Sziedeyna wachte auf. Sie ... wachte ... auf. Sie spürte, wie die Müdigkeit noch in ihren Gliedern steckte, und sie verspürte den Impuls, sich etwas zu recken und zu strecken. Ein Gähnen überkam sie. Das war ... neu. Oder alt. Je nachdem, wie man es betrachtet. Sie hatte nicht einfach von jetzt auf gleich die Augen geöffnet und war voll da, wie das zuletzt bei ihr stets der Fall gewesen war. Sie fühlte sich ... menschlich?
Zuerst fuhr sie mit ihrer Zunge über die Eckzähne und versuchte sie auszufahren, aber nichts passierte. Sie fasste sich ans Handgelenk – und sie spürte ... einen Puls. Ihre Haut war rosiger. Und vor allem ... sie verspürte diesen Hunger nicht mehr. Sie konnte es kaum glauben, aber alles sprach dafür, dass sie wieder ein Mensch war. Ein Mensch! Ein ganz normaler Mensch ohne diesen elenden Hunger, den sie sich nicht zugestanden hatte und deswegen Höllenqualen gelitten hatte. Aber all das war jetzt weg. Sie fühlte sich ... friedlich.
Sie schaute sich im Raum um und bemerkte, dass es zwar ihr Raum zu sein schien, jedoch anders. Die schweren Vorhänge vor den Fenstern waren durch leichte ersetzt worden, die mehr Licht durchließen. Und jetzt wollte sie es wissen! Sie zog den Vorhang zur Seite, und die Sonne fiel in ihr Gesicht. Sie wollte zuerst instinktiv zurückschrecken, merkte aber sofort, dass ihr die Sonne nichts anhaben wollte. Sie war ... warm ... und freundlich. Sie war wirklich ein Mensch.
Das muss ein Wunder gewesen sein, dachte sie zu sich selbst. Ein Wunder, das einem das Leben kein zweites Mal schenkt.
Einst war sie wie besessen davon gewesen, ein Vampir zu werden. Und als sie dies endlich geschafft hatte, durch einen puren Zufall, indem sie Ancanagars Turm gefunden hatte, war ihr Glück nur von äußerst kurzer Dauer gewesen. Nach der Rache an Kaimond für Ancanagars Tod war nur noch innere Leere übrig und sie hatte sogar die Lust verloren, Blut zu trinken. Ihr zunächst so vielversprechendes unsterbliches Leben war zu einer Falle geworden, in der sie nur noch vor sich hin vegetiert war. Aber jetzt hatte sie diese zweite Chance bekommen.
Ihre Gedanken hatten sich die letzten Wochen intensiv um ein Leben als Mensch gedreht. Sie hielt krampfhaft an der Vorstellung fest, wie ihr Leben als Mensch wäre, und flüchtete sich in diese Fantasie. Doch diese Fantasie war nun Wirklichkeit geworden. Wie und warum, das wusste sie nicht. Aber es war am Ende auch egal. Hauptsache war, dass sie wieder leben konnte. Wirklich leben.
Sie blickte zur Tür und sah einen Mantel daneben hängen. Das war nicht der Mantel, den sie kannte. Er war leichter, unscheinbarer. Ein Alltagsgegenstand zum Schutz vor Witterung. Sie fragte sich, wer vor ihr hier gewohnt haben mochte. Vieles war so ähnlich und auch ... vertraut. Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie kannte den Mantel eigentlich. Es war ihrer – vor der Wandlung. Nicht alles war exakt gleich, aber sie erkannte das Muster. Niemand anderes außer ihr oder einer Art Zwilling konnte hier gewohnt haben.
Hatte sie mit diesem Zwilling die Plätze getauscht? Vielleicht waren ihre intensiven Fantasien nicht bloß das, überkam sie ein Gedanke. Vielleicht steckte mehr dahinter. Das wäre nicht ganz unplausibel, dachte sie, in Anbetracht der aktuellen Ereignisse, von denen die Leute berichtet hatten, denen sie des Nachts heimlich gelauscht hatte – nicht weil sie ihr Blut hatte trinken wollen, sondern weil sie Gesellschaft gesucht hatte. Menschliche Gesellschaft, von der sie dennoch fundamental getrennt war. Durch den Verlust Ancanagars hatte sie sich als das einsamste Wesen auf der Welt gefühlt und irgendwann begonnen, ihrer menschlichen Existenz hinterherzutrauern. So hatte sich neben dem körperlichen Hunger noch dieser emotionale Hunger dazu gesellt.
Aber jetzt war alles anders. Sie musterte ihre neue alte Garderobe und zog sich an. Das gab ihr ein Gefühl, fast wie in eine alte Haut zu schlüpfen. Doch fühlte sie sich anders als früher. Ein innerer Frieden war hinzugekommen, der ihr vor der Wandlung fehlte und der sie überhaupt erst dazu getrieben hatte, die Unsterblichkeit zu suchen.
Passend für den Tag gekleidet schritt sie zur Tür und öffnete sie langsam. Da öffnete sich vor ihren Augen eine ganze Welt. Eine bekannte und dennoch neue Welt. Sie trat vor die Tür und schloss sie behutsam hinter sich. Nun stand sie da, auf der kleinen Treppe, ging sie hinunter und drehte sich noch einmal um. Sie konnte es immer noch kaum fassen. Sie bemerkte, dass da ein kleiner Stein im Mauerwerk der Treppe fehlte.
Hmm, kleine Unterschiede, dachte sie. Es war nicht nur sie selbst, die sich verändert hatte, sondern auch ihre Welt. Aber nicht zu sehr, um sich nicht grundsätzlich unvertraut zu fühlen.
So ging sie los, die warme Sonne im Gesicht. Sziedeynas erster Tag unter der Sonne seit rund einem Jahr. Nachdem sie vor die Tür ihres kleinen Hauses getreten war, fühlte sie eine Euphorie in sich aufsteigen, mit der sie längst nicht mehr gerechnet hatte. Die Hoffnungslosigkeit, die noch gestern jede Faser ihres Körpers chronisch durchzogen hatte, wich einer neuen Lebensbejahung – einer, die sie so überhaupt zum ersten Mal in ihrem Leben spürte.
Sie labte sich an der Wärme, die die Sonne auf ihr Gesicht und ihren Körper legte. Es fühlte sich fast an, als würde sie mit Energie aufgeladen. Sie war ganz im Moment. Sie spürte den Wind sanft durch ihre Haare streichen, hörte den Vögeln beim Singen zu, beobachtete Bienen und Schmetterlinge – und liebte in diesem Augenblick einfach alles, was um sie herum geschah. Es waren banale Dinge. Aber es waren auch Dinge, die für ein Jahr lang völlig unerreichbar gewesen waren.
Sie hatte den Vampirfluch verloren. Oder besser gesagt: Sie war in einer anderen Welt aufgewacht, in einem anderen Körper, der dennoch ihrer war. Ein Wunder – unmöglich eigentlich. Kein Vampir wagte je, davon zu träumen. Und doch war es geschehen. Sie hatte alle Erinnerungen behalten. Sie war sie selbst. Wieder sie selbst.