Online: 2

Der Durst nach Leben

Sziedeyna

Dieser Text wurde mittels KI aus dem Rollenspiel-Log erstellt.

Sziedeyna betätigte nur einmal kurz die Hausglocke.

Drinnen war Thorian gerade dabei, Werkzeuge und einige Holzteile in einer Kiste zu verstauen. Das Geräusch der Arbeit brach ab.

"Oh..."

Dann seine Stimme zur Tür hin:

"Hallo?"

"Ah, da bist du!"

Als er sie erkannte, legte sich sofort ein freudiger Ausdruck auf seine Züge.

"Ah! Schön dich zu sehen!"

Sziedeyna lächelte ihn an. Über ihrem rechten Arm lagen sein Umhang und sein Hut. Sie reichte ihm beides hin.

"Hier, hattest du bei mir liegen lassen."

"Ah ja, ich war wieder vergesslich." Thorian grinste sie an und nahm die Kleidungsstücke entgegen. "Danke fürs Hinterherschleppen."

Er betrachtete die Sachen kurz, beinahe mit schuldbewusster Zärtlichkeit für Stoff, der offenbar mehr bedeutete als nur Wetter- und Anstandsfrage.

"Irgendwann vergesse ich die Sachen noch ganz und bekomme Ärger vom Syndikat."

"Oh, ist das Syndikatskleidung?"

Sziedeyna betrachtete die Stücke genauer.

"Hm ja, es ist in das spezielle Schwarz gefärbt. Und sieh hier."

Er zeigte ihr nahe eines Saumes eine Insignie, ein schlichtes B.

Sziedeyna nickte leicht.

"Verstehe. Na, dann hast du ja noch einmal Glück gehabt!"

Sie zwinkerte ihm zu.

Thorian nickte sacht.

"Bei dir lagen sie immerhin sicher."

"Ziemlich."

Dann verschob sich etwas in ihrem Blick. Der kleine Scherz blieb nicht ganz zurück, aber er trat zur Seite, als hätte er nur die Tür geöffnet für das, was darunter wartete.

"Hattest du genug Zeit zum Nachdenken?"

Sie schaute ihm aufmerksam in die Augen.

"Hm, ja", sagte Thorian, und sein Gesicht wurde trotz der Antwort wieder nachdenklich. "Es ging ja um die damalige Sziedeyna und dich jetzt. Und wer schuld an dem Wechsel war."

Sziedeyna nickte leicht.

"Wollen wir uns denn nicht eben setzen? Und ich bringe Hut und Umhang eben rein."

"Gern!"

Sie schaute sich suchend um. Thorian deutete zur Veranda.

"Ich könnte die Feuerschale entzünden, wenn du magst?"

Sziedeyna setzte sich an den Marmortisch, die Feuerschale im Rücken. Thorian verstaute die Kleidungsstücke im Schrank, nahm Anmachholz und etwas zum Entzünden aus der Kiste.

"Gib mir einen Moment..."

Er mühte sich mit der Feuerschale, bis sie schließlich vor sich hin glomm und Wärme abgab. Nicht viel. Aber genug, um dem Gespräch einen Ort zu geben.

Sziedeyna nickte ihm zufrieden zu.

Dann schaute sie ihm wieder in die Augen. Eine gewisse Neugierde konnte sie nicht verbergen.

"Weißt du", begann Thorian, "ich glaube, mir fehlen da einige Infos. Wie kam es zu dem Kuss? War er freiwillig gegeben oder wurde er genommen? Vielleicht sogar, um vor dem Tod zu bewahren?"

Er blickte entschuldigend.

"Solltest du es erwähnt haben, ist es mir wohl entfallen."

Sziedeyna schien in ihren Gedanken zu kramen.

"Es war eigentlich Zufall."

Thorian blickte nun seinerseits sehr interessiert.

"Ich war unterwegs nahe..."

Sie stockte kurz.

"Auf dem Rückweg von Minoc. Da hatte ich einen Auftrag erledigt. Ich musste für die Nacht ein Lager aufschlagen, mitten in der Wildnis, da entdeckte ich einen Turm. Ich nahm mir vor, mir den Turm am nächsten Tag genauer anzusehen. Das tat ich dann auch und fand heraus, dass der Turm bewohnt war."

Sie legte eine kurze Pause ein.

"Du kannst dir denken, wer da wohnte."

Thorian klebte bei der Erzählung förmlich an ihren Lippen. Dann nickte er sacht.

"Ich stieg den Keller hinab, in dem seltsam viele dichte Decken und Vorhänge den Durchgang verhingen. Als ich mich da durchgekämpft hatte, erkundete ich das Gemäuer und irgendwann merkte ich, dass ich nicht allein im Raum war."

Ein schmaler Zug von Erinnerung ging durch sie.

"So lernte ich sie kennen."

Sie sagte den Namen nicht. Sie musste ihn nicht sagen.

"Und sie erklärte mir, dass es da eine Regel gab. Eine unumstößliche Regel."

Sziedeyna schluckte leicht.

"Aber sie fiel nicht direkt über dich her", stellte Thorian eher fest, als dass er fragte.

"Nein, sie wirkte nicht bedrohlich, sondern ziemlich ruhig. Da war eine seltsame Stimmung... zwischen uns."

"Die Situation ließ keinen anderen Schluss über ihre wahre Existenz zu?"

"Das stellte sich ziemlich schnell heraus. Sie musste es auch nicht verheimlichen... wegen der Regel."

Thorian nickte etwas.

"Sie hätte es dort jedem frei erzählen können."

"Ich kann mir vorstellen, um welche Art Regel es sich handelte..."

Sziedeyna schaute ihn gespannt an.

"Und zwar?"

"Na, das Geheimnis konnte in dem Moment keinem..."

Er zögerte kurz.

"...keinem Lebenden mitgegeben werden."

Thorian blickte auf eine Bestätigung suchend.

Sziedeyna nickte bestätigend.

"Ja."

"'Niemand verlässt den Turm lebend'", sprach sie wie ein Zitat aus.

Daraufhin nickte er verstehend.

"Also war es keine freie Wahl."

Er suchte nach weiteren Worten. Sein Blick wurde etwas betrübt.

"Dein damaliges Ich nahm also den einzigen Strohhalm an, der sich ihr bot. Eine unbekannte Existenz führen, oder gar keine mehr."

"Ganz so einfach war es nicht."

"Nicht?"

Er hob eine Braue.

"Jeder normale Mensch wäre wohl in Panik verfallen und hätte um sein Leben gefleht. Aber ich war..."

Sie hielt kurz inne.

"...bereit."

Thorian wirkte überrascht.

"Mir war die Perspektive nicht neu, ganz im Gegenteil. Einst hatte ich mich sogar danach... gesehnt."

Das Wort hing zwischen ihnen wie eine Kerze, die zu dicht an einen Vorhang geraten war.

