Sziedeynas Fusion war ein hochkomplexer Prozess, der sich zwar von jetzt auf gleich mit einem lauten Knallblitz vollzogen hatte, aber die Integration beider Persönlichkeiten war damit nicht direkt abgeschlossen. Es war zuerst wie ein Wechsel. Sie hatte Glück, dass ihre Leben so ähnlich waren, sonst wäre sie wahrscheinlich verrückt geworden oder hätte gedacht, sie wäre es. Mal dominierte die vampirische Sziedeyna, mal die menschliche. Vor allem Erinnerungen waren zunächst nebulös oder sehr selektiv, inwieweit sie sich zeigten. Beispielsweise konnte es bei lieber verdrängten schmerzhaften Erinnerungen länger dauern, bis sie wieder in Sziedeynas Bewusstsein drangen.
Doch jetzt erinnerte sich Sziedeyna an etwas, das zuletzt ihre vampirische Version in größtes Leid gestürzt hatte: Ancanagars Tod. Aber als der Schmerz des als unendlich empfundenen Verlusts zurückkehren wollte, stieß die Erinnerung der menschlichen Version dazu und verriet Sziedeyna, dass es in dieser Welt eine lebendige Ancanagar gab, oder besser gesagt, eine Ancanagar, die noch existierte und nicht vernichtet war.
Diese verzögerte Fusion ihrer Gedanken ließ Sziedeyna aufschrecken. Mit weit geöffneten Augen rief sie:
"Wo ist sie?!"
Sie saß dabei auf dem Boden in ihrem kleinen Haus. Ihr fielen dann zwei Orte ein, an denen sie nach Ancanagar suchen konnte: Sie konnte den Turm nordwestlich des Schwarzsteingebirges aufsuchen, in der ihr vampirisches Selbst sie einst getroffen hatte und wo sie selbst zur Vampirin gemacht worden war, kurz bevor ihr Ancanagar wieder schmerzlich entrissen worden war. Der andere Ort mochte Baretis Taverne auf Moonglow gewesen sein, wo ihr menschliches Selbst ihr begegnet war, noch ganz ohne ein Wissen, wer bzw. was sie eigentlich war.
Aber wie würde Ancanagar, diese Ancanagar, auf sie reagieren? Sie würde sich nur an die menschliche Sziedeyna erinnern und der bisherige Kontakte hatte nicht viel hergemacht. Was würde passieren, wenn Sziedeyna vor ihr stand und die Erinnerungen aus der Paralellwelt sie überfluteten, während Ancanagar vielleicht nichts mit ihr zu tun haben wollte? Diese Gedanken verunsicherten Sziedeyna sehr und hielten sie eine Weile in ihrem Kopf gefangen.
Aber sie wusste, dass sie es versuchen musste, egal, was am Ende daraus würde. Sie entschied sich für den Turm. Er hatte einfach mehr emotionale Bedeutung für sie. Und dort wäre sie auch ungestört mit ihr, anders als in der belebten Taverne. Es musste auch nicht jeder mitbekommen. Es wäre zwar der sicherere Ort gewesen, aber Sziedeyna wollte das Risiko eingehen. Den Turm empfand sie plötzlich wie ein zweites Zuhause, auch wenn dort vielleicht im Extremfall der Tod auf sie wartete. Sie dachte an das weiche Bett, in dem sie und Ancanagar so schöne Momente miteinander verbracht hatten.
Und so machte sie sich bald auf den Weg, mit Angst und Hoffnung im Herzen.