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Im fernen Tokuno – Die Zeichen im Westen

Raigen Shinkai

Der innere Palast des Tenno lag in vollkommener Stille. Hohe Säulen aus dunklem, poliertem Holz trugen das Dach, ihre Oberflächen mit feinsten Schnitzereien versehen, die Szenen vergangener Herrschaft und ungebrochener Linien zeigten. Zwischen ihnen spannten sich seidene Banner, schwer und tief gefärbt, die bei jedem kaum wahrnehmbaren Luftzug leise raschelten. Der Boden bestand aus glatten Steinplatten, so exakt verfugt, dass keine Fuge den Blick störte. Weiter oben, hinter durchbrochenen Wänden aus filigran gearbeitetem Gitterwerk, fiel gedämpftes Licht ein, das den Raum in ein ruhiges, goldenes Halbdunkel tauchte. Nichts war hier zufällig. Jeder Schritt, jeder Atemzug hatte seinen Platz.

Am Ende der Halle erhob sich die Empore des Tennos. Gerade genug, um Distanz zu schaffen, ohne sich vom Raum zu lösen. Dort saß er, unbewegt, doch von einer Präsenz, die den gesamten Saal erfüllte. Seine Gewänder waren von tiefer, reicher Farbe, durchzogen von Mustern, die bei näherem Hinsehen Szenen und Symbole offenbarten, fein eingewebt, fast lebendig wirkend. Goldene Fäden zeichneten Linien, die sich bei jeder kleinsten Bewegung verlagerten, als würden sie dem Blick ausweichen. Seine Augen waren ruhig, wachsam, ohne Hast, und doch lag darin eine Schärfe, die keinen Zweifel daran ließ, dass nichts in diesem Raum unbemerkt blieb. Schmuck war vorhanden, doch sparsam gesetzt, nicht zur Zierde, sondern als Zeichen. Ein Ring, ein Anhänger, ein einzelnes Stück, dessen Bedeutung nicht erklärt werden musste.

Die Wachen standen entlang der Säulen, reglos wie Teil der Architektur selbst, ihre Rüstungen dunkel, ihre Waffen gesenkt, doch jederzeit bereit. Diener hielten Abstand, bewegten sich nur, wenn es erforderlich war, und selbst dann lautlos, als fürchteten sie, die Ordnung des Raumes zu stören. Der Palast war kein Ort der Eile. Wer hier eintrat, tat dies mit Bedacht.

Am Eingang der Halle öffneten sich die Türen.

Der Hohepriester trat ein, langsam, in gemessenem Schritt. Sein Gewand war hell, durchzogen von feinen Symbolen, die sich erst bei genauerer Betrachtung erschlossen. Er hielt den Blick aus Achtung gegenüber dem Ort und dem, der ihn beherrschte, gesenkt. Jeder seiner Schritte war bewusst gesetzt, weder zu schnell noch zögernd, als folge er einem inneren Rhythmus, den nur die Eingeweihten kannten. Als er die Mitte der Halle erreichte, hielt er inne und verneigte sich tief, die Hände vor sich gefaltet, die Stirn gesenkt.

Für einen Moment blieb er so stehen.

Dann richtete er sich auf, gerade genug, um sprechen zu können, ohne den Blick zu heben.

Er war nicht allein gekommen. Hinter ihm, in respektvollem Abstand, standen zwei jüngere Priester, Träger von Schriftrollen und Berichtenegel noch ungebrochen waren. Einer von ihnen hielt eine schmale Tafel aus poliertem Stein, auf der feine Linien eingezeichnet waren – Strömungen, Muster, etwas, das mehr war als eine Karte. Der andere trug ein Bündel aus dünnem Pergament, dicht beschrieben, hastig ergänzt, als hätten die Worte kaum Zeit gehabt, festgehalten zu werden.

Die Luft im Saal schien sich zu verdichten.

Es waren Berichte eingetroffen. Späher hatten gesprochen.
Und weit im Westen war etwas gesehen worden, das nicht in die Ordnung passte, die Tokuno kannte.
Der Hohepriester atmete einmal ruhig ein, sammelte sich, und begann seinen Bericht zu formulieren.

Er sprach von Störungen, die sich nicht länger als vereinzelte Abweichungen erklären ließen. Die Seishin Kesshō reagierten unruhig, die Rückkehr der Seelen verzögerte sich, und in den Hallen der Rituale seien Echos vernommen worden, die keiner bekannten Linie zugeordnet werden konnten. Die Zeichen hätten sich über Wochen verdichtet, Berichte aus den äußeren Provinzen hätten das Bild bestätigt. Etwas griff in den Fluss ein, ohne selbst Teil davon zu sein.

Er berichtete weiter, dass Späher aus den westlichen Gewässern zurückgekehrt seien, mit übereinstimmenden Beobachtungen. Weit jenseits der üblichen Routen sei eine Anomalie gesichtet worden, etwas, das sich der Einordnung entzog. Karten hätten dort keinen Ort verzeichnet, und doch hätten mehrere Augen denselben Punkt beschrieben. Der Priester ließ keinen Zweifel daran, dass zwischen dieser Erscheinung und den Störungen im Seelengefüge ein Zusammenhang bestand.

Als der Bericht endete, kehrte Stille in die Halle zurück. Der Tenno hatte sich nicht bewegt, doch seine Aufmerksamkeit hatte kein Wort verloren. Die Entscheidung fiel ohne sichtbare Regung.

Tokuno würde nicht abwarten.

Kundschafter sollten entsandt werden, leise und unauffällig, um die westlichen Gewässer zu prüfen und die Anomalie aus der Nähe zu beobachten. Spione würden folgen, um fremde Mächte zu identifizieren, die sich bereits dort bewegten. Und wo Worte mehr erreichen konnten als Klingen, sollten Gesandte sprechen, prüfen, binden oder trennen, je nachdem, was erforderlich war.

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