"Und irgendwas in mir hat die Perspektive als seltsam beruhigend empfunden, als hätte alles in meinem Leben auf diesen Moment gewartet."

"Darauf gewartet, dass es so wie bisher endet, und ein neuer Abschnitt beginnt? Oder dass es in ein untotes Leben übergeht?"

"Hm, das ewige Leben hatte ich mir immer gewünscht, aber darum ging es in dem Moment nicht mal. Es war etwas anderes. Es fühlte sich... wie eine Entlastung an."

"Dann war dein Leben bis dahin kein leichtes", meinte er leise mit betrübtem Unterton.

"Ein belastetes."

Thorian nickte wieder verstehend.

Sziedeyna schien kurz an etwas zu denken, es dann aber eher wieder loswerden zu wollen.

"Also ja, es war keine Wahl, aber doch eine."

"Du musst es nicht weiter ausführen", bot er mitfühlend an.

Aber sie war noch nicht fertig. Nicht ganz.

"Und das ist auch ein Grund, warum ich mir diese Seelenfrage stelle. Vielleicht ist die Last fort, weil die Seele fort ist."

Sie schaute ihn nachdenklich an.

"Vielleicht hat die lebende Sziedeyna mit ihr bezahlt."

Thorian runzelte die Stirn.

"Sag doch nicht, dass die Seele fort ist..."

"Die vorherige Sziedeyna hat es so in Ordnung gefunden", sagte er nach einem Moment. Seine Schulter zuckte leicht, im Versuch, gleichgültig zu wirken. "Und dir somit den Weg gebahnt."

"Ja, aber wusste sie wirklich, was es bedeutet?"

"Dazu müsste man nun noch über ihren Wissensstand bezüglich des Lebens eines Vampires wissen."

"Der war ziemlich gut. Sie... ich hatte früher schon dazu geforscht. Besonders hilfreich war ein altes Buch."

"Also hatte sie sehr wohl eine Vorahnung!"

Thorian klang beinahe erleichtert.

"Ich denke, sie ist dem Schicksal dann bereit gefolgt."

"Das schon. Aber man weiß ja nie, ob in so einem Buch auch die Wahrheit steht oder ob es nur dümmlicher Aberglaube ist, oder etwas, um kleine Kinder zu erschrecken."

Sie hielt kurz inne.

"Aber ja, vieles darin stimmte. Das kann ich jetzt sagen."

"Häufig ist es so mit diesen Geschichten."

Thorian nickte.

"Ob es nun Gewissheit oder Hoffnung war: Sie nahm den Strohhalm bewusst an."

"Ja, schon."

Sie nickte leicht.

"Also solltest du dich nicht schuldig fühlen. Oder?"

"Ich fühle nur diesen seltsamen Bruch... zwischen mir und ihr. Aber vielleicht ist das auch normal."

Dann kam wieder dieses alte Tier aus dem Dunkel, das sie inzwischen so gut kannte.

"Und Schuld ist ein widerspenstiges Biest. Sie nahm mir die Schuld, aber bürdete mir auch neue... zukünftige auf."

Sie sprach nicht dramatisch. Das machte es schlimmer.

"Sämtliche Schuld hätte ich nur verloren, wenn Ancanagar mir einfach das Genick gebrochen und mich an die Krähen verfüttert hätte. Das hätte sie mit den meisten getan. Es war insofern auch eine... Gnade. Zumindest wohl aus ihrer Perspektive."

"Oder auch keine Gnade? Je nach Betrachtungswinkel. Hm."

"Sie hat mich damit in ihre Nacht gezogen."

"Statt der ewigen Finsternis zu übergeben."

Thorian versuchte wieder aufmunternd zu wirken.

"Somit ist es, in gewisser Weise, doch als Geschenk zu betrachten!"

"Hm, vielleicht, ja."

Sziedeyna senkte den Blick.

"Es ist wie es ist."

Thorian fasste zusammen: Wenn ihr vorheriges Ich sich möglicher Folgen bewusst gewesen war, wenn Ancanagar etwas in ihr gesehen haben musste, dann sei weiterer Trübsal gar nicht angebracht. Er lächelte ehrlich, wie man es von ihm kannte.

"Hm", sagte Sziedeyna. "Das ist nur leider nicht die ganze Geschichte. Aber sie klänge zu verrückt. Vielleicht ein anderes Mal."

Thorian machte kurz große Augen, nickte dann aber.

"Jederzeit, wenn dir danach ist."

Sziedeyna schien alte Erinnerungen abschütteln zu wollen. Dann lächelte sie ihm leicht zu und reichte ihm ihre rechte Hand über den Tisch.

Thorian nahm sie mit seiner linken gerne an.

Sie schaute sich um und begutachtete alles kurz. Den Tisch, die Feuerschale, ihn. Dieses Sitzen. Diese Wärme. Diese fast unverschämte Friedlichkeit.

Thorian hob eine Braue.

"Kneif mich mal."

"Ehm..."

Er kniff sie leicht in den Unterarm.

"Fester."

Sie schaute ihn auffordernd in die Augen.

Thorian blickte leicht irritiert, tat dann aber wie gewünscht und kniff etwas fester.

"Hm, das sollte wohl reichen."

Sie schaute sich erneut um, dann wieder ihn an.

Thorian stand ein großes Fragezeichen ins Gesicht geschrieben.

"Ich wollte nur schauen, ob das hier alles echt ist. Und kein Traum."

Sie lächelte ihn an.

"Irgendwie ist es aber ein Traum", sagte Thorian. "Einer, aus dem man nie wieder erwachen will..."

"Und wenn man es doch muss?"

"Muss man denn?"

Sziedeyna zuckte leicht mit den Schultern.

Thorian beschloss, sich darüber keine Gedanken zu machen. Dann gab er ihr noch einmal sein Resümee.

"Du kannst nichts dafür und brauchst dich nicht vor der vorherigen Sziedeyna rechtfertigen. Auch, wenn es dir schwer fällt, dies so zu akzeptieren. Betrachte es so als Ratschlag."

"Gut", sagte Sziedeyna. "Ich schaue mal, ob mir das etwas hilft."

Sie drückte seine Hand etwas fester.

Eine Weile blieb das so. Dann schaute sie ihn plötzlich fragend an.

"Was machen wir denn heute noch?"

"Schauen, was auf den Straßen Britains noch los ist? Also, einfach nur so... wenn du verstehst."

"Hm! Klingt gut!"

Sie lächelte ihn frech an.

"Dann auf ins Getümmel."

Und zog an seiner Hand.

Thorian ließ sich hochziehen.

"Ausgehen mit dir, das gefällt! Lass mich nur noch schnell meinen Umhang... den Hut lasse ich aber lieber hier!"

"Hm, wir könnten ja mal bei der Lieblichen Biene vorbeischauen."

"Liebliche Biene. Welche Taverne war das noch gleich...?"

"Die bei der Bank."

"Ach, natürlich!"

Vor dem Aufbruch hielt Sziedeyna noch einmal inne.

