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Antwort auf: Vor einem Jahr: Der Turm - Sziedeyna

Ein plötzlicher Abschied

Sziedeyna 01.02.2026 20:20
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Discord: keine

Es verging eine Woche. Die Sättigung nach dem Vorfall mit dem Mann aus dem Wald war inzwischen wieder verflogen. Sziedeyna hatte wieder Hunger. Dieses Hungergefühl kannte sie nur aus der Zeit vor der Fusion, nachdem sie nach Ancanagars Tod in der Parallelwelt in ein tiefes Loch aus Trauer und Verzweiflung gefallen war. Als Halbvampirin war der Hunger nicht so stark gewesen, eher hintergründig präsent. Aber jetzt merkte sie, wie der anfangs noch winzige Wurm, der sich zunächst kaum merklich in ihren Kopf bohrte, immer größer wurde. Sie brauchte, sie wollte Blut. Dabei war sie von Menschen umgeben. Das Lager des fahrenden Volks hatte bis auf Rona keine Ahnung von ihrer wahren Natur. Und das sollte möglichst auch so bleiben. Ihr Aufenthalt hatte zur Bedingung, dass sie niemandem hier etwas antun würde. Aber konnte sie mit ihrem stetig stärker werdenden Hunger dafür garantieren? "Alles ist einfach, wenn man satt ist. Und alles ist schwer, wenn man hungrig ist", dachte Sziedeyna. Ihre Haut war inzwischen auch immer blasser geworden. Unmenschlich blass. Sziedeyna fühlte sich nicht nur krank, sie sah auch so aus. Sie hatte tiefe Augenringe, als hätte sie tagelang nicht geschlafen. Hailey machte sich besonders Sorgen um sie.

An einem Abend, die Sonne war im Begriff unterzugehen, schaute Hailey nach Sziedeyna in ihrem Wagen und dachte, sie wäre tot, da Sziedeyna sich nicht mehr regte. Instinktiv spürte Hailey ihren Puls, fühlte ihre Temperatur und prüfte auf Atem. Aber nichts davon fand sie vor. Hailey wandte sich von Sziedeyna ab, um die anderen zu rufen. Doch bevor das passieren konnte, packte Sziedeyna sie am Handgelenk und zog sie zurück. "Nicht…", entfuhr es Sziedeyna schwach. Hailey fuhr erschrocken zurück, hatte sie Sziedeyna sicher für tot gehalten. "Du lebst!", rief Hailey und ihr Gesicht hellte sich auf. "Mir geht es schlecht", sagte Sziedeyna ihr leise. In dem Moment als Sziedeyna Hailey so vor sich hatte, nahm sie den kleinen Blutfleck wahr, der sich auf Haileys Bluse befand. Sziedeyna wich mit weit aufgerissenen Augen zurück. Sie hatte sich kaum noch im Griff und starrte nur noch auf den Fleck, als sich auch noch ihre Vampirzähne ausfuhren. Sziedeyna erschrak im selben Moment so über sich selbst wie Hailey über Sziedeyna erschrak, deren Gesicht kurz eher einer Fratze glich. Daraufhin bändigte Sziedeyna ihre Natur unter höchster Anstrengung und es gelang ihr, die Zähne wieder einzufahren. "Es… tut mir leid," sagte Sziedeyna mit trauriger Miene, während sie unsicher in Haileys Augen schaute. "Ich möchte euch nicht schaden, aber… der Hunger… ich brauche… Blut."

Hailey stand wie versteinert da. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie mochte Sziedeyna und hatte sich gerne um sie gekümmert und dieser offenbar in Not geratenen jungen Frau einen Platz zum Schlafen angeboten. Doch jetzt zeigte Sziedeyna buchstäblich ein anderes Gesicht. Jedoch lösten Sziedeynas Worte in ihr auch ein anderes Gefühl als Angst oder Abscheu aus: Mitleid. Vor ihr sah sie vor allem ein Häufchen Elend liegen, das sehr litt, mehr noch als es die letzten Tage angedeutet hatten. Sie hatte Sziedeyna mit rosigen Wangen und einem gesunden Körper kennengelernt, deren Leid eher seelischer Natur gewesen zu sein schien. Doch jetzt wirkte es, als läge eine lebende Tote in ihrem Bett, die… Hilfe brauchte. "Wie kann ich dir helfen, Sziedeyna?", fragte Hailey dann in einem überraschend gefassten Tonfall.

Sziedeyna spürte, dass Hailey in ihr mehr sah als nur ein verabscheungswürdiges Monster, mehr als ein gelüftetes dunkles Geheimnis. Gedanken abseits des Hungers fluteten ihren Kopf. "Wer… bin ich?", fragte Sziedeyna leise, eher zu sich selbst gerichtet. Hailey stand still vor ihr und beobachtete sie aufmerksam. Das Flackern einer Kerze hüllte das Innere des Wagens in ein warmes gedämpftes Licht, in dem zwei Gesichter einander zugewandt waren. "Bin ich… das, was ich bin, wenn ich satt bin, oder… das, was ich bin, wenn ich hungrig bin? Wer bin ich?" Sziedeynas Blick wanderte als ob sie in ihren Gedanken etwas suchte. Hailey blieb stumm und betrachtete sie nur. Sziedeyna fuhr fort: "Bin ich wirklich Sziedeyna oder… nur ihr Schatten?" Sziedeyna verstummte und schaute mit leicht geöffnetem Mund und Falten auf der Stirn zu Boden. Dann begann sie wieder zu sprechen: "Ich atme noch. Aber ist es Atem? Wozu noch? Manchmal scheint er auszusetzen und ich merke es erst gar nicht, bis ich es doch merke, und dann erschreckt es mich. Dann fühle ich mich… tot. Aber ich bin doch nicht tot. Oder?" Sziedeynas in Sorgenfalten gelegter Blick traf nun wieder Haileys, die sie noch immer stumm aber aufmerksam betrachtete.

Dann brach Hailey die Stille: "Ich weiß nicht, wie ich dir da helfen kann. Oder… kann ich dir…" Sziedeyna unterbrach sie: "Bitte… pflanze mir nicht solche Gedanken in den Kopf. Ich kann für nichts garantieren. Wenn du mir… etwas gibst, wer sagt, dass ich dann… aufhören kann? Ich…" Sziedeyna verstummte für einen Moment, fuhr dann aber fort: "Ich bin… Unglück… für alle, die mir etwas bedeuten." Tränen lösten sich und ihr Gesicht lag in tiefer Trauer. Leise hauchte sie: "Ancanagar, du würdest noch leben, wenn ich dir nie begegnet wäre." Wieder hielt Sziedeyna kurz inne, bevor sie weitersprach: "Und ich habe solche Angst, dich noch einmal zu verlieren… wegen mir." Ihr Blick fiel auf den Boden. Ihr Körper sackte kurz ein, bis sie auf einmal ein Ruck durchfuhr und sie mit immer festerer Stimme sprach: "Ich… ich kann… nicht… ich muss… gehen! Ich… schade nur." Hailey konnte gar nicht schnell genug reagieren, da war Sziedeyna schon verschwunden. Sofort eilte sie aus dem Wagen, aber da war nur noch ein kaum merkliches Echo in den Blättern des Waldes, das flüchtig von Sziedeynas einstiger Anwesenheit zeugte.


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