Bevor hier weitergelesen wird, bitte auch dieses Thema lesen: Die Vernichtung einer Vampirin - Blaugraue Flüsse in der Mündung der blutigen See
Alicia stand wie jeden Tag reglos vor dem bodentiefen Fenster im Erdgeschoss des Sanatoriums. Zu dieser Jahreszeit bot sich ein schöner Ausblick in den Garten. Ein ganzes Team an Gärtnern war damit betraut, den Garten stets gepflegt zu halten und voller Blütenpracht. Ob Alicia all das aber überhaupt wahrnahm, wusste niemand. Sie redete nicht und funktionierte eher nur als dass sie lebte. Sie war vor einigen Jahren in das Sanatorium gebracht worden. Seitdem gab es keine Fortschritte. Apathisch und fast wie ein Geist wirkte sie. Dünn und blass. Alles an ihr wirkte leblos. Sie lächelte nie, zeigte nie irgendeinen Affekt, so sehr es die Menschen um sie herum auch versuchten, aus ihr herauszukitzeln. Das hatte ihr den Spitznamen "Gespenst" eingebracht. Aber ob sie darum überhaupt wusste, konnte ebenso niemand sagen. Vielen war sie unheimlich, anderen Patienten wie auch dem Pflegepersonal.
Immer wenn sie besonders lange vor dem farblosen Glas stand, hatte sie zuvor wieder eine Episode erlebt. Niemand wusste, was in ihr wirklich geschah. Ob es Entwicklung gab, Fortschritte. Aber tatsächlich, in ihr tobte ein Krieg, der in so barschem Widerspruch zu ihrer äußeren Erscheinung stand. Dieser Krieg zerrüttete sie nun schon seit Jahren. Aspekte ihres wahren Lebens fanden sich in Fragmenten und Allegorien in ihrer inneren Kriegslandschaft wieder. In dieser Landschaft stand sie, war jemand anderes. Sie hatte ein Schwert und einen anderen Namen: Sziedeyna.
Maladaptives Tagträumen. So wurde es genannt. Aber bei ihr hatte es ein Ausmaß angenommen, dass sie selbst darin verschwand. Es war, als würde ihr Geist in einer anderen Welt verweilen, während ihr Körper in der wahren Welt nur noch über seine Grundfunktionen verfügte. Diese geistige Abwesenheit war es, die auf andere so unheimlich wirkte. Niemand wusste, wer da wirklich in diesem kleinen Kopf unter den langen schwarzen Haaren steckte. Sie hatte sich nie gezeigt. Sie bewachten eine Hülle.
Die Ereignisse in diesem Beitrag passieren in einer Parallelwelt.
Sziedeyna konnte es nicht begreifen. Sie saß da, einige Meter fortgeschleudert durch die Druckwelle, aber es war mehr als diese physische Wucht, das sie bewegungsunfähig machte. Sie musste mit ansehen, wie das Wesen, zu dem sie eine nie dagewesene Verbindung gefühlt hatte, einfach ausgelöscht wurde. Noch ein paar Stunden zuvor hatten sie gekuschelt, hat sie die Nähe förmlich in sich aufgesogen, als wäre ihr über Jahrzehnte entstandener innerer Eiskern endlich aufgetaut und durch Wärme und Geborgenheit ersetzt worden. Sie kannte Ancanagar nicht mal 24 Stunden, jedoch war dieser Kontakt an Intensität nicht zu überbieten gewesen. Es war eine Wiedergeburt. Eine Chance auf neues Leben in einer innerlich von schwerer Schuld geplagten Sziedeyna. Sie hatte so viele... Emotionen gehabt. Ihr kühles abgeklärtes Wesen war wie verwandelt. Sie war so vieles zugleich. Kind, das seine Mutter, Schwester, die ihre große Schwester gefunden hatte. Und auch eine Geliebte. Ancanagar war für Sziedeyna alles geworden. Alles, was sie zuletzt gewollt hatte, hatte sie nur wegen ihr gewollt. Da gab es nichts anderes mehr.