"Meinst du, dass ich mir noch Schuhwerk anziehen sollte?"

Thorian überlegte.

"Hm... musst du wissen. Man kennt dich ja auch so."

"Hm, gut, dann bleibe ich so."

Sie lächelte zufrieden. Thorian nahm sie bei der Hand.

In der Lieblichen Biene war mehr los, als sie erwartet hatte. Die Taverne war voll genug, dass Stimmen einander nicht mehr ablösten, sondern übereinanderlagen. Maeve mit ihrer Laute, Tan von Finsterrode mit hochrotem Kopf, Talrim und Mireya in einem Gespräch über Geist, Erkenntnis und Gefahr, später Annara in roter Kleidung, müde und doch zu neugierig auf Gesellschaft, um einfach heimzugehen.

"Noch sind Plätze frei", sprach Thorian leise zur Seite.

"Ist ja richtig was los heute", flüsterte Sziedeyna.

"Dann lass uns schnell einen Platz ergattern!"

Thorian grüßte freundlich in die Runde.

"Guten Abend, die Herrschaften."

Sziedeyna schaute sich um und betrachtete noch einmal alle Anwesenden genauer. Es war kein plumpes Mustern. Eher dieses leise Sortieren, das in ihr mittlerweile fast von selbst geschah.

Thorian beugte sich zu Sziedeyna hinüber.

"Wollen wir etwas trinken?"

Sziedeyna schüttelte leicht den Kopf.

"Hm, hier gibt es den Most nicht. Ich brauche daher nichts."

"Wie du magst, Liebste."

Er setzte sich wieder gerade auf.

Sziedeyna deutete mit einem Nicken kurz zu Mireya und sprach leise zu ihm:

"Schau, das Kaninchen."

Thorian nickte sacht, ohne einen Schulterblick zu wagen.

Sziedeyna reichte ihm wieder ihre rechte Hand über den Tisch. Mit freudigem Lächeln nahm er sie an.

Die Taverne rauschte weiter. Maeve scherzte mit Tan über Wasser, Wein und Einladungen. Annara setzte sich dazu, Talrim mahnte vor geistigen Gefahren, Mireya sprach von Wagnissen, Schleiern und Preisen, die man für Erkenntnis zahlt. Manches davon wehte zu Sziedeyna und Thorian herüber, wie ein Fremdgespräch, das zu dicht an der eigenen Tischkante vorbeigeht.

Dann schaute Sziedeyna noch einmal zu den Gästen und wieder zu Thorian.

"Hm, meinst du..."

Sie räusperte sich und wurde leise.

"...es gibt hier Kandidaten für..."

Sie nickte ihm nur knapp zu.

Thorian zog kaum merklich die Luft ein und fuhr sich mit der Hand durch den Bart. Dann drehte er den Rumpf leicht, erst links, dann rechts, als wolle er sich strecken, und betrachtete dabei kurz die anderen Gäste.

"Hm, möglich schon. Aber..."

Er blickte etwas unwohl drein.

"Ist es denn wieder soweit?", flüsterte er hinüber.

Sziedeyna wiegte den Kopf leicht nach links und rechts.

"Es geht."

Dann lächelte sie schelmisch.

Thorian atmete beinahe erleichtert durch.

"Ich glaube", setzte er wieder im Flüsterton an, "ich bräuchte eine gewisse Vorbereitung."

Sziedeyna verengte die Augen leicht.

"Du meinst in deinem Kopf?"

"Auch. Oder vor allem, ja."

"Hm, verstehe. Sag mir einfach, wann du... so weit bist."

"Aber", schob Thorian mit ehrlichem Gesichtsausdruck nach, "wenn, dann bin ich da!"

Er streichelte mit dem Daumen ihren Handrücken.

Sziedeyna schaute kurz auf ihre beider Hände und lächelte zufrieden. Dann schweifte ihr Blick spontan zu Tan.

"Der eine trägt Rüstung", sagte sie leise.

Thorian nickte, als wüsste er, von wem gesprochen wurde.

"Was ist mit dem?"

"Nichts, ich habe das nur bemerkt... unpraktisch."

"Ah, ja! Kein Kaninchen."

Er flüsterte es und zwinkerte hernach.

Sziedeyna schmunzelte leise.

"Aber was dann?"

"Öhm... vielleicht wehrhaft wie ein Dachs?"

"Falsche Fellfarbe."

"Dann ein Wiesel vielleicht?"

"Wiesel?"

Sie schaute prüfend zu Tan, dann wieder zu Thorian.

"Schon eher."

Die kleine Jagdsprache blieb zwischen ihnen, halb Scherz, halb Ernst. Gerade dadurch wurde sie nicht harmloser.

Kurz darauf trat Magena an ihren Tisch. Sie war die Bardame, die zwischen den Tischen nach Wünschen fragte, und nachdem am Nachbartisch zunächst niemand reagiert hatte, wandte sie sich nun ihnen zu.

"Und hier? Darf ich euch etwas bringen?"

Thorian erschrak beinahe und fuhr zur Seite, als sei er von der falschen Wirklichkeit ertappt worden.

Magena lachte freundlich und hob abwehrend eine Hand.

"Aber aber... kein Grund aus der Haut zu fahren."

Thorian grinste verlegen. Er sei nur etwas abgelenkt gewesen.

Sziedeyna schaute zu Magena.

"Nein, danke."

Thorian warf Sziedeyna einen knappen Seitenblick zu, dann wandte er sich wieder an die Bardame.

"Ein Ale für mich gerne."

Maeve begann inzwischen zu spielen. Eine leise Melodie erfüllte den Raum, erst leicht und schwungvoll, dann tragender, als Annara sich an einem Lied versuchte, beim Greifenflug ins Stolpern kam, lachte, sich wieder sammelte. Die Taverne wurde für ein paar Minuten zu etwas Hellem und Albernem. Maeve fing die Melodie wieder ein, Annara verlor Fäden, fand andere, und irgendwo zwischen Freiheit, Kälte, Greifen und Heimkehr entstand ein Lied, das vielleicht kein gutes Lied war, aber ein sehr lebendiges.

Thorian horchte auf.

"Oh, ein Lied."

Sziedeyna betrachtete ihn dabei.

"Wenn du mir ein Instrument in die Hand drücken würdest, könnte ich nur damit zuschlagen."

"Oh", sagte Thorian. "Ich bin ein miserabler Sänger. Aber die Laute spiele ich ganz passabel!"

"Kannst mir ja mal was vorspielen."

"Das überlasse ich dann doch den Barden und Minnen..."

"Loretta hat eine große Harfe bei sich stehen. Ich fürchte, wenn ich mich ihr zu sehr nähere, dann kräuseln sich die Saiten."

Thorian lachte auf.

"Sooo schlimm wird es schon nicht kommen!"

Sziedeyna zuckte mit den Schultern.

"Wer weiß. Habe mich jedenfalls noch nie an sowas versucht."

