Elaugh'reeDer Weg nach Elashinn fühlte sich anders an als meine bisherigen Reisen. Nicht wegen der Entfernung, sondern wegen der Geschichten, die man über diesen Ort hörte. Eine Stadt der Drow. Schon als Halbelf war ich es gewohnt, zwischen Welten zu stehen, aber Elashinn war eine von denen, in denen man besser vorsichtig auftrat. Also zog ich wieder meine alte Kutte an und die neue Robe blieb sorgfältig verstaut. Kapuze tief ins Gesicht, Ohren verborgen, Kopf gesenkt – das hatte mir in Düsterhafen schon geholfen, und ich hatte nicht vor, hier unnötig Aufmerksamkeit zu erregen. Ich hielt mich auch nicht lange in der Stadt auf. Jedes Mal, wenn der Unterricht vorbei war, will ich Elashinn wieder verlassen und außerhalb warten, wo die Luft freier war und die Blicke weniger prüfend wirkten. Erst wenn es Zeit für die nächste Lektion war, würde ich zurückkehren. Der Reisemagier von Elashinn heißt Elaugh'ree. Als ich ihn zum ersten Mal traf, war ich mir nicht ganz sicher, ob er mich überhaupt bemerkte. Er stand auf einem kleinen Platz zwischen dunklen Gebäuden, starrte gedankenverloren auf einen Punkt in der Luft und bewegte abwesend seine Finger, als würde er eine unsichtbare Saite zupfen. Erst nach einigen Sekunden sah er mich wirklich an. „Ah“, sagte er schließlich. „Du bist der Schüler.“ Ich stellte mich vor und zeigte ihm meine Runen – Nikki, Tivona, Irwin, Farendor, Thane und Amed. Elaugh'ree betrachtete sie kurz, nickte mehrmals und schien dann schon wieder halb mit seinen Gedanken woanders zu sein. „Gut, gut“, murmelte er. „Dann können wir anfangen.“ Sein Unterricht war anders als alles, was ich bisher erlebt hatte. Während meine bisherigen Lehrer viel Wert auf Kontrolle gelegt hatten, schien Elaugh'ree sich weniger darum zu kümmern, ob ich jeden Schritt bewusst durchdachte. Mehr als einmal begann er mitten im Gespräch plötzlich ein Portal zu öffnen, nur um es wieder verschwinden zu lassen, als hätte er gerade etwas ausprobiert. Ein anderes Mal unterbrach er mich mitten in einer Frage mit einer knappen Aufforderung. „Jetzt.“ Ich sprang. „Zu langsam“, sagte er. Ich wollte gerade erklären, dass er mir gar kein Ziel genannt hatte, doch er wiederholte nur: „Jetzt.“ Also sprang ich wieder. So ging das eine ganze Weile. Elaugh'ree ließ mich kurze Sprünge machen, ohne Vorwarnung. Mal zu einem Punkt hinter mir, mal zu einem Fenster auf der anderen Seite des Platzes, mal einfach nur zwei Schritte weiter. Manchmal zeigte er nicht einmal auf das Ziel, sondern beschrieb es nur beiläufig. „Die Ecke da.“ „Hinter dir.“ „Drei Schritte links.“ Anfangs dachte ich viel zu lange darüber nach. Mein Kopf suchte nach dem perfekten Bild des Zielortes, nach der genauen Position. Doch jedes Mal, wenn ich zu lange brauchte, winkte Elaugh'ree nur ab. „Zu viel Denken“, sagte er und tippte sich gegen die Stirn. „Der Nimbus wartet nicht.“ Dann klopfte er sich kurz gegen die Brust. „Hier. Da passiert es.“ Also versuchte ich irgendwann, weniger zu überlegen. Der Nimbus war mir inzwischen vertraut genug, dass ich nicht mehr jeden Schritt analysieren musste. Wenn Elaugh'ree ein Ziel nannte, sprang ich einfach. Manchmal landete ich nicht genau dort, wo ich wollte. Einmal sogar ein gutes Stück neben der Stelle, die er gemeint hatte. Doch Elaugh'ree lachte nur leise. „Siehst du? Trotzdem angekommen.“ Sein Unterricht fühlte sich weniger wie eine strenge Lektion an und mehr wie ein Spiel mit dem Nimbus. Sprünge aus dem Stand, Portale ohne Vorbereitung, Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Einmal ließ er sogar einen Apfel fallen und sagte nur: „Fang ihn.“ Ohne nachzudenken öffnete ich ein kleines Portal unter dem fallenden Apfel, bevor er den Boden berührte. Der Apfel verschwand und tauchte auf der anderen Seite des Platzes wieder auf, wo er über das Pflaster rollte. Elaugh'ree sah ihm nach und nickte zufrieden. „Instinkt“, sagte er, als wäre das die wichtigste Lektion des Tages. Nach einigen Tagen – oder vielleicht waren es auch mehr, bei Elaugh'ree verlor man leicht das Gefühl für Zeit – stand ich wieder auf dem kleinen Platz, auf dem wir meistens übten. Elaugh'ree starrte gerade gedankenverloren zwischen die Dächer der Häuser, als würde er versuchen, sich an etwas zu erinnern, das ihm gerade entfallen war. „Gut“, sagte er plötzlich. Ich war mir nicht sicher, worauf sich das bezog, doch er griff bereits in seine Tasche und zog eine Rune hervor, die er mir in die Hand drückte. „Meine.“ Ich betrachtete sie kurz und steckte sie zu den anderen. Sieben Runen inzwischen. Elaugh'ree runzelte die Stirn, als würde ihm gerade etwas einfallen. „Moment.“ Dann verschwand er kurz in einem der Häuser am Platz. Ich hörte von drinnen das Geräusch von Kisten, die verschoben wurden, und von etwas, das offenbar aus einer Truhe gezogen wurde. Nach einer Weile kam er wieder heraus und hielt ein Paar Stiefel in der Hand. „Hier“, sagte er und reichte sie mir. Ich sah die Stiefel an, dann ihn. „Für mich?“ Elaugh'ree sah die Stiefel ebenfalls an, dann mich, als würde er selbst erst überlegen müssen, warum er sie gerade geholt hatte. „Geschenk“, sagte er schließlich und zuckte leicht mit den Schultern. Offenbar war ihm in seiner Zerstreutheit eingefallen, dass man Schülern zum Abschluss manchmal etwas mitgab, und das war das Erste gewesen, was ihm in die Hände gefallen war. Ich nahm die Stiefel trotzdem dankbar entgegen. Sie waren schlicht, aber stabil gearbeitet und deutlich besser als das alte Paar, das ich bisher getragen hatte. „Danke“, sagte ich. Elaugh'ree nickte zufrieden, als hätte er gerade eine wichtige Pflicht erfüllt, und sah dann wieder irgendwo in die Luft, als wäre sein nächster Gedanke schon auf dem Weg. Ich verließ Elashinn kurz darauf wieder durch den Nimbus und blieb erst außerhalb der Stadt stehen. Die neue Rune lag zusammen mit den anderen in meiner Tasche, und die Stiefel fühlten sich überraschend bequem an. Vielleicht hatte Elaugh'ree gar nicht lange darüber nachgedacht, warum er sie mir gegeben hatte – aber ich beschloss, sie trotzdem zu behalten.
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