Und jetzt hatte er es ihr entrissen. Der Ordensmann namens Kaimond. Es war der erste Ausflug für Sziedeyna als Vampirin unter Ancanagars Fittichen gewesen. Eigentlich sollte Sziedeyna nur lernen, wie man sich in Gegenwart von Menschen verhält, sie gefügig macht, um von ihnen zu trinken, möglichst ohne Zwischenfälle. Aber alles kam anders. Der Mann an sich wäre nicht das Problem gewesen. Aber er hatte ein Artefakt an sich, das er wie ein Ass im Ärmel bei sich trug. Einen magischen Dolch, den er im entscheidenen Moment, als er eigentlich schon den beiden Vampirinnen unterlegen war, hervorholte und damit alle Macht auf sich bündelte. Er konnte nicht nur Geschöpfe des Untodes auf Abstand bringen, wie es mit Sziedeyna passiert war, sondern auch untotes Leben völlig auslöschen.
Als sich das makabre Schauspiel vollzog, war Sziedeyna wie versteinert. Ihre rasende Wut auf den Mann war blankem Entsetzen gewichen. Ein Rest Überlebenswille in ihr hatte jedoch verstanden, dass Ancanagar sich für sie geopfert hatte. Und so sehr sie in diesem Moment am liebsten mit ihr vergangen wäre, um wenigstens in diesem Ende für immer vereint zu bleiben, so sehr ruckte auch auf einmal die Erkenntnis an ihr: "Ich muss hier weg!" Vom vielen Blut, das sie kurz zuvor dem schrecklichen Widersacher noch durch seine Halsschlagadern geraubt hatte, als sie noch die Oberhand hatte, waren ihre Kräfte nun maximal ausgebildet. Aber sie nutzte sie nicht mehr, um ihn zu bekämpfen. Nein, sie wusste, dass sie dieser Kraft des Dolches nicht gewachsen war. Also floh sie. Und in einem Augenschlag war sie von der Bildfläche verschwunden und ließ den Mann allein mit dem leeren Kleid Ancanagars, in dem sich nur noch ein Haufen Asche befand.
Sziedeyna war zu keinem klaren Gedanken in der Lage. Sie lief nur, sie rannte, in übermenschlicher Geschwindigkeit. Durch die Gassen, durch die sie dem Mann einst gefolgt waren, bis zum Hafen Skara Braes. Sie sprang ins Wasser, schwamm wie ein Pinguin über die Wasseroberfläche und kam irgendwann wieder am Festland an. Dort rannte sie einfach weiter. Durch Wälder und Sümpfe, über Seen und Flüsse. Bis sie irgendwann Britain erreichte und wie eine Verrückte gewirkt haben musste für jeden, der sie unter dem Nachthimmel erspähen konnte. Bis sie ihr Haus erreicht hatte und mit einem dumpfen Türschlag wie in einem Schneckengehäuse verschwunden war.
Es war ein Instinkt, der sie nach Hause geführt hatte. Der einzige Ort, der ihr jetzt Sicherheit versprach. Sie saß nun da, auf dem Boden, allein. Starrte mit leeren Augen, die schon alle Tränen verweint hatten, vor sich hin. Fixierte nichts, als wäre da auch nichts mehr. So saß sie Stunden, Tage, Wochen da. Regungslos als wäre mit Ancanagar jeglicher Lebenswille aus ihr gefahren. Aber etwas gärte in ihr. Hass. Rache. Dieser Mann, der ihr alles genommen hatte, der würde büßen. Nicht einfach büßen. Sziedeyna verlor sich in Rachefantasien und was sie ihm antun würde. Hass, Hass, nichts als Hass war in ihr. Der Hass überlagerte die tiefe Trauer, die sie gleichzeitig in sich trug. Es war, als hätte ihr Wesen und ihr Überleben jener Nacht nur noch einen Verwendungszweck. Diesen Mann auszulöschen, koste es was es wolle. Ihr war egal, was mit ihr passieren würde. Es gab kein Leben danach für sie. So weit reichte ihr hyperfixierter Horizont nicht mehr. Ihre einzige Sorge war, dass sie es nicht vermasseln durfte.