Dann schaute sie kurz zum Tresen und wieder zu Thorian.

"Hmm, hattest du nicht was bestellt?"

"Eh, stimmt! Wo bleibt wohl mein Ale?"

Er grinste.

"Jetzt bin ich doch etwas ungehalten. So gibt es auch kein Trinkgeld!"

"Wofür auch."

"Na eben!"

Erst jetzt reagierte Magena wieder vom Tresen her.

"Ein Ale kommt sofort!"

"Je eines... nehm ich an."

"Ah! Wunderbar. Eines reicht vorläufig, danke!"

Sziedeyna nickte Magena knapp zu. Die Bardame nahm die Münzen entgegen, stellte das Ale ab und wünschte, es möge wohl bekommen.

Thorian zog die Flasche vor sich.

"Schau, manchmal muss man sich nur etwas empören..."

Dann blickte er Sziedeyna kurz entschuldigend an und nahm einen knappen Schluck.

"Davon warten auch noch welche bei mir auf dich", sagte Sziedeyna. "Da brauchst du auch kein Trinkgeld zahlen."

Sie zwinkerte ihm zu.

"Und... tu dir keinen Zwang an."

"Ja, ich weiß. Ich bezahle dann einfach mit einem Kuss. Einverstanden?"

"Hm, Kuss klingt gut!"

Annara hörte das Wort und schaute halbwegs verstohlen herüber. Sziedeyna bemerkte es aus dem Augenwinkel.

Thorian lächelte sie liebevoll an und beugte sich über den Tisch.

"Den ersten im Voraus."

Er schloss die Augen und näherte sich ihrem Gesicht. Sziedeyna reagierte etwas verzögert, beugte sich dann aber vor, damit er sie erreichen konnte. Ein zarter, knapper Kuss wurde gegeben, ehe Thorian sich wieder mit breitem Lächeln zurücklehnte.

Sziedeyna schaute ihn zufrieden an.

Maeve prostete irgendwo auf die Küsse von heute und morgen, Annara wurde verlegen, Tan rang weiter mit seiner eigenen kleinen Ehrenordnung. Für Sziedeyna und Thorian aber zog sich die Welt wieder auf den Tisch zusammen.

"Mir ist, als müsste ich gleich noch eine Flasche bei dir Zuhause einfordern", sagte Thorian grinsend.

"Wenn du willst, können wir gleich gern zu mir aufbrechen. Aber trink erstmal in Ruhe dein Bier."

Thorian nahm einen größeren Schluck.

"Wir könnten natürlich auch einen Ausflug in die Höhlen Destards machen? Hm, wobei..."

"Ja?"

Sziedeyna schaute ihn gespannt an.

"Wenn dir nach etwas Training ist? Ein weiteres Ale täte mir allerdings auch gefallen."

"Hmm."

Sie wägte ebenso ab.

"Immerhin möchte ich ja auch mit einem weiteren Kuss zahlen", flüsterte Thorian und zwinkerte schelmisch.

"Wir könnten ja zuerst das eine und danach das andere machen."

"Das klingt nach einem guten Plan."

Thorian leerte das Ale in einem letzten Zug. Sziedeyna sprang in einem Zug auf. Thorian erhob sich ebenso geschwind, die Flasche blieb einfach stehen.

"Dann treffen wir uns gleich bei diesem Drake?"

"Machen wir so!"

Sie lächelte ihn voller Vorfreude an.

"Schön! Dann bis gleich, Liebste!"

Sziedeyna löste sich von seiner Hand und eilte davon.

Der Ausflug nach Destard war kein Gespräch, sondern Arbeit.

Er begann bei Drake, mit Rüstung, Helm und diesem blechernen Klang in Sziedeynas Stimme, als sie fragte:

"Bereit?"

Thorian stülpte sich ebenfalls den Helm über.

"Immer!"

"Dann hinein ins Abenteuer."

Die Höhlen empfingen sie mit Schleimen, Frostschlamm, Säureblut, Ettins, Zyklopen und später Trollen. Der rohe Kampflog war ein Trommelfeuer aus Zielwechseln, Bandagen, Beute, Systemmeldungen und gefallenen Gegnern. Für die Geschichte genügte, was darunter lag: Thorian teilte Gefahr in handhabbare Stücke, lenkte Gegner ab, trank Tränke, hielt mit, warnte und schätzte ein. Sziedeyna folgte, heilte, schlug, verband, sammelte, ging weiter.

Sie funktionierten miteinander.

Nicht elegant. Eher wie zwei, die sich im Lärm auf kurze Zeichen verlassen konnten.

Als Sziedeyna sich irgendwann steif bewegte, bemerkte Thorian es.

"Alles in Ordnung?"

"Hm, müsste ich atmen, wäre ich jetzt erstickt."

Sie deutete auf die eingedrückte Rüstung.

"Diese Hämmer hauen schon rein. Aber es geht schon."

"Oh, ich verstehe", lachte Thorian. "Das Geheimnis: nicht treffen lassen."

"Ja, manchmal hat man Pech, wenn es zu viele werden."

Später klimperte Sziedeyna mit den Münzen eines Zyklopenschatzes.

"Schade, dass ich keine Taschen habe für die Reichtümer."

"Die scheinen verwunschen zu sein", sagte Thorian. "Irgendein Hexenwerk!"

Sie holten Belohnungen, sammelten Beute, sprachen kurz über Komponenten: Sziedeyna bekam einen beschädigten Aquavis, Thorian einen Onyxen. Er meinte, er könne solche Stücke vielleicht in Ausrüstung einarbeiten, wenn sie nicht zu hochwertig seien. Sziedeyna tat das meiste als beschädigten Kram ab: Knackser hier, Risse dort. Thorian sah es praktischer.

"Jedes kleine Bisschen kann helfen."

Noch ein Drake, noch einmal Schleime, Frost, Gift, Tränke. Thorian zeigte Vielseitigkeit. Sziedeyna sagte es auch.

"Man tut, was man kann."

Als der Drake fiel, fragte sie sich, woher die Schriftrollen kamen.

"Hat er vielleicht einem Magier abgeluchst."

"Die haben es verdient."

Da war dieser harte kleine Funke wieder.

Thorian merkte ihn sich.

"Vielleicht magst du mir ja demnächst erzählen, was es mit deiner Abneigung gegenüber Magiern auf sich hat."

Dann tauchte ein Gegner auf, den er als "weglaufen-gefährlich" einschätzte. Sie taten, was vernünftige Leute tun, wenn Vernunft einmal nicht störend im Weg steht: Sie liefen nicht hinein.

"Ach so", sagte Thorian später. "Und was ich immer schon mal genauer erfragen wollte: dein Hass gegenüber Drow."

"Kann ich dir sagen, wenn wir wieder... zuhause sind."

"Also ich meine, wer hasst sie nicht..."

"Dann lass uns doch jetzt zu dir reisen?"

