Online: 14

Unter wachsenden Masten [Weltquest - Prolog]

Apolline Vaelmont

Apolline Vaelmont ließ das Gold ein zweites Mal zählen, nicht aus Misstrauen gegenüber ihren Buchhaltern, sondern weil sie das Gewicht verstehen wollte. Münzen erzählten viel, wenn man wusste, wie man sie las. Der Vorschuss war erheblich, größer als die meisten Aufträge, die ihre Werft in den letzten Jahren gesehen hatte. Bestellt wurden zwei Karavellen, hochseetauglich, mit genügend Stauraum für Vorräte und Ersatzteile, mit einem Rumpf, der offenes Wasser aushielt und nicht beim ersten Sturm ächzend zerbrach.

Dies war ein Vorhaben für einen fernen Ozean. Für Gewässer ohne Namen. Um dorthin zu segeln, wo noch kein Mensch aus Schattenwelt den Fuß gesetzt hatte –
neue Küsten zu erblicken, unbekannte Zivilisationen zu entdecken, und den Schritt zu wagen, den noch niemand gewagt hatte.

Die Werft von Neu Arium war an Betriebsamkeit gewöhnt, doch schon nach wenigen Wochen wurde deutlich, dass dieser Bau ihre bisherigen Maßstäbe sprengen würde. Zusätzliche Hellingen wurden verstärkt, Lagerflächen erweitert, und alte, halb verfallene Schuppen abgerissen, um Platz für neues Material zu schaffen. Eichenstämme wurden aus nahen Wäldern herangeschafft, dick, dicht gewachsen, geeignet für Kiel und Spanten. Die Schmiede arbeiteten bereits länger als üblich, um Nägel und Beschläge in der benötigten Menge zu fertigen, während Reeper ihre Bahnen verlängerten und Hanf in immer größeren Ballen herbeigeschafft wurde.

Trotzdem reichte es nicht. Mit jedem gesetzten Balken, mit jeder Planke, die an den wachsenden Rumpf geschlagen wurde, wuchs der Bedarf schneller als die Vorräte. Pech und Teer verschwanden in Fässern, als wären sie Wasser, Segeltuch wurde in Bahnen geschnitten, die länger waren als alles, was die Werft bisher verwendet hatte. Die Kalfaater meldeten Engpässe, die Tuchmacher verlangten nach mehr Garn, die Holzlieferanten erhöhten ihre Preise, sobald sie begriffen, dass hier keine gewöhnlichen Schiffe entstanden.

Apolline stand oft zwischen den beiden Rümpfen, die sich allmählich aus den Gerüsten erhoben, und ließ den Blick über die Arbeit schweifen. Der Klang der Hämmer hatte sich verändert. Tiefer, zahlreicher, fordernder. Sie wusste, dass sie die besten Zimmerleute der Region verpflichtet hatte, Männer und Frauen mit Erfahrung auf hoher See, mit Narben von Stürmen, die sie überlebt hatten. Doch selbst die beste Mannschaft konnte kein Holz erschaffen, das nicht vorhanden war.

Am Abend zog sie sich in ihr Kontor zurück und beugte sich über Listen und Berechnungen. Das Gold würde für den Moment reichen, doch nur, wenn die Ressourcen gesichert wurden. Diskretion war Teil des Auftrags gewesen, aber Diskretion baute keine Schiffe. Größe brauchte Zulauf. Zulauf brauchte Sichtbarkeit.

Am nächsten Morgen ließ sie Aushänge anfertigen. Sauber formuliert, sachlich, ohne Hinweise auf Ziel oder Auftraggeber, nur mit klarer Benennung des Bedarfs. Die Werft von Neu Arium suche erfahrene Schiffszimmerleute für den Bau zweier hochseetauglicher Karavellen. Gesucht würden Kalfaater, Reeper, Segelmacher, Schmiede. Große Mengen an Eichenholz, Eisen, Hanf, Pech und schwerem Segeltuch würden angekauft. Faire Bezahlung, Vorschuss möglich, Verträge direkt im Kontor der Werftleiterin.

Binnen weniger Tage veränderte sich das Bild der Werft. Fremde Gesichter erschienen am Tor, Handwerker mit Werkzeugrollen und Arbeitsnachweisen, Händler mit Mustern unter dem Arm. Wagen mit Holz knarrten über den Hof, neue Fässer wurden abgeladen, Ballen gestapelt. Die Hämmer verstummten nun erst spät in der Nacht. Neu Arium sprach über das Projekt, spekulierte über seine Größe, über sein Ziel, über den Geldgeber, der es wagte, zwei Karavellen zugleich bauen zu lassen.

Apolline ließ die Gerüchte gewähren. Sie prüfte Hände, nicht Worte. Wer sich bewährte, blieb. Wer nicht mithalten konnte, ging. Zwischen den wachsenden Rümpfen nahm das Vorhaben Gestalt an, klarer mit jedem Tag. Die Linien der Spanten zeichneten sich gegen den Himmel ab, und erstmals war erkennbar, welche Größe diese Schiffe erreichen würden.

Es war kein gewöhnlicher Auftrag mehr. Es war ein Unternehmen, das die Werft veränderte. Und während Holz, Eisen und Segeltuch in immer größeren Mengen zusammengetragen wurden, wuchs mit ihnen etwas anderes: die Gewissheit, dass diese Schiffe nicht für nahe Küsten bestimmt waren.

Beiträge in diesem Thread