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Ich werde Reisemagier! - Flindo

Nonair

Flindo

Britain kannte ich inzwischen gut genug, um mich nicht mehr wie ein Fremder zu fühlen. Die Wege vor der Stadt, das große Theater, die Straßen bis hin zur Bank – all das war mir vertraut geworden. Und doch fühlte sich dieser Tag anders an. Vielleicht lag es daran, dass ich wusste, wen ich treffen würde: Flindo. Selbst unter den Reisemagiern wurde sein Name mit einem gewissen Respekt ausgesprochen. Manche nannten ihn eine Legende. Andere einfach den besten unter ihnen. Ich war mir nicht sicher, was ich erwarten sollte, aber ich achtete darauf, meine neue Robe ordentlich zu tragen, die Kapuze zurückzuschlagen und meine Haltung so gerade zu halten, wie Amed es mir beigebracht hatte. Stand natürlich nicht vor dem Theater, sondern in der Stadt selbst, unweit des Marktes, im Herzen von Britain. Er stand dort, als wäre es der selbstverständlichste Ort der Welt, und sprach gerade mit einer kleinen Gruppe Reisender. Seine Portale wirkten ruhig, fast unscheinbar, und gerade deshalb perfekt. Kein Flackern – sie waren einfach da. Als die letzten Kunden verschwunden waren, wandte er sich mir zu, noch bevor ich etwas sagen konnte. „Du bist nicht hier, um zu reisen“, stellte er fest. Seine Stimme war ruhig und freundlich. Ich schüttelte den Kopf: „Nein. Ich bin hier, um zu lernen.“ Ich stellte mich vor und zog meine erworbenen Runen hervor. Nikki, Tivona, Irwin, Farendor, Thane, Amed und Elaugh'ree.

Flindo nahm sich Zeit und betrachtete jede Rune einzeln, drehte sie leicht zwischen den Fingern, als würde er nicht nur die Gravur, sondern auch das spüren, was in ihr lag. Bei manchen nickte er kaum merklich. Bei anderen lächelte er kurz. Als er fertig war, gab er mir die Runen zurück und sah mich eine Weile schweigend an. Ein Teil von mir erwartete ein Lob. Vielleicht sogar so etwas wie Anerkennung. Schließlich hatte ich eine lange Reise hinter mir. „Du bist viel herumgekommen“, sagte Flindo schließlich. Ich nickte und bestätigte: „Ich habe von vielen gelernt.“ Er erwiderte das Nicken, doch sein Blick blieb prüfend. „Das sehe ich.“ Einen Moment lang dachte ich, das wäre der Anfang von etwas Gutem. Dann hob er leicht die Augenbraue. „Und was hast du ihnen gegeben?“ Ich blinzelte: „Gegeben?“ Flindo hob eine meiner Runen leicht an, dann ließ er sie wieder sinken. „Du hast gesammelt“, sagte er ruhig. „Rune für Rune. Lehrer für Lehrer.“ Seine Stimme blieb freundlich, aber in seinen Worten lag etwas, das mich unruhig machte. „Aber ich sehe keine von dir.“ Ich sah auf die Runen in meiner Hand, als würde ich plötzlich etwas entdecken, das die ganze Zeit gefehlt hatte. „Ein Reisemagier ist kein Sammler“, fuhr Flindo fort. „Wir sind ein Netzwerk. Jeder von uns trägt etwas dazu bei. Wir verbinden Orte, Menschen… und einander.“ Er deutete leicht auf die Runen. „Diese hier sind von anderen Magiern, das was sie in unser Netzwerk gaben.“ Dann sah er mich direkt an. „Aber du hast noch keinen einzigen Knotenpunkt geschaffen.“ Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch mir fiel nichts ein. „Du kannst springen“, sagte Flindo. „Du kannst Portale öffnen. Du hast gelernt, dich zu verhalten, dich zu präsentieren, dich anzupassen.“ Er machte eine kurze Pause. „Aber du hast noch nicht angefangen, selbst Teil dessen zu werden, was wir sind.“ Das traf mehr, als ich erwartet hatte. All die Reisen. All die Lehrer. Und trotzdem… hatte ich etwas Offensichtliches übersehen. Flindo verschränkte die Hände hinter dem Rücken und sah kurz zur Stadt hinüber. „Wenn du Reisemagier werden willst, musst du mehr tun, als nur zu lernen“, sagte er ruhig. „Du musst auch geben. Erschaffe deine eigenen Runen. Baue Verbindungen auf. Werde jemand, zu dem andere reisen können.“ Ich nickte langsam, auch wenn sich das eher wie ein Reflex anfühlte als wie echtes Verständnis. Flindo lächelte leicht, fast aufmunternd. „Du bist nicht weit entfernt“, sagte er. „Aber du bist auch noch nicht da.“ Das war kein hartes Urteil, aber gerade deshalb fühlte es sich irgendwie schwerer an. Ich bedankte und verabschiedete mich. Flindo nickte nur kurz und wandte sich bereits dem nächsten Reisenden zu.

Ich ging langsam durch die Straßen von Britain, ohne wirklich auf meine Umgebung zu achten. Die Menschen, die Geräusche, die Stimmen – alles wirkte plötzlich gedämpft. Die Runen in meiner Tasche fühlten sich nun schwerer an als zuvor. Mir war klar geworden, was fehlte. Am Ende landete ich in der Taverne nahe der Bank. Ich kannte den Ort inzwischen gut genug, um nicht lange zu überlegen. Es war laut, warm und voll – genau das Richtige, um nicht nachdenken zu müssen. Ich setzte mich an einen Tisch, bestellte etwas zu trinken und leerte den Becher schneller, als ich es eigentlich vorhatte. Der zweite folgte kurz darauf. Dann ein dritter. Irgendwo zwischen dem Lärm der Gäste und dem Klirren der Krüge versuchte ich, Flindos Worte aus meinem Kopf zu bekommen. „Du hast gesammelt.“ Vielleicht hatte er recht. Vielleicht war ich die ganze Zeit nur von Lehrer zu Lehrer gegangen, ohne wirklich zu verstehen, was es bedeutete, selbst einer zu werden. Ich sah in meinen Becher, als könnte ich dort eine Antwort finden. Dann bestellte ich noch einen.

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