"Gern! Und irgendwie die Rüstung auskriegen."

Die eingedrückte Brustplatte war unangenehm. Sziedeyna atmete Luft ein und versuchte, mit der Brust gegen die Rüstung zu drücken. Dann schüttelte sie den Kopf.

"Ich habe eine Idee!"

Thorian schaute interessiert.

Die Rüstung klappte plötzlich in sich zusammen.

Eine Fledermaus flatterte daraus hervor.

Thorian erschrak kurz.

"Das nenne ich mal eine unkonventionelle Lösung..."

Sziedeyna nahm wieder Gestalt an und zog alles bis auf das Torso-Stück wieder an.

"Nicht wahr?"

Sie lächelte kompetent.

"Großartig", lachte Thorian.

"Das muss ich dann beizeiten ausbeulen lassen."

Er schmunzelte.

"Aber dann hättest du die restlichen Teile auch nicht wieder anlegen müssen."

"Ist etwas viel zu schleppen."

"Nagut, das mag sein. Dann also zu dir?"

Sziedeyna nickte zustimmend.

Thorian musste einen kleinen Umweg über sein eigenes Heim machen. Ihm fehlte noch eine passendere Rune. Sie verabredeten sich bei ihr. Sziedeyna verneigte sich leicht. Thorian erwiderte es, nicht allzu tief wegen der Rüstung.

"Mylady!"

Dann trennten sich ihre Wege kurz.

Als Thorian später Sziedeynas unscheinbares Haus betrat, klopfte er nur ganz kurz und trat dann ein.

Sziedeyna schaute zu ihm und lächelte.

"Hab mir gedacht, heute tauschen wir mal die Seiten."

"Habe mich beeilt."

"Warum auch nicht", grinste er leicht.

Sie stand auf und ging zu ihm.

"Was darf ich bringen?"

Thorian schaute zu ihr hoch.

"Oh, ich würde ein Ale bevorzugen, werte Dame. Dieses mit Honig."

"Sehrwohl, der Herr."

Sziedeyna schritt gemächlich zum Schrank, holte ein Honigbier heraus und brachte es ihm mit gespielter Würde.

"Bitte sehr, der Herr. Möge es munden."

Thorian grinste, nahm einen Schluck und zeigte dieses Mal unverhohlen, dass es ihm schmeckte.

"Vielleicht sollte ich bei Bareti arbeiten?", sagte Sziedeyna und machte dabei ein Gesicht, als wäre das keine gute Idee.

"Oder in der Lieblichen Biene, damit die Kundschaft nicht nörgeln muss?"

Sziedeyna lachte kurz.

"Ja, der Service ließ heute etwas zu wünschen übrig."

"Gutes Personal ist schwer zu finden."

Thorian klimperte mit einem Geldbeutel. Er hatte noch ihren Anteil der Jagd dabei. Sziedeyna hatte ebenfalls etwas gesammelt, also legten sie alles zusammen und teilten es. Gold, Leder, Komponenten. Das Leder wollte Thorian aufbewahren, vielleicht reichte es irgendwann für etwas Nützliches. Die Komponenten sollten später noch gemeinsam angesehen werden.

Der Kampf wurde so in ihrem Haus zu etwas anderem. Nicht mehr Lärm und Gefahr, sondern Beute auf dem Tisch. Dinge, die man sortieren konnte. Etwas, das Thorian vielleicht mit Werkzeug, Wissen und Geduld in Schutz verwandeln würde.

Sziedeyna saß danach einfach da und ließ sich sichtlich genießend den Rücken wärmen. Dann hielt sie ihm wieder die rechte Hand hin.

Wie gewohnt nahm Thorian sie gerne zärtlich entgegen.

"Wenn dir danach ist, über Magier oder Drow zu sprechen? Ansonsten sitze ich auch gerne nur so da und betrachte dich einfach."

"Ah, stimmt..."

Sziedeyna wurde nachdenklich.

"Magier und... Drow."

Thorian strich mit dem Daumen über ihren Handrücken.

"Magier sind mir einfach unheimlich. Ancanagar ist zwar auch eine, aber ihr vertraue ich. Bei denen weiß man nie, was die wahrnehmen. Einer sprach mal von bunten Farben."

"Ohha!"

"Und vielleicht können sie meinesgleichen leichter erkennen?"

"Hm, das könnte vielleicht sein, ja. Dann verstehe ich gut deine Vorsicht ihnen gegenüber."

"Und, ja..."

Sie verstummte.

Plötzlich wirkte es, als steche Sziedeyna etwas in der Brust, nahe des Herzens. Mit der freien Hand fasste sie kurz dorthin.

Thorian guckte erschrocken und festigte seinen Griff um ihre Hand.

Sziedeyna schüttelte frustriert den Kopf.

"Nein, noch nicht. Belassen wir es dabei, was die Magier betrifft."

Thorian nickte verstehend und zustimmend.

Sie wechselte den Faden, nicht elegant, aber entschieden.

"Und Drow... Ich hatte mal... das Vergnügen, für sie zu... arbeiten."

Thorian verzog angewidert das Gesicht.

"Es ist schon einige Jahre her."

"Also kamst du ihnen näher, als man es gewöhnlich muss. Oder sollte?"

Sziedeyna nickte andächtig.

"So kann man es sagen. Warte mal."

Sie ging nach oben. Man hörte sie in einer Kommode kramen. Dann kam sie wieder herunter, setzte sich zu ihm und legte einen dunklen Armreif auf den Tisch.

"Aber fass das Ding besser nicht an!"

Thorian begutachtete das Schmuckstück neugierig, hob dann aber die Hände.

"Nagut."

"Er ließ sich zwar irgendwann abnehmen, aber man weiß nie. Ich werde es jedenfalls nicht mehr ausprobieren."

"Also liegt oder lag eine Magie darauf?"

"Muss wohl. Er ließ sich nicht mehr lösen, nachdem sie ihn mir umgemacht hatten."

Thorian schaute grimmig.

"Er war wohl sowas wie ein Erkennungszeichen, und vielleicht konnten sie einen darüber auch orten. Es war unheimlich. Ich habe mich die ganze Zeit beobachtet gefühlt."

"Dieses verachtenswerte Volk..."

Thorian meinte es grimmig.

Sziedeyna nickte zustimmend.

"Ich bringe ihn wieder weg."

Sie verschwand wieder kurz nach oben.

"Du warst also ihre Gefangene oder ähnliches?"

Eine Schublade knallte laut.

Dann kam Sziedeyna wieder herunter und setzte sich an den Tisch.

"Ja."

Sie nickte knapp.

Thorian ballte die Rechte wütend zu einer Faust.

"Ich wurde bei der Arbeit... gestört und hatte diesen Drow plötzlich hinter mir. Und was macht man da?"

Sie schüttelte verärgert den Kopf.

"Gehorchen, wenn man leben will."

"Je nach Situation vernünftig reagieren."

