Aber dann passierte etwas, mit dem sie nicht gerechnet hatte…
Der Wind wurde plötzlich immer stärker. Er zog an den Blättern und Ästen der Bäume, wirbelte den Boden auf und verdunkelte so den Himmel. Für einen Moment schien der Morgen aufgehalten worden zu sein. Die ersten zarten Sonnenstrahlen erreichten Sziedeyna vorerst nicht mehr. Ihre vermeintliche Zartheit wurde von der Wucht des eigenartigen Naturereignisses buchstäblich überschattet.
Sziedeyna fiel dies natürlich auf. Sie hatte sich bereits aufgegeben und mit ihrer Existenz abgeschlossen. Aber was sie da um sich herum hörte und spürte, ließ sie aufblicken. Ihre Tränen ließen zunächst noch alles verschwommen erscheinen, aber dann versiegte der Fluss ihres vorigen Gefühls und Verwunderung machte sich in ihren Augen breit. Zunächst suchend, dann aber fand ihr Blick den Ursprung der jüngsten Ereignisse: Ancanagar stand im Schatten des Turmeingangs und schien ihr etwas zuzurufen, das sie aber nicht wirklich greifen konnte. Waren es Worte oder war es etwas anderes?
Aber Sziedeyna spürte nun, dass Ancanagar hier an ihrer Rettung arbeiten musste. Sie war der Ursprung hinter der Verdunklung des Himmels, der Sziedeynas sicheren Untergang aufgeschoben hatte. Rettung? Ancanagar brachte sich auf diese Weise selbst in Gefahr, denn mit der Kraft der Sonne gab es für Vampire keine Verhandlung auf Augenhöhe. Dass Ancanagar überhaupt ihren Urinstinkt überwand und sich für Sziedeyna selbst derart in Gefahr begab, hatte einiges zu bedeuten. Das spürte Sziedeyna. Und das war der Todesstoß für eine der beiden Kriegsparteien, die zuletzt in Sziedeyna getobt hatten: Der Lebenswille triumphierte über die Todessehnsucht, und so ging auf einmal ein heftiger Ruck durch Sziedeyna.
Als hätte sie endlich die Dummheit ihres Handelns eingesehen, hastete sie los, zu Ancanagar, an ihr vorbei, in den Turm. Dabei zog sie instinktiv Ancanagar mit sich, indem sie ihr Kleid ergriff, die auch bereitwillig nachgab, als sei dies auch ihr tiefster Instinkt, dem sie bisher nur mit allem widerstanden hatte. Als wären beide Vampirinnen für einen Moment zu einem Wesen verschmolzen, retteten sie sich vor den bereits wieder aufkeimenden Sonnenstrahlen durch mehrere Schichten an Teppichen und Decken hindurch in den Keller des Turms. Sie waren sicher.
Ancanagar sank an einer Wand herunter, Sziedeyna fiel vor ihren Füßen zu Boden und rollte sich ein wie ein kleines Tierjunges, das in einem Moment voller Angst vor allem den Schutz und die Geborgenheit seiner Mutter suchte. Ancanagar schien hin und hergerissen zwischen Vorwurf und Beschützerinstinkt gegenüber ihrem Vampirkind, das erst vor wenigen Wochen unverrücks in ihr Leben geplatzt war. Es gewann Letzterer, denn Ancanagar spürte, dass Sziedeyna sich verändert hatte. Ihr einst schlagendes Herz war verstummt und es bedurfte eines absoluten seelischen Ausnahmezustandes, dass ein Vampir sich freiwillig der Sonne auslieferte. Für Schelte oder Verständnis hatten sie eine Ewigkeit Zeit. Jetzt erst mal brauchte Sziedeyna Ancanagars Nähe. So legte Ancanagar ihre linke unversehrte Hand etwas zögernd und nachdenklich auf Sziedeyna ab.
Als Sziedeyna das Gewicht spürte, beruhigte sie sich etwas. Sie war zwar noch zu keinen Worten in der Lage, aber sie fühlte sich angenommen und von hier an konnte es nur bergauf gehen, langsam aber sicher.