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Re: Das Erste Phylakterium (Yewkrypta) - Der Fehler

Nonair

Der Fehler

Nachdem Yllaria und ihr Begleiter Emerald gegangen waren, kehrte eine ungewohnte Ruhe in mein Reisebüro ein. Der Raum wirkte plötzlich größer, leerer, als hätte er die fremde Magie noch nicht ganz abgeschüttelt, die durch das Buch geflossen war. Ich stand noch eine Weile im Besucherraum und ließ die Ereignisse Revue passieren. Die Muster, die ich im Nimbus gespürt hatte, waren anders gewesen als alles, was ich bisher kannte – älter, verschlungener, als würden sie nicht nur Orte verbinden, sondern etwas… bewahren. Und doch hatte ich einen Pfad daraus lesen könne; einen Weg, der vielleicht den Elfen helfen kann, weitere Phylakterien aufzuspüren. Ich hatte getan, was ich angeboten hatte. Zum ersten Mal fühlte es sich an, als hätte ich wirklich etwas beigetragen. Ich atmete langsam aus, fuhr mir durch die Haare und wollte mich gerade daran machen, den Raum wieder in Ordnung zu bringen, als ich das Geräusch hörte: Ein leises Schaben. Erst kaum mehr als ein Kratzen, irgendwo über mir. Ich hielt inne. Vielleicht hatte ich mir das nur eingebildet. Doch dann kam es wieder. Ein schleifendes Geräusch, gefolgt von etwas, das sich anhörte, als würde Stoff über den Boden gezogen werden. Langsam hob ich den Blick zur Decke. Ich lebte allein hier. Niemand sonst sollte oben sein. Einen Moment lang überlegte ich, es einfach zu ignorieren. Britain war laut, Häuser arbeiteten, Holz knarrte. Aber das hier… war anders. Ich ging langsam zur Treppe und setzte den ersten Fuß auf die Stufe. Das Geräusch wurde lauter, je näher ich kam. Ein feuchtes, zähes Schaben, das nicht zu Holz oder Stein passte. Oben angekommen blieb ich stehen und sah in den Raum.

Mein Magieteppich war nicht mehr das, was er gewesen war. Die feinen Muster, die ich einst sorgfältig eingewoben hatte, waren aufgerissen, als hätte jemand sie auseinandergezogen. Der Stoff selbst hatte sich an mehreren Stellen gelöst, war aufgedunsen, unförmig – und bewegte sich. Langsam krochen Teile davon über den Boden, als hätten sie ein eigenes Leben entwickelt. Es waren keine klaren Formen, eher schleimige, flache Gebilde, die sich über die Dielen schoben, sich teilten, wieder zusammenzogen. Fragmente eines Teppichs, die sich weigerten, einfach nur Stoff zu sein. Für einen Moment stand ich einfach nur da und starrte. Mein erster Gedanke war, dass ich etwas falsch gemacht hatte. Der zweite, dass ich sehr schnell von hier weg musste. Eines der Gebilde richtete plötzlich ein riesiges Auge auf mich und zog sich in meine Richtung. Das reichte. Ich wich zurück, drehte mich um und nahm die Treppe in zwei schnellen Schritten. Unten angekommen griff ich sofort nach einer meiner Runen. Ein kurzer, sauberer Sprung – raus hier, Abstand gewinnen, nachdenken. Ich konzentrierte mich, ließ den Nimbus greifen und sprang.

Kälte. Ein beißender Wind schlug mir entgegen, noch bevor ich richtig sehen konnte, wo ich gelandet war. Eis. Schnee. Die gleiche endlose, weiße Weite, die ich zuvor aus dem Buch gelesen hatte. Mein Magen zog sich zusammen. Nein. Nicht hier. Nicht schon wieder. Ich drehte mich sofort, suchte nach einem Punkt, zurück nach Britain, zurück in meinen Laden. Doch aus dem Augenwinkel sah ich Bewegung. Dunkle, kriechende Formen, die sich über den Schnee zogen. Flach, unförmig, schleimig. Wie… Teppiche. Ich zögerte keine Sekunde länger, riss eine andere Rune hervor und sprang erneut. Wieder die Eiswüste und wieder Bewegung. Mehr von diesen Dingern. Langsam, aber überall. Ein ungutes Gefühl breitete sich in mir aus. Meine Runen führten nicht mehr dorthin, wo sie sollten. Sie führten dorthin, wo dieser Pfad aus dem Buch hinzeigte. Ich biss die Zähne zusammen, zwang mich zur Ruhe und griff nach einer weiteren Rune. Diesmal konzentrierte ich mich stärker, ignorierte das, was ich sah, und zog den Nimbus dorthin, wo ich wirklich hinwollte.

Britain. Mit einem harten Ruck landete ich vor meinem Reisebüro, stolperte einen halben Schritt nach vorne und fing mich gerade noch. Die vertrauten Geräusche der Stadt schlugen mir entgegen, Stimmen, Schritte, das Leben. Ich stand da, schwer atmend, und starrte einen Moment lang einfach nur auf meine eigene Tür. Meine Hände zitterten leicht. Der Nimbus fühlte sich noch nach Eis an. Langsam hob ich den Blick. Das war kein kleiner Fehler gewesen. Das war etwas, das ich nicht alleine lösen würde. Ich fuhr mir mit einer Hand über das Gesicht, atmete tief durch und schüttelte leicht den Kopf. „…Ich brauch E’lessar.“

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