𝔇ie Tage, die auf die Versammlung im Ratssaal folgten, lagen über Elashinn wie eine drückende Decke aus Staub und Spinnweben. Die Stadt ging ihrem Alltag nach, doch jeder Schritt klang ein wenig härter auf dem Pflaster, jede Stimme sprach ein wenig gedämpfter, und jeder Schatten schien länger zu verweilen, als er es hätte tun sollen. Für die Häuser Noquar, Zauviir und Ky'Alur bedeutete das Schweigen keinen Frieden – sondern eine Form von Krieg, der mit Pergament und Feder geführt wurde. Jhea’kryna Ky’Alur saß in den inneren Gemächern ihres Qu’ellars, das Licht der Kerze warf flackernde Muster auf die schwarze Tischplatte. Vor ihr lagen mehrere aufgerollte Schriftstücke, jedes Siegel gebrochen, jedes Pergament ein Stich in die Geduld. Sie hatte sie mehrfach gelesen – nicht, weil sie den Inhalt nicht begriffen hätte, sondern weil sie jedes Wort auf der Zunge schmecken wollte. Die Botschaften des Hauses Zauviir waren Honig voller Gift, geschickt genug, dass ein Ungeübter sie als Höflichkeit hätte abtun können. Doch für Jhea'kryna war jeder höfische Schwung der Feder eine gezielte Kränkung. „Euer Eifer im Tempelbau ist bemerkenswert,“ hatte eine der Botschaften begonnen, „doch seid ihr nicht zu jung, um in solchen Dingen Führungsanspruch zu erheben? Lasst das Alter sprechen, nicht die Ungeduld.“ Ein anderer Brief sprach von „bedauerlichen Missverständnissen“, die zwischen den Häusern entstanden seien, und versicherte in der gleichen Zeile, dass man selbstverständlich „alle angemessenen Opferungen und Segnungen“ vor Baubeginn einbeziehen werde – Worte, die nichts anderes bedeuteten als: Wir werden euch übergehen, sobald sich die Gelegenheit bietet. Jhea'kryna hatte nicht geschwiegen. Ihre Antworten waren von derselben Kälte, aber anders geschliffen. Wo Zauviir giftige Seide spann, ließ Ky’Alur Klingen zwischen den Zeilen blitzen. „Die Jugend ist das Werkzeug der Göttin,“ hatte sie in einer Antwort geschrieben, „und die Schwäche des Alters ist es, wenn man sich daran klammert, die Fäden der Vergangenheit nicht loslassen zu wollen.“ Ein anderes Schreiben endete mit den Worten: „Wenn der Tempel fallen sollte, so wird niemand nach eurem Alter fragen, sondern nach eurer Schuld.“ So ging es seit Tagen. Pergament gegen Pergament, Siegel gegen Siegel. Die Höflichkeit war nur noch ein dünnes Tuch über der nackten Feindschaft. Im Qu’ellar Ky’Alur herrschte unterdessen gespannte Ruhe. Die Krieger schärften ihre Waffen öfter, als es nötig war, die Novizinnen im Tempel rezitierten ihre Gebete lauter, als ob die Wände selbst sie hören sollten. Kyrii’linth, die Yathallar des Hauses, bewegte sich durch die Hallen wie ein Messer durch Fleisch – jeder Blick von ihr ein stiller Vorwurf, jede Geste ein Hinweis darauf, dass sie den Krieg kommen sah. Jhea ließ es zu. Spannung konnte nützlich sein. Angst konnte zu Stahl gehämmert werden. Reyviira, ihre Tochter, war in diesen Tagen unruhig gewesen. Sie war jung, voller Glanz und Feuer, und in ihr spiegelte sich das, was Jhea einst selbst gewesen war, bevor die Jahre sie geschärft hatten. „Malla Ilharess,“ hatte sie gesagt, „Zauviir spielt mit uns. Wieso lasst ihr es zu? Lasst mich handeln.