kannte diese Töne.

In genau dem Augenblick, als der neu geschaffene Raum in sich zusammenfiel, verstand sie auch, weshalb ihr die Manaknoten bislang verborgen geblieben waren. Sobald die Melodie wieder ihren Geist erfüllte, verschwanden sie. Ihre eigene Magie verbarg sie.

Yllaria ließ ihren Geist in dieser Schwebe. Eine Antwort auf dieses Rätsel würde sie jetzt ohnehin nicht finden. Aber vielleicht würde sie den Ursprung dieser Gefühle erkennen.

Dunkelheit. Vertrautheit. Erneut summte sie die Melodie. Dieses Mal ließ sie zugleich Ruhe und Entspannung in ihren Geist fließen. Nach der gewaltigen Anstrengung fühlte es sich beinahe wie eine Erlösung an. Langsam ließ sie sich tiefer sinken. Getragen von den Tönen glitten ihre Gedanken durch ihre Erinnerungen. Zunächst ungeordnet. Dann schien die Melodie selbst einen Weg zu kennen. Sie folgte ihr. Mit jedem Schritt verblasste die Welt um sie herum. Geräusche verstummten und Farben verschwanden. Nur die Melodie blieb. Sie führte sie weiter. Als sie spürte, dass sie dem Ursprung nahekam, blieb sie abrupt stehen. Ein Zittern durchlief ihren Körper. Dieses Mal nicht aus Anstrengung, sondern aus Angst. Plötzlich wusste sie, weshalb ihre Sinne mit jedem Schritt schwächer geworden waren. Weil sie sich einer Zeit näherte, in der genau das Wirklichkeit gewesen war. Dunkelheit verschlang ihre Sicht. Geräusche drangen nur noch gedämpft zu ihr. Trauer legte sich über ihr Herz. Stumme Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie wusste plötzlich, woher sie die Melodie kannte. Sie war eines der ersten Dinge gewesen, die sie in der Dunkelheit wahrgenommen hatte. Nicht Nathan hatte die Melodie erschaffen. Sie hatte sie nur wiedererkannt. Dunkelheit. Weil ihr Geist damals wie zerbrochen gewesen war. Wie ein Spiegel, dessen Scherben nur mühsam zusammengehalten wurden. Zwei Kräfte hatten sie getragen. Die erste war die Melodie. Sie sang von Vertrautheit und Verbindung und sie trug einen einzigen Befehl in sich „lass dich nicht in die Dunkelheit fallen“. Die zweite war eine andere Verbindung, stark und allumfassend. Sie hielt ihren Geist fest und führte ihn immer wieder zurück ins Licht. Sie erinnerte sich, als sie dieser Verbindung das erste Mal gefolgt war, die Augen geöffnet hatte und den grünen, sorgenvollen Augen Hakus begegnet war. Beide Verbindungen hatten sie durch jene Zeit getragen. Sie hatten sie wieder zurück in die Wirklichkeit geführt und sogar der Dunkelheit einen Teil ihrer Geheimnisse entrissen. Sie erinnerte sich wieder an ihren Namen, wenn auch nur an ihren Vornamen. Doch es war ein Anfang gewesen. Langsam war Yllaria in ihren Körper zurückgekehrt und auch jetzt ließ die Erinnerungen hinter sich und kehrte mit jedem Atemzug wieder zu ihrem Körper zurück. Sie nahm den Wald um sich herum wieder wahr. Den Wind und das Rascheln der Blätter. Hakus ruhigen Atem. Die Melodie wurde wieder leiser, so wie es auch zu jener Zeit gewesen war. Die Melodie der ersten Tage.

Beiträge in diesem Thread