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Antwort auf: Vor einem Jahr: Der Turm - Sziedeyna

Das Pendel

Sziedeyna 01.02.2026 20:16
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Sziedeynas anfänglicher Rausch war inzwischen verflogen. Allmählich machte sich in ihr wieder der Hunger breit. Ihre Gedanken hatten sich für eine Weile nicht um Blut gedreht. Jetzt stellte sie sich wieder die Frage, wie sie an welches kommen konnte, möglichst ohne wieder eine Leiche entsorgen zu müssen. Sie seufzte. Ihr wurde in der Nüchternheit klar, was ihr Zustand in Zukunft für sie bedeutete. Unsterblichkeit. Aber zu welchem Preis?

Diese Gedanken nahmen sich jetzt mehr und mehr Raum in ihrem Kopf. Nachdem sowohl die völlige Aushungerung als auch der Rausch nach der Blutmahlzeit verflogen waren, reflektierte sie zum ersten Mal ihre Situation richtig. Gerade als Vampir erwacht war es der Hunger gewesen, der ihre Gedanken auf eine einzige Sache fokussiert hatte. Danach hatte der Rausch ihr jede Notwendigkeit genommen, über ihre Situation nachzudenken.

Alles hatte mit ihren Träumen angefangen, die immer mehr ihr Leben bestimmt hatten, und am Ende sah sie sich plötzlich in einer anderen Welt wieder und war zu dem Ebenbild aus ihrem Traum geworden. Niemand hatte sie gefragt, ob sie das auch wollte. Eigentlich hatte sie mit dem Wunsch, ein Vampir zu werden, längst abgeschlossen. Ihr wurde klar, dass das alles keine Dauerzustände sein konnten und sie sich immer wieder an diesem Punkt befinden würde, an dem ihr ihre Existenz vor Augen geführt wurde.

Diese Gedanken ließen sie in ein Loch fallen. Woraus sollte ihr Leben künftig bestehen? Sollte alles, wofür sie lebte, darin bestehen, sich die nächste Blutmahlzeit einzuverleiben – gegebenenfalls unter hohen Risiken? Sie fühlte sich wie eine Drogenabhängige in einem Moment der Klarheit. Bloß, dass sie keine Aussicht darauf hatte, von dieser Droge loszukommen, da sie notwendig für ihre Existenz war. Und so breitete sich in ihr ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Leere aus, das sie in den nächsten Tagen auch nicht verlor.


Sziedeynas anfängliche Euphorie wich allmählich einer Gewöhnung an den Alltag. Die Bienen und Schmetterlinge oder die Wärme der Sonne nahm sie jetzt nicht mehr so wahr wie zuletzt noch an ihrem ersten Ausflug als Mensch. Sie brauchte Geld. Also musste sie arbeiten. Nur wusste sie überhaupt nicht, was ihr Gegenstück zuletzt gemacht hatte. Zu welchen Auftraggebern hatte sie Kontakt gehabt? Welche Aufträge waren noch offen? Es fiel ihr daher schwer, wieder in ihr altes Leben vor der Vampirwandlung zurückzufinden.

Sie klapperte Anschlagsbretter ab, aber es war kein Auftrag für sie dabei. Sie beschloss, ihren ehemaligen Auftraggebern einen Besuch abzustatten und sich dabei möglichst nicht anmerken zu lassen, dass sie sie eigentlich seit mindestens einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Einer hatte tatsächlich einen Auftrag für sie, den sie bereitwillig und voller Erleichterung annahm. Es war das Übliche: Irgendein Schwarzmagier benötigte wieder Reagenzien für seine Experimente. Sie hatte endlich den Fuß wieder in der Tür. Normalität schien einzukehren.

Eines Morgens jedoch wachte sie schweißgebadet auf. Ein Albtraum. Darin war sie wieder die Vampirin, die sie bis vor kurzem noch gewesen war. Träume waren offenbar ein Nebeneffekt ihrer zurückgewonnenen Menschlichkeit. Aber dieser Traum machte ihr Angst. Was, wenn es kein bloßer Traum war, sondern eine Erinnerung daran, dass sie vielleicht genauso unverrücks wieder zu dieser Kreatur werden konnte, wie sie sich plötzlich in der Haut eines Menschen wiedergefunden hatte? Was, wenn diese Rückverwandlung nicht endgültig war? Was, wenn sie wieder in diesen elenden Zustand zurückkehren musste, der für sie die reinste Qual gewesen war? Sie hoffte Gegenteiliges, aber bei diesem einen Traum blieb es nicht.


