Inzwischen war es die dritte Nacht, in der Sziedeyna wie besprochen im Lager des fahrenden Volkes die Nachtwache übernahm. Sie saß am Feuer und schaute den tänzelnden Flammenzungen zu. Sie hatten eine seltsame meditative Wirkung auf sie und das Verfolgen mit dem Blick lenkte sie etwas von ihren Erinnerungen ab. Da vernahm sie plötzlich ein unerwartetes Geräusch.
Blitzschnell lokalisierte sie die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Sie stand auf und verließ das Lager ins umliegende Dunkel dieser Richtung. Sie hörte wieder etwas. Ein leises kaum wahrnehmbares Knacken von Ästen, diesmal etwas näher. Ihre feinen Vampirsinne waren wie ein Frühwarnsysten. Sie konnte auch im Dunkel der Nacht alles erkennen als wäre es taghell. Da sah sie schließlich etwas, oder genauer gesagt, jemanden. Es war ein einzelner Mann, der sich in Richtung des Lagers bewegte und anhand der Körperhaltung eher den Eindruck erweckte, als wollte er lieber nicht entdeckt werden. Nach menschlichen Maßstäben beherrschte er die leise Fortbewegung. Aber für eine Vampirin war das dilettantisch. Sziedeyna versteckte sich und ließ die Dunkelheit für sich arbeiten. Der Mann passierte sie kurze Zeit später nichtsahnend und Sziedeyna folgte ihm unbemerkt zurück zum Lager.
Als der Mann das Lager erreichte, schaute er sich genau um. Er musterte Säcke und Kisten und begann dann, vorsichtig eine der Kisten zu öffnen, um hineinzuschauen. Es musste sich um einen Plünderer handeln. Niemand, der irgendeine Verbindung zum Lager hatte, würde sich so verhalten, da war sich Sziedeyna sicher. Sie schlich sich lautlos von hinten an, packte den neugierigen Mann und brach ihm mit einem hörbaren Knacken das Genick. Sie schleppte ihn einige Schritt außerhalb das Lagers, fuhr ihre Vampirzähne aus und trank sich an der frischen Leiche satt. Hinterher trug sie den schlaffen Leib noch etwas weiter bis zum nahegelegenen Sumpf und entsorgte den Mann dort. Leise blubbernd verschwand er nach kurzer Zeit spurlos unter der Wasseroberfläche.
"Was für ein glücklicher Zufall", dachte sich Sziedeyna, die inzwischen schon wieder deutlich ihren Hunger gespürt hatte. Sie wollte sich an Ronas klare Worte halten, und niemandem aus dem Lager schaden. Schließlich haben sie sich so fürsorglich um sie gekümmert. Aber dieser Mann, der nichts Gutes im Schilde geführt hatte, der war ihr egal. Er konnte sterben. Und so ging sie mit einem zufriedenen Gefühl langsam wieder zum Lager zurück. Es betäubte auch ein wenig ihren inneren Schmerz. Die anderen sollten nie etwas von diesem Ereignis erfahren.