Thorian nickte verstehend.

"Ich will diesen Bestien nie wieder gehorchen müssen!"

"Sollen sie es noch einmal versuchen. Zusammen wehren wir sie schon ab!"

Thorian blickte entschlossen drein.

"Wenn sie Anca etwas antun wollen...!"

Sziedeyna wurde kurz laut. Dann atmete sie durch und reichte ihm wieder die Rechte.

"Stimmt", sagte Thorian. "Da gibt es auch eine Feindschaft."

Er erinnerte sich.

"Wenn Lady Ancanagar Hilfe benötigt, stehe ich selbstverständlich auch parat!"

Er griff wieder ihre Hand und drückte sie als Zeichen seiner Entschlossenheit.

Sziedeyna nickte ihm anerkennend zu und drückte seine Hand kurz etwas fester. Daraufhin schaute sie auf die Flasche und dann zu ihm.

"Du hast ganz vergessen, etwas zu trinken."

Thorian blinzelte, als habe ihn die Bemerkung aus einem inneren Winkel zurückgeholt.

"Oh, das stimmt. Aber das lässt sich ja aufholen."

Er grinste und hob die Flasche zu einem guten Schluck. Sziedeyna lächelte ihn an.

"Nun ja", sagte Thorian danach, "ich habe zwar nichts gegen Magier. Aber die Abscheu gegenüber den Drow, die teilen wir schon mal. Dann brauchen wir zukünftig nicht lange diskutieren, wenn uns wieder ein Vertreter dieses Volkes über den Weg läuft..."

Er sagte es mit einem fast fiesen Lächeln.

Sziedeyna wiegte den Kopf leicht.

"Ich fürchte nur, da wo einer ist, kommen viele nach. Das Beste wird es bleiben, ihnen aus dem Weg zu gehen."

Thorian seufzte leise.

"Leider hast du wohl recht."

"Ein Grund, in dieser Stadt zu wohnen. Da verirrt sich dieses Pack nur selten hinein, und dann auch nicht offen erkennbar."

Thorian hielt trotzdem dagegen. Bei der Nachlässigkeit zuletzt würde es ihn nicht wundern, wenn auch in Britain Drow aus und eingingen.

Dann kamen die Lords zur Sprache, von denen er früher schon erzählt hatte, und Minnersbach. Vielleicht könne man dort einmal nachsehen, ob man etwas über sie herausfände.

"Minnersbach", murmelte Sziedeyna leise, etwas nachdenklich. "Vorbeigeritten bin ich schon mal. Ist aber lange her."

Thorian meinte, offenbar sei man dort den Lords zugeneigt. Oder man habe schlicht Angst vor ihnen.

"Wir könnten ja dort einmal hinreisen", schlug er vor. "Aber das hat vielleicht noch etwas Zeit."

Sziedeyna nickte bedächtig.

"Das könnten wir in der Tat tun."

Sie erwiderte sein Lächeln und schaute wieder auf seine Flasche.

"Und...", begann Thorian und zögerte einen Moment, "vielleicht hat es dort ja auch Hasen."

"Du meinst... Kaninchen?"

Sziedeyna grinste etwas frech.

Thorian sah ebenfalls auf seine Flasche, grinste kurz und nahm einen weiteren Schluck.

"Kaninchen, Hasen. Was auch immer!"

"Es gibt schon Unterschiede. Kaninchen leben in Bauen und Hasen in Mulden. Frag mich nicht, woher ich das weiß."

"Hm."

Sie schaute auf einmal etwas wirr mit dem Kopf umher. Dann wanderte ihr Blick zur Tür.

Leise sagte sie:

"Kann es sein...?"

Thorian folgte ihrem Blick.

Etwas zitterte unterhalb der eigentlichen Wahrnehmung. Ein zartes Band aus sanguiner Magie, kaum zu fassen, ließ etwas in Sziedeyna vibrieren. Das Klopfen, das eigentlich ohne Vorwarnung erklang, war dadurch beinahe schon erwartet.

Sziedeyna stand abrupt auf, ging schnell zur Tür und öffnete sie mit einem Ruck.

Sie lächelte breit.

"Ich wusste es! Komm doch herein!"

Sie machte Ancanagar Platz.

Ein Windhauch ging durch das Haus und ließ die Kerze flackern.

In Ancanagars Augen lag für einen Moment Überraschung oder Bestätigung. Dann löschte ein Lächeln diesen Eindruck wieder aus.

"Gefunden."

Selbstzufriedenheit mochte darin liegen. Jedenfalls trat sie ohne weiteres Nachfragen ein.

Sziedeyna betrachtete sie freudig von oben bis unten.

Ancanagar war an die warme Nacht angepasst, verhältnismäßig viel mondblasse Haut sichtbar. Der Windhauch begleitete sie noch, als sie einen Blick über die Schulter zurück in die heiße Nacht warf und dann die Tür hinter sich schloss.

"Thorian. Der Segen einer endlosen Nacht über dich. Und auch über dich, Sziedeyna."

Thorian erhob sich zögerlich. Er blieb der Szene zunächst fern.

Sziedeyna trat auf Ancanagar zu und versuchte, sie sacht zu umarmen.

"Lady Ancanagar, seid mir gegrüßt", sagte Thorian und nickte ihr freundlich lächelnd zu.

Die Umarmung verschluckte Ancanagar beinahe. Sie erwiderte sie etwas unbeholfen, offensichtlich überrascht, doch nicht abweisend. Eher so, als müsse ihr Körper erst nachholen, was Sziedeynas Nähe bereits beschlossen hatte.

"Schön", flüsterte Sziedeyna ihr leise ins Ohr.

Dann löste sie die Umarmung wieder.

Ancanagar trat einen halben Schritt zurück. Die magere Vampirin blickte sich abermals um, maß Thorian genauer und fand auch für ihn ein Lächeln. Sie schien wirklich gut gelaunt zu sein, was auch in ihrer hellen Stimme mitklang.

"Störe ich?"

Sie schien nicht davon auszugehen, dass sie störte.

Thorian schüttelte knapp den Kopf. Er verfolgte die Begrüßung zwischen den beiden Frauen erfreut und hielt sich auffallend zurück.

Sziedeyna lachte kurz herzhaft.

"Als ob!"

Dann wurde sie sofort wieder wärmer.

"Du bist immer willkommen!"

Sie schaute zum Tisch.

"Setz dich doch."

"Gern."

Ancanagar schaute sich während der Bewegung weiter um. Die Neugierde war nicht aus ihren Zügen gewichen, als sie auf einem der Stühle Platz nahm.

"Nette Unterkunft."

"Danke! Wir haben uns Mühe gegeben."

Dieses Wir fiel aus Sziedeyna heraus, schlicht und zufrieden.

Sziedeyna ging an Thorian vorbei und setzte sich wieder schräg gegenüber von Ancanagar, mit dem Kamin im Rücken. Thorian wartete einen Moment, nahm dann seine Flasche und suchte sich neben Sziedeyna seinen Platz. Sie schaute zu ihm, lächelte ihn an und griff mit der linken Hand nach seiner rechten.