Und dann passierte es. Genauso plötzlich wie das Mal zuvor. Sziedeyna wachte wie aus einem Traum auf und spürte sogleich, dass sie kein Vampir mehr war. Sie blickte sich um, und der veränderte Raum bestätigte ihr dies. Keine schweren Vorhänge. Ihr Schlafrock hatte wieder das sachte Beige statt dem intensiven Weinrot. Aber anstatt sich über die wundersame Wendung zu freuen, stieg Unbehagen in ihr auf.

Sie war skeptisch. Was sie zuletzt als endgültiges Schicksal begriffen hatte, war nun, durch den erneuten Wechsel, grundsätzlich infrage gestellt worden. So konnte es nicht weitergehen. Würde sie die nächste Nacht wieder Vampir sein? Sie musste dem, was mit ihr passierte, endlich auf den Grund gehen. Aber sie wusste nicht, wo sie überhaupt anfangen sollte. Die Geschehnisse schienen sich in einem viel größeren Rahmen abzuspielen, als für sie greifbar war.


Und dann geschah es. Genauso plötzlich wie das Mal zuvor. Sziedeyna wachte nicht aus ihrem Traum auf, sondern war zu ihrem Traum geworden – der Vampirin. Was sie sofort merkte, da sie den Zustand inzwischen kannte und er in so barschem Kontrast zu ihrem menschlichen Lebendigfühlen stand, das sie zuletzt wieder wertzuschätzen gelernt hatte.

Sofort brach in ihr ein Gefühl von Ausweglosigkeit aus. Wie konnte ihr das Schicksal so einen Streich spielen? Als hatte es ihr grausam mit einem kleinen Appetithappen vor Augen führen wollen, was sie doch nicht mehr haben sollte. So fühlte es sich für sie an. Aber sie fragte sich nun auch, ob sie vielleicht morgen doch wieder als Mensch aufwachen würde. Diese Ungewissheit konnte sie nicht länger akzeptieren. Sie musste dem, was mit ihr geschah, endlich auf den Grund gehen. Selbst ihren Hunger schien dieses Gedankenkarussell vorübergehend zu überdecken.


Es war wieder passiert. Sie hatte keinen Herzschlag mehr und spürte den Hunger nach Blut. Die Abstände zwischen den Wechseln schienen sich zu verringern. Plötzlich hatte sie das Gefühl, als hätte sich etwas in ihrem Augenwinkel bewegt. Sie schaute hin. Da hing ihr Spiegel an der Wand. War es Einbildung? Da konnte doch nichts gewesen sein.

Sie stand trotzdem auf, stellte sich vor den Spiegel und schaute hinein. Da sah sie etwas!


Es war erneut geschehen. Sie spürte ihr Herz pochen nach dem Aufwachen. Als Allererstes ging sie zum Spiegel an der Wand, um sich zu sehen. Es verlangte sie innerlich nach dieser eindeutigen Bestätigung. Da war aber nichts. Der Spiegel war... leer. Sie zweifelte an ihrem Verstand, wandte sich ab und rieb sich die Augen. Was war nur los?

Sie versuchte es nochmals. Und als sie diesmal in den Spiegel schaute, sah sie jemanden!


Als sich beide erblickten, begriffen sie gleichzeitig: Es war nicht ihr eigenes Spiegelbild, das sie sahen – es war ihr Gegenstück. Vampirin und Mensch blickten einander wie erstarrt in die Augen, als könnten sie ihren Blicken nicht trauen. Ein Sog schien von der spiegelnden Fläche auszugehen, und beide verspürten wie in Trance den Drang, das Bild zu berühren.

Sie streckten eine Hand aus – langsam, fast zögerlich – und berührten gleichzeitig die Oberfläche.

Da vollzog sich etwas Unglaubliches.

Ein einziger, greller Lichtblitz – ein Knall, der kaum länger als ein Herzschlag andauerte – und beide Sziedeynas verschmolzen zu einer.

Weder vollständig Mensch, noch ganz Vampir – und doch beides irgendwie.

Damit stand das Pendel still. Ein kosmischer Ausgleich hatte stattgefunden.


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