“ Doch Jhea hatte nur den Kopf geschüttelt, und ihre Augen waren kalt geblieben. „Geduld ist auch eine Waffe. Wer zuerst schlägt, schlägt nicht immer am klügsten. Lerne das.“ Die Worte waren hart gewesen, und sie wusste, dass Reyviira darunter gelitten hatte. Doch es war nötig. Denn Zauviir wartete nur auf einen Fehler, und Fehler machten die Jungen schneller als die Alten. So floss die Zeit in diesen Tagen wie dickflüssiges Harz, zäh, schwer, und voller verborgener Funken. Jhea spürte, dass etwas kommen musste. Aber wann, und in welcher Form – das ließ die Dunkelheit offen. ⊱⋅ ───────── ༻ 𝔎𝔶'𝔄𝔩𝔲𝔯 ༺ ───────── ⋅⊰ 𝔇er Abend, an dem es begann, war stiller als die vorangegangenen. Das Licht der Pilze, die in den Gewölben wuchsen, glomm gedämpft, und der Rhythmus der Stadt schien wie gebremst. Jhea saß allein in einem ihrer inneren Gemächer, vor ihr ein Kelch aus schwarzem Kristall, gefüllt mit tiefrotem Jhinrae, einem Wein, der wie geronnenes Blut schimmerte. Auf dem Tisch lag ein einziges Pergament, ungeöffnet. Das Siegel zeigte das Spinnensymbol Zauviirs, ein dunkler Abdruck auf hellem Wachs. Sie hatte es absichtlich nicht gebrochen. Nicht heute. Nicht jetzt. Sie wollte den Geschmack des Abends nicht verderben mit noch mehr vergifteter Höflichkeit. Ihre Gedanken schweiften zurück zu den letzten Wochen – die Ratsversammlung, die Blicke, die scharfen Worte. Sie hatte gewonnen, oder zumindest nicht verloren. Doch sie spürte, wie Zauviir arbeitete, wie das Netz enger gezogen wurde. Das Spiel war alt, und sie kannte jede Masche. Sie hob den Kelch, drehte ihn leicht, sodass das Licht der Laternen sich in den Reflexen des Weines fing. Gerade, als sie den ersten Schluck nahm, war es da. Ein Laut. Nicht laut genug, um sofort Gewissheit zu bringen. Aber scharf genug, dass ihr Kopf sich erhob. Es war kein Geräusch der Stadt, kein klirrendes Metall, kein Marktgeschrei. Es war… etwas anderes. Jhea stellte den Kelch ab, ohne hinzusehen, und das Kristall klirrte gegen den Stein. Sie stand auf, der Stoff ihres Gewandes raschelte, und sie ging zum Fenster. Ihr Herz schlug schneller, aber nicht wie in Angst – es war der Schlag einer Trommel, der Krieg ankündigte. Der dritte Schrei war unmissverständlich. Er schnitt durch die Luft, getragen von den steinernen Wänden der Stadt, als ob Elashinn selbst ihn weitertrug. Hoch, klar, voller Schmerz. Reyviira. Jhea spürte, wie ihre Finger sich in den Fenstersims gruben, bis die Nägel gegen den Stein kratzten. Für einen Herzschlag lang war da nur Stille in ihr. Dann Zorn. Die Halle des Qu’ellars füllte sich mit Bewegung, Rüstungen klirrten, Klingen wurden gezogen. Doch Jhea hörte nur weiter die Schreie, die von draußen durch die Dunkelheit hallten. Jeder von ihnen war ein Dolch in ihrer Brust, und jeder Dolch formte ihren Entschluss. Sie verließ das Haus, um selbst zu sehen, was geschehen war. ⊱⋅ ───────── ༻ 𝔎𝔶'𝔄𝔩𝔲𝔯 ༺ ───────── ⋅⊰ 𝔇ie Tore des Qu’ellars schwangen auf, und mit ihnen trat Jhea’kryna hinaus in die Gassen von Elashinn. Hinter ihr bewegte sich die Eskorte – zwölf Krieger, gerüstet