Als sie ihren Plan innerlich ausgearbeitet hatte, kam wieder Leben in sie. Sie bewegte sich nach Wochen zum ersten Mal. Ihre Glieder knackten und ächzten. Das Blut war inzwischen längst verbraucht und sie brauchte dringend Neues. Vor allem musste sie in Topform sein für Kaimond. "Keine. Fehler." fuhr es verbal aus ihr heraus. Dies war auch das erste Mal, dass sie seit damals überhaupt den Mund öffnete. Der Hass nährte auch eine kalte Rationalität, die sich jetzt in ihr manifestierte. Sie musste es genau planen, diesen Mann studieren, sich zuvor andere als Opfer zur Übung suchen. All die Vorsicht, all der Wunsch, nicht unbedingt töten zu wollen für ihren Hunger, das war völlig verschwunden. Ihr war es völlig egal, mit wie vielen Leichen ihr Weg zur Rache gepflastert sein würde. Menschen hatten für sie jetzt keine Bedeutung mehr. Nichts hatte mehr Bedeutung, außer ihre Rache.
Ihr erstes Opfer suchte sie außerhalb von Britain auf einem Waldweg. Ein ahnungsloser Wanderer wählte diesen Weg zur falschen Tageszeit. Sie schlich sich von hinten an, nahezu lautlos, und befiel direkt und zielsicher seine Kehle. Er hatte ihr nichts entgegenzusetzen. Sie saugte ihn komplett leer. Zurück blieb ein schlaffer blutleerer Sack, den sie etwas weiter im Wald entsorgte wie Müll. Sie trat ihn noch. In ihr war ein Gefühl erwacht, das sie bis dahin gar nicht kannte. Es war als wären ihre Opfer eine Art Substitut für ihre Rachegelüste.
Das nächste Opfer war eine jüngere Frau. Es war in der Stadt und die Frau musste auf dem Heimweg von der Arbeit gewesen sein. Sziedeyna saß auf einer Mauer wie ein Geier, als sie die Schritte vernahm. Als die braunhaarige Frau ihr auf der Straße näher kam, kein Mensch sonst weit und breit, dachte sie für einen kurzen Moment, es wäre Ancanagar. Als sie jedoch erkannte, dass es nur irgendeine Frau war, packte sie eine Wut. Sie stellte sich vor sie hin und versperrte ihr den Weg. Die Frau zuckte zusammen, wusste beim Anblick der körperlich etwa gleich ausgeprägten Gestalt Sziedeynas jedoch nicht ganz, wie sie das einzuordnen hatte. Sziedeyna schaute sie für einige Augenblicke an, in der die Zeit stehengeblieben zu sein schien. Dann durchfuhr sie ein Ruck und alles geschah lediglich in Sekundenbruchteilen. Ihr Gesicht wandelte sich zu einer Fratze, den Unterkiefer riss sie weit nach unten und es offenbarten sich in ihrem Schlund hungrige Eckzähne. Aber diesmal hatten sie es nicht zuerst auf den weichen und blutdurchpumpten Hals abgesehen. Sie biss der Frau ins Gesicht. Sie fraß regelrecht ihre Visage. Ehe das elende Opfer überhaupt reagieren konnte, durchtrennten Sziedeynas Reißzähne bereits die Halsschlagadern und zogen den Lebenssaft mit einer Kraft aus ihr heraus, dass lediglich ein venöses Vakuum übrig blieb. Sie steckte die leeren Überreste in einen Sack und entsorgte sie außerhalb der Stadt.
Eigentlich brauchte sie kein Blut mehr. Sie war regelrecht übersättigt. Aber es war mehr als bloßer Blutdurst, der sie hier antrieb. Sie wollte vernichten. Und mehr noch. Ihr drittes Opfer war ein Obdachloser, der am Rande der Kanalisation sein Lager hatte. Sie näherte sich ihm, als er sich schon zur Ruhe gebettet hatte unter einer alten mottenzerfressenen und vor Dreck starrenden Decke. Sie ging ganz ruhig zu ihm hin. Stand eine Weile da. Er schlief. Als in ihrem Kopf Szenarien abliefen, was sie mit ihm tun könnte, befiel sie ein diabolisches Lächeln, voller Verachtung und Tötungslust. Mit der Hand schlug sie ihn zielgerichtet bewusstlos und trug ihn weiter in die Gänge der Kanalisation. Dort legte sie ihn fast schon zärtlich ab und strich ihm übers schüttere Haar. So als sollte diese Milde nur den Kontrast zeichnen zu dem, was sie eigentlich mit ihm vorhatte. Dann schöpfte sie mit der Hand etwas der stinkenden Brühe, die zäh und gärig durch die Rinne floss, und spritzte sie ihm ins Gesicht. Als er nicht gleich aufwachte, wiederholte sie dies. Mehrmals. Dann schreckte der verwirrte Mann endlich auf. Weite Augen der Verwunderung starrten Sziedeyna an. Und ihre ungeduldige Mimik wich einem teuflischen Grinsen. "Na? Endlich aufgewacht?", entfuhr es ihr, nun wissend, dass ihr Spiel beginnen konnte. "Für dich habe ich mir was ganz Besonderes ausgedacht", fuhr sie fort. Der Mann, voller Panik, wollte sich aufrichten, aber Sziedeyna stoppte dieses Bestreben umgehend, indem sie ihn mit ihrem Fuß niederdrückte. "Na, wer wird denn hier gehen wollen? Hiergeblieben!" Der Mann rührte sich nicht mehr und brachte auch kein Wort mehr heraus, so sehr ließ ihn die Angst erstarren, als würde er begriffen haben, dass ihn hier etwas anderes angrinste als ein bloßer Mensch. Fast wie das Böse selbst, das sich ihm hier offenbarte.
