Online: 10

Ich werde Reisemagier! - Das Reisebüro & Anna Denton

Nonair

Das Reisebüro

Die Taverne bei der Britain Bank war laut, voll und genau das, was ich in diesem Moment brauchte. Ich saß schon eine ganze Weile dort, und irgendwann hatte ich aufgehört zu zählen, wie viele Becher es geworden waren. Die Stimmen um mich herum verschwammen zu einem gleichmäßigen Rauschen, irgendwo lachte jemand, Krüge klirrten und der Wirt rief Bestellungen durch den Raum. Vor mir stand ein weiterer Becher, den ich langsam drehte, während ich Flindos Worte im Kopf hin und her wälzte. „Du hast gesammelt.“ Ich schnaubte leise und nahm einen Schluck. Gesammelt. Als wäre ich irgendein Händler für Runen. Dabei hatte ich doch… Ich hielt kurz inne. Hatte ich eigentlich jemals darüber nachgedacht, was ich mit all dem anfangen wollte? Ich konnte springen. Ich konnte Portale öffnen. Ich hatte gelernt, wie man sich verhielt, wie man auftrat, wie man nicht in einem Brunnen landete und wie man Menschen nicht versehentlich irgendwo im Nirgendwo ausspuckte. Aber wofür eigentlich? Ich starrte in meinen Becher, als würde sich darin plötzlich eine Antwort zeigen. Und dann kam sie tatsächlich – oder zumindest fühlte es sich so an. „Ich eröffne einfach selbst eins“, murmelte ich vor mich hin. Der Gedanke blieb hängen. Ich setzte mich ein Stück aufrechter hin. Ein Reisebüro. Mitten in Britain. Nicht von Magier zu Magier laufen, nicht warten, bis jemand mich weiter schickte. Sondern einfach selbst anfangen. Menschen reisen lassen. Verbindungen schaffen. Genau das, was Flindo gemeint hatte. Ich grinste leicht in meinen Becher. „Dann… sammle ich nicht mehr“, murmelte ich. „Dann… bin ich Teil davon.“ Es klang in meinem Kopf überraschend logisch. Vielleicht lag es am Alkohol.

Einige Zeit später stand ich in meinem eigenen Laden. Der Übergang von der Idee zur Realität fühlte sich rückblickend fast verschwommen an, als hätte ich die wichtigsten Schritte einfach übersprungen. Aber da war er nun. Ein kleiner Raum in Britain, nicht weit von den belebteren Straßen entfernt, groß genug für ein paar Regale, einen Tisch und genug Platz, um ein Portal zu öffnen, ohne jemanden gegen die Wand zu schleudern. Die Wände waren noch nicht vollständig dekoriert, aber ich hatte bereits damit begonnen, Stoffbahnen aufzuhängen. Ein Tisch stand in einer Ecke, an dem ich später mit Kunden sprechen konnte, und an der Seite hatte ich Platz für Bücher vorgesehen. Ich ging langsam durch den Raum und ließ den Blick über alles schweifen. Es war nicht groß. Nicht besonders beeindruckend. Aber es war meins. Zum ersten Mal hatte ich nicht das Gefühl, irgendwo nur zu lernen oder durchzureisen. Ich war angekommen. Dann fiel mir auf, was fehlte. Ich blieb mitten im Raum stehen und sah zu den leeren Regalen. Ein Reisebüro ohne Reiseziele war… nicht besonders hilfreich. Ich hatte meine eigenen Runen, ja. Aber das reichte nicht. Kunden wollten Auswahl, Orte und Möglichkeiten. Und dafür brauchte ich Runenbücher; viele Runenbücher. Ich seufzte leise, griff nach meinem Mantel und machte mich wieder auf den Weg in die Stadt.

Es dauerte nicht lange, bis ich die richtige Person fand. Anna Denton war in Britain bekannt dafür, allerlei Dinge zu verkaufen, auch Bücher – und nicht nur irgendwelche, sondern genau die, die ich brauchte. Ihr Laden war vollgestopft mit Regalen, Schriftrollen und Büchern in allen Größen, und schon beim Eintreten roch es nach Papier, Tinte und ein wenig Staub. Ich erklärte ihr, was ich suchte, und sie sah mich einen Moment lang prüfend an, bevor sie zu lächeln begann...

Als ich schließlich wieder auf die Straße trat, war meine Tasche schwer von Büchern und leicht von fehlendem Gold. Doch die Sonne stand über Britain, die Straßen waren voll und ich konnte nicht anders, als zu grinsen. Mit jedem Schritt, den ich zurück zu meinem kleinen Laden machte, fühlte sich die Idee ein Stück realer an. Ich würde meine eigenen Wege schaffen. Und dieses Mal… würde ich etwas zurückgeben.

Beiträge in diesem Thread