Thorian nahm ihre Hand gern entgegen. Ein seliges Lächeln setzte bei ihm ein. Danach blieb er zurückhaltend und gab den beiden Frauen Zeit, sich zu beschnuppern.

Ancanagar bedachte die Sitzaufteilung für einen Herzschlag lang. Dann schob sie ihren Stuhl etwas mittiger, so dass sie ungefähr beiden gleich gegenübersaß. Sie lehnte sich zurück, ließ die Arme hängen und atmete schwer durch.

"Was für eine Nacht!"

Dann setzte sie sich abrupt wieder auf.

"Aber egal. Ich war in der Gegend und habe mich daran erinnert, dich besuchen zu wollen. Ich bin einfach meinem Gefühl gefolgt und stand dann vor dieser Tür."

Vergnügen lag in ihren Silben.

"Ich war mir bis zuletzt nicht sicher, wer mir tatsächlich öffnen würde."

Sziedeyna legte den Kopf leicht schief.

"Was war das denn für eine Nacht bisher?"

Thorian nahm einen kleinen Schluck Honigbier und wartete gespannt auf die Antwort.

"Noch keine lange", sagte Ancanagar und blickte nun nur Sziedeyna an. "Ich habe mich in Düsterhafen wiedergefunden, an einer der Hafenpromenaden, nur um zwischen all den Menschen zu wandeln, die dort ihren Abend verbringen."

Sie erzählte weiter. Die Hitze setze dort allen zu, sagte Ancanagar, aber sie entfache auch die Gemüter. Viele Paare, einiger Streit, der Geruch von Bier und Wein, Erbrochenem und Blut sei schon kurz nach Sonnenuntergang nicht mehr zu ignorieren gewesen.

Ihr Lächeln wurde tiefer.

"Ab und an wage ich mich in solchen Trubel. Aber nun ja, nach einer Weile wurde es zu viel und dann bin ich hierhergekommen. Etwas ruhiger."

"Ruhiger, ja", sagte Sziedeyna und schmunzelte leicht.

Bei der Erwähnung Düsterhafens hob Thorian nur für einen kurzen Moment unmerklich eine Braue. Es war nicht viel. Aber genug, um Ablehnung zu verraten.

Wenn Ancanagar diese Ablehnung wahrnahm, verbarg sie es. Sie lehnte sich wieder zurück, legte den Kopf in den Nacken und blickte zur Decke. Ihre Augen sprangen weiter umher, als zählte sie die Dielen des Fußbodens über sich. Dann atmete sie erneut schwer und tief ein, so dass sich ihre offengelegte Kehle bewegte.

Sie schien sich sicher zu fühlen. Entspannung war ihr regelrecht auf den Leib geschrieben.

"Wie geht es euch?", fragte Ancanagar, zur Decke gesprochen.

Thorian hatte einen leichten Schweißfilm auf der Stirn. Die Wärme des Tages stand ihm noch immer im Gesicht, und doch hatte er sich einen Platz näher am Kamin gesucht, als vernünftig gewesen wäre.

Sziedeyna schaute zu ihm, lächelte nur und antwortete dann in Richtung Ancanagar:

"Ich glaube, uns geht es recht gut."

Dann fiel ihr etwas ein.

"Ach!"

Sie stand auf.

"Möchtest du vielleicht... ein Bier trinken?"

Ancanagars Blick folgte der Bewegung. Erst lag Unverstehen darin, dann Überraschung. Schließlich schüttelte sie den Kopf, unterstrichen von einer abwehrenden Geste der Rechten.

"Nein, nein, danke. Ich bin sehr zufrieden gerade."

Dann blinzelte Ancanagar und blickte auf einmal Thorian an, neugierig, geradezu unverhohlen.

Sziedeyna ließ sich wieder langsam auf ihren Platz sinken. Thorian blinzelte Ancanagar zu und wischte sich mit dem linken Ärmel einmal über die Stirn.

Sziedeyna nahm wieder Thorians Hand und sagte leise, nur an ihn gerichtet:

"Du bist so warm..."

Thorian zwinkerte.

"Das liegt alleine an deiner Nähe."

Er meinte es liebevoll, aber nicht ohne durchblicken zu lassen, dass ihm wirklich ziemlich warm war.

Daraufhin lehnte Sziedeyna sich mit dem Kopf leicht an seine Schulter. Auch sie wirkte entspannt.

Einige Momente vergingen, bevor Ancanagar wieder die Stimme erhob. Leiser nun, die hellen Silben etwas geschärft. Sie schien sich des Stimmungsbruchs bewusst, denn auf einmal saß sie aufrechter da.

"Darf ich annehmen, dass du weißt, wer ich bin, Thorian?"

Thorian wirkte einen Moment lang irritiert. Dann straffte er sich.

"Mittlerweile ja."

In seinen Augen lag Respekt, aber keine Angst.

"Ihr dürft davon ausgehen, dass ich mir meiner gegenwärtigen Situation durchaus bewusst bin."

Ancanagar nahm diese Antwort schweigend hin. Nach einigen Herzschlägen des Lebenden nickte sie.

Dann fragte sie ernster:

"Gibt es ein Band zwischen euch beiden?"

Sziedeyna löste den Blick von Ancanagar und schaute Thorian an.

"Welche Situation ist das?"

Thorian blickte kurz zur Seite. Der Wunsch, Sziedeyna möge die Antwort übernehmen, war deutlich. Dann tat er es doch selbst.

"Meiner Situation als... als Lebender neben Euch beiden."

Es klang beinahe sachlich.

"Oder als Kaninchen", warf Sziedeyna ihm mit einem schelmischen Blick zu.

"Und dann auch noch im fremden Bau...", murmelte Thorian, zwinkerte dann aber grinsend.

Ancanagar entspannte sich kurz.

"Ich bin kein Monster, Thorian. Höchstens sehr neugierig."

"Nein, für ein Kaninchen mag ich ihn viel zu sehr!", sagte Sziedeyna an Ancanagar gerichtet und legte den Kopf wieder an Thorians Schulter.

Thorian nahm Ancanagars Aussage auf.

"Das habe ich vermutet. Sonst säße ich vielleicht weniger entspannt hier. Oder gar nicht mehr."

"Ich möchte anmerken, dass ich im Augenblick ein wenig irritiert über Nagetiervergleiche bin."

Tatsächlich klang Irritation in ihrem Kommentar mit.

Sziedeyna blinzelte.

"Oh, es hat sich irgendwie ergeben, dass ich potenzielle... Ziele so bezeichne."

Thorian ließ noch ein dankbar erscheinendes Nicken in Ancanagars Richtung folgen.

"Vielleicht sind derlei Vergleiche nicht so passend. Aber das habe ich mich noch nicht getraut anzumerken."