"Dich werde ich langsam sterben lassen", sagte Sziedeyna ihm in kalten klaren Worten. Ihr Blick war jetzt völlig emotionslos. Doch nicht ganz, als lauere hinter dieser Maske noch etwas anderes. Sie beugte sich zu ihm hinab und sagte fast wie bei einem Gebet: "Mein Schmerz zu deinem Schmerz." Diese Worte wiederholte sie ein paar Mal mantraartig. Dann nahm sie ihre Hand und griff nach seinem linken Auge wie nach einer Frucht. Einfach so. Sie griff in die Höhle, zog den weißen Apfel heraus, bis es Peng sagte und nichts mehr das Sehorgan mit dem Schädel verband. Der Mann wollte zu einem schmerzverzerrten Schrei ansetzen, da hielt Sziedeyna mit der anderen Hand den Kiefer des Mannes fest und riss ihn mit einem brutalen Ruck aus der Verankerung. "Sei ruhig!", entfuhr es ihr. Ihr Opfer verlor das Bewusstsein, sei es vor Schmerz oder Entsetzen. "Verdammt!", rief Sziedeyna, "mach doch nicht schon jetzt schlapp!" Wütend nahm sie seinen Kopf und zerschlug den Schädel des Mannes auf dem Gestein der Kanalisation wie eine Vase aus Ton. Entstellt und entmenschlicht lag der reglose Leib da. Sie hatte nicht mal mehr das Bedürfnis, von ihm zu trinken.
Innerlich war sie aber nun bereit, ihre eigentliche Rache zu vollziehen. Sie war satt, sie hatte mit verschiedenen Opfern experimentiert und wollte nun nicht länger warten. Sie konnte nicht länger warten. Die kühle Rationalität übernahm wieder die Führung bei ihr. Sie wusste, wo der Mann in Skara Brae lebte. Also würde sie dort im Ort ein Zimmer mieten und erstmal seine Routinen studieren, von sicherer Distanz bei Nacht. Ein paar Nächte vergingen. Ihrem Blutdurst begegnete sie diesmal ganz anders als die grausamen Male davor. Sie hatte hier ein anderes Ziel vor Augen und so trank sie sich an einem betrunkenen Seemann satt und entsorgte das Opfer einfach in der Brandung. Keine Hass, keine Wut, kein Sadismus. All diese Qualitäten hob sie sich nun für Kaimond auf. Diese Energie sollte ihr die maximale Kraft verleihen, die wollte sie jetzt nicht mehr an irgendwelchen dahergelaufenen Opfern vergeuden.
Kaimond schien ein Mann mit Gewohnheiten zu sein. Sein Tagesablauf unterschied sich kaum von Nacht zu Nacht. Sziedeyna fiel vor allem auf, dass er den todbringenen Dolch nicht mehr bei sich zu haben schien. Denn dieses unheilvolle Artefakt war es am ehesten, das sie fürchtete. Sie hatte all die Macht mit ihren eigenen Augen bezeugt, die von diesem Ding ausging. Wenn sie ihn da sah, wie er allabendlich den Schlüssel in das rostige Schloss steckte, sah sie nur das Ziel ihrer Rache. Das war kein Mensch, das war eine Maus. Und sie die Katze. Und sie wollte mit der Maus spielen, ehe sie sie verschlingen wollte.