in mattem Schwarz, ihre Schritte im Gleichschritt wie ein Echo ihres Zorns. Die Laternen warfen Netze aus Licht über den Boden, doch die Schatten dazwischen wirkten tiefer als sonst, dichter, fast lebendig. Die Schreie waren verstummt. Doch die Stille war schlimmer. Es war jene Stille, die jeder in Elashinn kannte – die eines Raubtieres, nachdem es zugeschlagen hatte, die Stille, in der Blut tropfte. Jhea’kryna ging nicht hastig. Jeder Schritt war gemessen, jeder Schwung ihres Gewandes berechnet. Doch in ihr brannte ein Feuer, das kaum zurückzuhalten war. Ihre Finger ruhten auf dem Griff ihrer Schlangenpeitsche, nicht um sie zu ziehen, sondern um sich selbst zu vergewissern, dass sie die Macht noch in der Hand hielt. Der Weg führte durch die Hauptstraße hin zu einer der Seitengassen, schmal, steil, wie ein Schlund in den Fels geschnitten. Dort, wo der Klang hergekommen war. Dort, wo Elashinn heute Nacht ein Gesicht sehen sollte, das es nicht vergessen würde. Sie fand sie. 𝔇as Rad stand in der Mitte der Gasse, schief an eine der Mauern gelehnt, als hätte jemand es absichtlich so platziert, dass jeder, der den Weg entlangging, es sehen musste. Auf den Speichen hing Reyviira – ihr Körper verdreht, die Haut von Fesseln und Stacheln gezeichnet, das weiße Haar wie verschüttetes Licht über Schulter und Brust gefallen. Ihre Augen waren geschlossen, doch der Ausdruck ihres Gesichts war nicht der des Friedens. Es war ein eingefrorener Schrei, der die Züge verzerrte, eine letzte Spur dessen, was die Mauern getragen hatten. Um das Rad herum standen Schaulustige. Drow aus den unteren Häusern, Händler, Diener, Soldaten – sie hatten Abstand genommen, wagten aber nicht fortzugehen. Niemand sprach. Niemand rührte sich. Jeder wusste, dass dies kein Mord war. Es war ein Urteil. Ein Schauspiel. Eine Botschaft. Und die Empfängerin war Jhea’kryna. 𝔖ie trat näher, die Menge wich wie Wasser zur Seite. Kein Wort fiel, kein Atem wagte, laut zu sein. Sie stand vor dem Rad, sah den Körper ihrer Tochter, und in ihr spannte sich ein Netz aus Schmerz und Zorn, das jeden Verstand durchdrang. Reyviira war tot. Das war unausweichlich, sichtbar, endgültig. Doch was Jhea’kryna sah, war nicht nur der Tod. Es war die Handschrift einer Feindin, die den Mut gehabt hatte, ihre Botschaft mitten in die Stadt zu schreiben, mit Fleisch und Blut als Pergament. „Zauviir,“ flüsterte sie, und obwohl es nur ein Atem war, klang es wie ein Fluch, der die ganze Gasse erfüllte. Sie wandte sich nicht an die Umstehenden, sie brauchte keine Zuschauer. Ihr Blick war nach innen gerichtet, auf die Göttin, auf das Netz, das sie spann. Und sie wusste, dass dieser Abend der letzte gewesen war, an dem Haus Zauviir geglaubt hatte, sie könnten mit Gift und Intrige allein herrschen. Von nun an würde es Blut sein – Blut, das durch die Gassen floss, bis kein Spinnennetz mehr stark genug war, es zu halten. Jhea'kryna ließ den Speer los, trat zurück, und wandte sich an ihre Eskorte. Ihre Stimme war glatt, beinahe ruhig, doch in ihrer Ruhe lag das Beben eines Krieges:
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