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Nacht für Nacht

Bargomar Starkarm

Die Nacht war kühl und mondlos, genau wie Bargomar es sich gewünscht hatte.
Nur das matte, bläuliche Schimmern der untoten Augenpaare spendete dem Baugelände ein gespenstisches, aber ausreichendes Licht.
Kein Hammerklopfen, kein Knarren von Gerüsten, kein Fluchen von Arbeitern – nur das leise, rhythmische Schaben von Stein auf Stein und das gelegentliche, trockene Knacken von Gelenken, die schon seit Jahrhunderten kein warmes Blut mehr gesehen hatten.
Bargomar wischte sich den Bierschaum aus dem Bart und stellte den leeren Krug vorsichtig auf einen Findling, der einmal Teil einer alten Stadtmauer gewesen war.
Er mochte das Geräusch nicht, wenn Ton auf Stein klirrte – zu lebendig, zu menschlich für diesen Ort und diese Stunde.
„Noch zwei Türme bis zum ersten Vollmond“, murmelte er halblaut, mehr zu sich selbst als zu den schattenhaften Gestalten um ihn herum. „Zwei Türme, eine Ringmauer und das Torhaus. Danach könnt ihr euch wieder schlafen legen… oder was auch immer ihr Untoten stattdessen tut.“
Einer der Nekromanten – eine zierliche Frau namens Rubie, deren Augen tiefer in den Höhlen lagen als bei den meisten ihrer Art – trat näher. Ihre Stimme klang wie trockenes Laub, das über Grabplatten weht.
„Herr Bargomar… die Knochen der alten Wachen unter dem Hügel sind unruhig. Sie spüren die neue Macht, die sich hier erhebt. Wenn wir zu schnell bauen, könnten sie… aufwachen. Und nicht alle würden uns als Bauheherren anerkennen.“
Bargomar schnaubte, dass seine Bartspitzen zitterten.
„Dann sorg dafür, dass sie’s tun, Rubie. Bind sie ein, verfluch sie, sing ihnen Wiegenlieder vor – mir egal. Aber ich will bis zum Morgengrauen sehen, wie der Westturm mindestens bis zum dritten Stock steht. Keine Ausreden. Keine verlorenen Seelen. Keine…“ – er suchte nach dem richtigen Wort – „…Improvisationen.“
Rubie neigte den Kopf, die Bewegung so langsam und bedächtig, als würde ihr Hals jeden Moment brechen.
„Wie Ihr befehlt, Herr der Bauzwerge.“
Bargomar drehte sich wieder zum Baugelände um. Die Skelette bewegten sich in perfekter Stille, wie Marionetten an unsichtbaren Fäden. Einige trugen behauene Quader, die schwerer waren als ein ausgewachsenes Schwein, andere schichteten Mörtel auf, den die Nekromanten mit pulverisierten Knochen und altem Blut angerührt hatten.
Es roch nach Erde, nach Eisen und nach etwas, das man nicht benennen wollte.
Er spürte ein leichtes Ziehen in der Brust – nicht Angst, nein. Eher… Vorfreude. Minnersbach lag ahnungslos da drüben, hinter den Bäumen und der Stadtmauer. In den Tavernenfenstern glühte noch warmes Bernsteinlicht, Gelächter drang herüber, jemand sang schief ein altes Trinklied über die sieben Töchter des Biergottes. Sie ahnten nichts.
Noch nicht.
Bargomar griff nach dem zweiten Krug, den er vorsorglich mitgebracht hatte. Der Deckel klappte auf, ein schönes, tiefes Plopp. Er nahm einen langen Zug, ließ das herbe, dunkle Zwergenbier die Kehle hinunterrollen wie flüssiges Erz.
„Auf die stillen Nächte“, flüsterte er in die Dunkelheit hinein. „Und auf die lauten, die noch kommen.“
Irgendwo hinter ihm knackte ein untoter Nacken, als wollte er zustimmend nicken.
Der Zwerg lächelte dünn.
Es würde eine prächtige Burg werden.
Trutz und Schutz für die Lordschaften.
Und vielleicht ein bisschen mehr als das.

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