Aber sie ging es geschickt an, nicht zu übereilt. Skara Brae war kein Nest der Ordnung. Es war ein Ort voller zwielichtiger Gestalten. Und so fielen Sziedeyna beim Erkunden des Ortes bei Nacht immer wieder Menschen auf, die sie vielleicht für ihre Zwecke einspannen konnte. Da war dieses Mädchen in den zerschlissenen Hosen, das ihr besonders auffiel. "Sst!", warf Sziedeyna dem Mädchen eines Nachts zu. Es wandte sich unverrücks um und blickte in die dunkle Ecke, aus der das Geräusch gekommen zu sein schien. "Sst! Hier." Sziedeyna trat etwas aus dem Dunkel und offenbarte sich dem Mädchen. Dieses betrachtete sie mit einer Mischung aus Skepsis und Neugier. "Du könntest mir einen Gefallen tun, dann bekommst du das hier." Sziedeyna zeigte dem Mädchen eine Handvoll Goldmünzen. Mit derlei Geschäften vertraut entspannte sich die Haltung des Mädchens und sie fragte schlicht: "Was soll ich dafür tun?" Sziedeyna antwortete: "Mir einen Dietrich für das Ordenshaus der Gemeinschaft der Flamme anfertigen." Das Mädchen lachte verschmitzt und entgegnete: "Da wird es aber nicht mehr viel zu holen geben, aber bitte, in einer Nacht hast du deinen Schlüssel." Sziedeyna nickte ihr zu und daraufhin verschwanden beide.
In der folgenden Nacht trafen sie sich wieder und das Mädchen übergab ihr wie versprochen einen Schlüssel. Sziedeyna hielt sich ebenfalls an die Abmachung und übergab ihr die Münzen. Dabei blieb es. Sie sollte jetzt Zugriff auf das Gebäude haben, in dem Kaimond regelmäßig schlief. Sie ließ nichts anbrennen und probierte noch in dieser Nacht aus, ob der Schlüssel hielt, was das Mädchen ihr versprochen hatte. Zuvor hatte sie beobachtet, wie Kaimond wie üblich das Gebäude betrat und die Tür hinter sich schloss. Nicht viel später erlischte wie erwartet das Licht in einem bestimmten Raum. Das musste sein Schlafgemach gewesen sein. Sziedeyna wartete ab, bis die Straßen vor dem Eingang leer waren, schlich zur Tür, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte um. Es funktionierte. Die Tür war auf. Diebische Freude überkam sie. Kaimond durfte friedlich schlummern und sie war in seinem Haus, mit ihm allein. Zur Sicherheit schloss sie die Tür von innen wieder ab und ließ den Schlüssel stecken. Niemand sollte von außen zur Hilfe eilen und ihren Plan durchkreuzen. Ihr eigener Fluchtweg? Unwichtig.
Sie zog ihre Stiefel aus und schlich in Strümpfen durch die dunkle Eingangshalle, in der sie dank ihrer Vampirkräfte alles taghell erkennen konnte. Sie trug nichts als leichten Stoff, um so beweglich und leise wie möglich zu sein. Durch die Strümpfe hinterließen ihre Schritte nichtmal mehr ein leichtes Patschen. Sie überlegte kurz, wo sich der Raum befinden musste, den sie von außen als sein Schlafgemach ausgemacht hatte. Wie eine stille Schlange bahnte sie sich durch die Windungen des Gebäudes. Ähnlich witterte sie ihre Beute, nur anstatt einer gespaltenen Zunge war es eher ihre Nase oder ihr vampirischer Instinkt, dem sie folgte. So fand sie den Raum ihrer Begierde auch bald und hörte ein leises Schnarchen hinter der angelehnten Eichentür. Sie schob sie minimal weiter auf, sodass sie gerade hindurchpasste. Sie wollte keine unnötigen Geräusche verursachen und Türen entfuhr schnell ein unerwartetes Quietschen oder Knarren. All das hatte sie bedacht bei ihrem Vorgehen. Und dann stand sie da. Vor ihm. Dieser Mann, den sie zuletzt wie ein nicht zu bändigendes Monstrum erlebt hatte, lag nun friedlich da. Sie beobachtete ihn eine Weile lang, als wollte sie den Moment der Antizipation genießen.
