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Schiffe... wir brauchen Schiffe [Weltquest - Prolog]

Merovan von Nirgend

Merovan von Nirgend schloss das Buch erst, als das Licht im Dachgeschoss bereits schräg und müde geworden war. Die Seiten hatten keinen Staub getragen, keine Gebrauchsspuren, als hätten sie darauf gewartet, gelesen zu werden. Das Archipel lag fern im Osten, - leicht nördlich, - jenseits der üblichen Handelsrouten, jenseits der Karten, die in Britain offen verkauft wurden. Koordinaten, Strömungen und Hinweise auf eine See, die selten ruhig blieb.
Er stand langsam auf.

Sein alter Name - Rhajadan von Löwenstein gehörte nicht in diesen Plan. Rhajadan war bekannt. Rhajadan hatte Feinde. Rhajadan wurde beobachtet. Merovan hingegen war neu, ein Name ohne Geschichte. Und für das Vorzeigen eines Siegels, einer Urkunde von Rhajadan, würden sich für Merovan doch sicher einige Taschen und Türen öffnen.

Er trat ans Fenster. Unter ihm bewegte sich Britain im gewohnten Rhythmus. Händler schrien, Wagen rollten, irgendwo schlug ein Amboss im gleichmäßigen Takt. Alles schien unverändert, doch Merovan hörte in den Geräuschen eine Spannung. Just so als wartete etwas darauf in Bewegung gesetzt zu werden.

Der Osten... Das bedeutete offenes Meer. Ein unbekannter Ozean. Und Meer bedeutete Schiffe.

Kein einzelnes Schiff würde genügen. Eine Expedition dieser Größe brauchte Vorräte, Ersatz, Redundanzen. Zwei Schiffe mindestens, besser drei. Er musste schauen für was die Mittel reichen und wie viele Lügen in welches Ohr gesprochen werden musste. Britain kam nicht in Frage. Zu viele Augen. Zu viele Erinnerungen.

Neu Arium hingegen war neutraler Boden. Eine Stadt, die sich auf Handel verstand und Fragen nur stellte, wenn für die Antwort direkt bezahlt wurde. Die Werften dort waren diskret. Holz und Eisen wechselten Hände, ohne dass Namen laut ausgesprochen werden mussten.

Merovan setzte sich erneut und begann zu schreiben.

Angebote, formuliert wie Investitionen. Ein Konsortium, das eine östliche Handelsroute erschließen wolle. Exotische Güter, unbekannte Gewürze, seltene Metalle. Er wusste, welche Worte bei ehrgeizigen Kaufleuten zündeten. Risiko wurde akzeptabel, wenn Gewinn greifbar klang.

Er würde Strohmänner benötigen. Männer mit Bedarf an Geld und geringem Interesse an Herkunft. Händler zweiter Reihe, ehemalige Kapitäne ohne Schiff, Söldner mit Schulden. Jeder von ihnen würde nur einen Teil kennen. Niemand das Ganze.

Er legte die Feder zur Seite und rieb sich die Schläfen.

Die Reise war kein Fluchtversuch. Sie war eine Bewegung nach vorn. Das Buch hatte keine Drohung enthalten, keinen Ruf, nur eine Möglichkeit. Doch Möglichkeit war genug.

Er öffnete eine Schublade und zog einen Beutel hervor. Münzen klirrten leise gegeneinander. Ein Rest seines alten Lebens. Ein Rest von Löwenstein. Er ließ einige Stücke durch die Finger gleiten, betrachtete ihr geprägtes Wappen im schwindenden Licht.

Dieses Gold würde arbeiten.

In Neu Arium würden Männer Verträge unterschreiben, deren Tragweite sie nicht verstanden. In den Werften würden Planken gebogen, Kiele gelegt, Nägel getrieben. Arbeiter würden lachen, trinken, streiten, während sie unwissentlich ein Vorhaben formten, das über ihren Horizont hinausreichte.

Merovan trat wieder ans Fenster. Der Osten war weit...
Weit genug, dass alte Namen an Bedeutung verloren.
Er nahm das Buch und legte es in eine einfache Ledertasche. Morgen würden erste Briefe ihren Weg finden. In wenigen Wochen würde man in Neu Arium von einer neuen Expedition sprechen, finanziert von diskreten Geldgebern. In einigen Monaten würden Masten in den Himmel ragen.

Und irgendwann würde er selbst an Bord stehen.
Merovan von Nirgend lächelte kaum merklich.

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