Die Waldelfe saß in der Krone eines kräftigen Baumes, den Blick auf den Mann gerichtet, der scheinbar erschöpft auf der Bank zusammengesunken war. Noch immer spürte sie seinen flatterhaften Puls unter ihren Händen und schmeckte sein Blut auf ihrer Zunge. Ruhig hockte sie zwischen den Blättern, deren stetiges Rauschen auch ihre Gedanken langsam beruhigte. Früher in dieser Nacht hatte der Geruch von Rauch ihre Schritte in Richtung des kleinen Hofes gelenkt. Sie hatte die Waldgrenze kontrolliert, an der die Feuerwesen zuletzt gesichtet worden waren. Es war Teil ihres Auftrags von der Dryade gewesen, die entstandenen Schäden zu beseitigen. Zufrieden fuhr sie mit der Hand über den Stamm eines der betroffenen Bäume. Neue Rinde hatte die verkohlten Stellen ersetzt und auch die Pflanzen am Boden zeigten keine Spuren des Feuers mehr. Plötzlich stieg ihr erneut der beißende Geruch in die Nase. Yllaria folgte ihm bis zu seinem Ursprung. Nicht weit von der Waldgrenze entfernt lag ein kleiner Bauernhof. Schon von Weitem konnte sie die Flammen erkennen. Das Wohnhaus brannte. Schneller, als es eigentlich möglich sein sollte, näherte sie sich dem Gebäude von hinten. Das laute Prasseln der Flammen und das Brechen des Holzes im Inneren übertönten beinahe jedes andere Geräusch. Beinahe. Auf der anderen Seite des Hauses hörte sie das kräftige Schlagen eines Herzens und zwei sehr viel leisere im Inneren. Kinder? Dunkle Schwaden quollen bereits aus jeder Ritze der Fenster. Kurzerhand trat die Waldelfe die hintere Holztür ein und verschwand darin. Da sie nicht atmen musste, blieb nur die Frage, wie lange sie sich noch orientieren und der Hitze standhalten konnte. Mit schnellen Schritten folgte sie den beiden schwachen Lebenszeichen, bis ihr Fuß gegen etwas Weiches stieß. Sie hielt inne. Auf dem Boden lag eine Frau. Ihre starren Augen blickten zu ihr empor. Obwohl kleine Flammen bereits über den leblosen Körper wanderten, beugte Yllaria sich zu ihr hinunter, legte behutsam eine Hand auf ihre Lider und schloss sie. Nurdra na ianna. (Möge deine Lebenskraft heimkehren). Die Worte kamen brüchig über ihre Lippen, kaum mehr als ein leiser Widerhall. Jedes Leben verdiente einen würdigen Abschied, auch wenn sie nicht wusste, welche Worte Menschen in einem solchen Augenblick gewählt hätten. Dann folgte sie den beiden verbliebenen Herzschlägen weiter. Im Nebenraum fand sie die Kinder. Sie nahm beide in ihre Arme und schoss zurück zur Hintertür. Kaum trat sie ins Freie, hob sie für einen Moment das Gesicht zum Himmel. Dicke Regentropfen trafen ihre Haut. Ein leiser Seufzer entwich ihr. Schwere Schritte kamen auf sie zu und Yllaria senkte den Kopf wieder. Der Vater stürzte heran und streckte die Arme nach einem der Kinder aus. „Meine Frau?“ Die Frage war leise. Fast vorsichtig. Yllaria schüttelte nur betroffen den Kopf. Wenig später lagen beide Kinder vor dem Regen geschützt auf dem Stroh des Stalls, eingehüllt in ein sanftes grünes Leuchten. Die Waldelfe saß zwischen ihnen und hielt jeweils eine der kleinen Hände in ihrer. Langsam formte sie Manafäden zu Knoten und verband sie miteinander. Es war schwierig, die kleinen Körper von den Folgen des Rauches zu befreien, der sich überall in ihnen festgesetzt hatte und dennoch gelang ihr die Heilung inzwischen immer besser. Als beide schließlich in einen tiefen Schlaf fielen, stand sie auf und folgte dem Mann nach draußen. Der Regen hatte die Flammen inzwischen gelöscht, dennoch strahlte das Wohnhaus weiterhin eine enorme Hitze aus. Es musste bereits einige Zeit vergangen sein. Sie setzten sich nebeneinander auf eine Holzbank und blickten schweigend in den Garten, dessen üppige Blumen der Hitze und dem Rauch getrotzt hatten. Erst nach einer Weile kam wieder eine leise Frage. „Werden sie wieder gesund?