Kaimond drehte ihr den Rücken zu. Optimal. So konnte er sie auch nicht als Schatten aus dem Unterbewusstsein spüren. Sie fühlte sich sicher. Den Dolch fühlte sie auch nicht. Der hätte ihr wirklich Angst gemacht. Aber heute war hier nichts weiter als ein Mann, der jetzt sterben musste. Sie beugte sich langsam und vorsichtig über ihn, spürte wie ihre Eckzähne sich in ihrem Mund geschwind Raum nahmen und visierte seinen Hals an. Dieser Hals, in den sie schon einmal ihre Zähne versenkt hatte, bevor er diese verdammte Superwaffe zog. Aber jetzt hatte er sie nicht dabei. Sziedeyna schlug mit voller Kraft ihre Hauer in den Hals des Mannes und saugte mit einer sich nun explosionsartig entfesselten Kraft, dass ihm förmlich das Blut aus dem Hirn gezogen wurde. Er konnte sich nicht wehren. Weil sie eigentlich satt genug war, ließ sie aber rechtzeitig von ihm ab, um ihn nicht zu töten. Sie wollte ihn wehrlos haben und das war ihr gelungen.
Daraufhin floss wieder genug Blut in seinen Kopf und er kam zu Bewusstsein, aber so geschwächt, dass er kaum eine Silbe rausbrachte. Er ächzte und schaute erschrocken in Sziedeynas teuflischen Blick. Er war wie die Fliege in ihrem Netz und sie war dabei, ihn nach ihrem Biss einzuwickeln in ein Gespinst aus Qual. "Na? Hast du etwa geglaubt, du würdest damit davonkommen?" Sie grinste genüsslich. Aber sofort veränderte sich ihr Ausdruck und sie gab ihr wahres Gesicht preis. Hass. "Du wirst büßen, du wirst winseln, du elender Wicht!" Jetzt wich die hasserfüllte Fratze für einen Moment der noch tiefer liegenden Wahrheit: Trauer. Ihre Gesichtszüge flossen förmlich der Schwerkraft folgend dahin und offenbarten ein unendliches schwarzes Loch aus Schmerz und Verlust. Aber als würde der Hass ihre entgleiste Grimasse nun wieder notdürftig hochreißen, entfuhr ihr: "Du hast mir alles genommen, alles!" Sie wollte, dass er versteht. Dass er ihren Schmerz versteht. Dass er versteht, was er ihr angetan hat.
Schwach und kaum bei Bewusstsein blickte er sie nur leer an. Dann brachte er doch ein paar leise Silben heraus: "Du armes Mädchen." Sziedeyna taumelte innerlich ob dieser Worte. Was sagte er da? Das war nicht, was sie hören wollte. Ihre innere Festigkeit, die ihre Rachelust um ihren inneren Zustand aus Trauer, Wut und Hass wie ein Band um ein Reisigbündel geschnürt hatte, geriet ins Wanken. Für einen Moment war so etwas wie Hilflosigkeit in ihrem Blick auszumachen, die sie jedoch schnell wieder unter den gewohnten Emotionen begrub. "Was sagst du da?", brach es zornig aus ihr heraus. "Du wirst..." Das letzte Wort flachte seltsam im Affekt ab und übrig blieb ein leises "...büßen." Seine Worte wirkten wie eine Injektion Gift, immer mehr. Als würde in ihr nun ein innerer Kampf toben, mit dem sie nicht gerechnet hatte, ließ sie von ihrem ursprünglichen Plan ab. Mit leeren Augen schaute sie ihn nur an, schien seinem Blick kaum standhalten zu können und machte sich lethargisch wieder an seinem Hals zu schaffen, um ihm den Rest an Lebenskraft zu entziehen. Kurz darauf lag der leblose Körper ihrer einstigen Erznemesis nur noch wie eine weitere Bettdecke vor ihr.
Er hatte ihr den Triumph verwehrt. Einfach so. Mit so einfachen Worten, die aber so tief trafen. Sie hatte ihr Werk vollendet, aber nicht so wie gedacht. Sie wollte ihn winseln sehen, sie wollte mit ihm spielen. Sie wollte ihn das Leid spüren lassen, das er ihr zugefügt hatte. Aber jetzt war da nur innere Leere. Sie verließ den Raum mit hängenden Schultern, zog ihre Stiefel an wie eine Marionette, schloss die Tür auf und ging.
Soundtrack