“ Yllaria antwortete zunächst nur mit einem Nicken. Dann räusperte sie sich. „Ganz bestimmt. Sie schlafen jetzt nur tief.“ Noch einen Moment sah sie schweigend in den Garten, als wäre er eine Erinnerung an all das Schöne, das sie umgab. Dann wandte sie den Kopf und musterte den Mann genauer. Erleichterung und Trauer wechselten sich in seinem Gesicht ab. Doch erst jetzt, als sie das gleichmäßige Schlagen seines Herzens so nah wahrnahm, wurde ihr bewusst, wie geschwächt sie selbst war. An zahlreichen kleineren und größeren Stellen war ihre Lederrüstung versengt. Besonders ihre Beine hatte das Feuer getroffen, auch wenn die Verletzungen darunter längst wieder geschlossen waren. Sein Herz schlug ruhig neben ihr. Warm. Lebendig. Plötzlich nahm sie auch den Geruch seines Blutes wahr. Alles andere trat in den Hintergrund. Der Hunger traf sie so unvermittelt, dass zwischen dem ersten Impuls und ihrem Handeln kaum ein bewusster Gedanke lag. Erst als sein Puls erschreckend schwach und unregelmäßig wurde, drangen die beiden leisen Herzschläge aus dem Stall wieder in ihr Bewusstsein. Mit einem Ruck gewann Yllaria die Kontrolle über sich zurück. Erschrocken löste sie sich von ihm und fing seinen erschlaffenden Körper auf, bevor er von der Bank rutschen konnte. Vorsichtig bettete sie ihn über ihren Schoß und legte die Hände auf seinen Oberkörper. Grünes Licht sammelte sich unter ihren Fingern, während sie sich zwang, ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Heilung zu richten. „Es tut mir so unendlich leid“, flüsterte sie. Schuld zeichnete sich deutlich in ihrem Gesicht ab. Später setzte sie ihn wieder aufrecht auf die Bank und erhob sich. Die Manaknoten hatte sie sorgfältig gewebt. In wenigen Augenblicken würde er erwachen, ohne eine Wunde und ohne eine klare Erinnerung an das, was zwischen ihnen geschehen war. Yllaria lauschte noch einmal auf die Herzschläge der drei Menschen und wandte sich dann dem Wald zu. Sie zog sich in eine Baumkrone zurück und wartete. Erst als der Mann schließlich aufstand und auf den Stall zuging, erlaubte sie sich, ein wenig aufzuatmen. Sie würde hier bleiben und über die drei wachen, solange es ihr die Nacht erlaubte. Ruhe senkte sich wieder über den Wald, erreichte diesmal jedoch nicht ihr Innerstes. Sie hatte heute zwar mit ihren Fähigkeiten zwei Leben gerettet, aber ein anderes vollkommen unnötig gefährdet. Die Erkenntnis wog schwerer als die Erschöpfung durch die Anwendung ihre Magie. Sie hatte geglaubt, Kontrolle zu besitzen, wo diese in Wahrheit erschreckend brüchig gewesen war. Kaum mehr als eine Illusion, sobald Hunger und Schwäche zusammentrafen. Unwillkürlich dachte sie an Nathans schuldbewussten Gesichtsausdruck, als sie ihm gesagt hatte, dass sie niemanden töten wollte. Wie naiv sie gewesen war. Wie hochmütig, zu glauben, dass sie es besser wüsste. Als wäre es allein eine Frage des Wollens.
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