Er sagte es in Ancanagars Richtung und zwinkerte danach neckend zu Sziedeyna.

"Es ging eher um Gespräche in der Öffentlichkeit", erklärte Sziedeyna.

Ancanagar schüttelte den Kopf und winkte ab.

"Nein, also... ja, es könnte vielleicht herablassend verstanden werden, aber ich meinte ein tatsächliches Ärgernis, das mich gerade gereizt hat."

"Welches?", fragte Sziedeyna.

Ancanagar hob die Rechte in einer erneuten Geste, diesmal Einhalt erbittend.

"Gleich. Meine Frage zuerst, wenn ich so drängend sein darf."

"Gibt es ein Band zwischen euch?"

Thorian blickte wieder zu Sziedeyna, auffordernd.

"Also... Thorian und ich sind ein Paar. Wolltest du das wissen?"

Thorian nickte bestätigend.

"Sziedeyna trank einmal von meinem Blut", fügte er hinzu. "Falls das Teil der Antwort sein könnte?"

Sziedeyna nickte sacht.

Ancanagars Vergnügen flackerte auf, dann wurde sie leiser.

"Ich bin überrascht, das hätte ich nicht vermutet. Aber ich meinte ein..."

Sie hielt inne und maß Thorian mit einem Blick.

"Und... umgekehrt?"

Pure Aufmerksamkeit lag in ihren sturmgrauen Augen.

"Oh, du meinst...?"

Sziedeyna schüttelte vehement den Kopf.

Auch Thorian wirkte überrascht.

"Nein. Sollte es so sein...?"

Sziedeyna lächelte etwas verlegen zu ihm.

"Wir hatten darüber schon gesprochen, bloß nicht über die Details..."

Ancanagar schwieg reglos einige Gedanken lang.

"Was... hat dir mein, nun, anderes Ich alles darüber erzählt?"

Sziedeynas Miene wurde abrupt melancholisch.

Thorian fragte interessiert und zugleich irritiert:

"Geht es dabei um den Empfang des Kusses?"

Sziedeyna nickte ihm eifrig zu.

"Leider... nicht viel."

Sie schaute betrübt zu Ancanagar.

"Es blieb nicht genug Zeit."

Thorian sagte mehr für sich selbst:

"Oh... dann waren es bisher nur einfache Küsse."

Ancanagar nickte langsam. Schwermut lag in ihrem entschuldigenden Lächeln. Bei Gelegenheit solle Sziedeyna ihr alles noch einmal im Detail erzählen, wenn es sie nicht zu sehr schmerze.

Dann erklärte Ancanagar, wovon sie eigentlich sprach: von einem Band zwischen einem Nachtgeborenen und einem Lebenden.

Sziedeyna schaute ratlos zu ihr.

Thorian sagte bedächtig:

"Dieses Band hier trägt dann den Namen Liebe. Schlicht, aber ehrlich."

Sziedeyna nickte ihm einmal zu.

Ancanagar musste sich sichtbar überwinden, die folgenden Silben zu formen. Unruhe trieb ihre Finger voneinander hinab auf den Schoß. Sie sprach von der Natur der Nachtgeborenen, die in gewisser Weise magischer Art sei, vollkommen und durchgehend. Wie sonst könne ein Körper ohne Herzschlag hier sitzen, Bier trinken, sich im Bett mit einem Liebhaber wälzen?

Thorian wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Er saß nahe am Kamin, näher als ihm guttat, und das Gespräch tat sein Übriges.

Ancanagar fuhr fort. Für gewöhnlich ließe sich eine solche Natur nicht verstecken, aber hier sei ein wichtiges Detail verborgen, selbst vor Thaumaturgen, Schamanen, Nekromanten und Hermetikern. Neben jener Magie, die sie aus dem Tau des Sternenlichts spinnen, gebe es eine andere Quelle, eine andere Ebene: Sanguinik, Magie aus dem Blut heraus.

Sziedeyna folgte interessiert, aber mit Verwirrung in den Zügen.

Ancanagar kam schließlich zum Kern.

"Es gibt einige Namen dafür: Ghoul, Foragh, Blutsdiener, je nachdem welchen uralten, vertrockneten Urahn man fragt. Aber im Grunde ist es ein Band zwischen euch, das euch aneinanderbindet. Kraft und Erholung für Thorian, Gewissheit und Sicherheit für Sziedeyna. Ihr würdet euch fühlen, auf schwer zu beschreibende Weise, wüsstet um euer Wohlergehen."

"Hm."

Sziedeyna schaute nachdenklich.

"Aber", sagte Ancanagar, "es bringt auch die Möglichkeit der Kontrolle mit sich. Kontrolle über dich, über dein Verhalten."

Thorian zog beide Brauen überrascht hoch. Dann kräuselten sie sich.

Ancanagar erklärte weiter, dass solche Bänder früher als Initiation geknüpft worden seien. Ein kaum zu brechender Geas konnte auf den Lebenden gelegt werden: Verrate niemals die Natur der Nachtgeborenen.

Sziedeyna schaute fragend zu Thorian.

Thorian saugte hörbar die Luft ein. Beinahe abwehrend hob er die freie rechte Hand.

Ancanagar sah ihn an und lächelte schwach.

"In unserem Haus, das den Namen einer lange vergessenen und versunkenen Stadt, Kerah, trägt, wurde nie von Zwang Gebrauch gemacht. Und auch wenn Sziedeyna in gewisser Weise irregulär ist, trägt sie die Essenz unserer Linie in sich. Ich bin mir sicher, dass sie dich nie zu etwas zwingen würde."

Sziedeyna nickte Ancanagars Worte bestätigend zu Thorian.

Ancanagar erzählte von zwei jungen Männern, die sie auf diese Weise gebunden hatte: einen wie einen Sohn, einen als Liebhaber. Beide seien später von der Sonne fortgetreten, aber zuvor habe das Band sie vollkommen genährt und zu mehr gemacht, als Mutter und Sohn, Liebhaber und Liebhaberin gewöhnlich sein konnten.

Thorian antwortete lang und bedächtig.

"Ein solches Band ist nicht vonnöten. Und dem würde ich nicht zustimmen wollen, wenn es denn die Aufgabe der eigenen Entscheidung bedeutete. Diese Entscheidung, die mich bisher auch aus freien Stücken an Sziedeynas Seite hielt, ohne auch nur den Hauch der Idee, sie verraten zu können oder müssen, auch wenn es die Prinzipien eines Streiters des Lichts vermuten ließen."

Sziedeyna senkte etwas enttäuscht den Kopf. Dann schaute sie hoffnungsvoll zu Ancanagar, als könne diese vielleicht noch ein anderes Wort finden. Einen anderen Winkel. Eine Tür, nicht wieder eine Wand.

Ancanagars Mundwinkel hoben sich zu einem versonnenen Lächeln.

"Mein Liebhaber gehörte zu den Jägern der Schatten, mein Sohn zu den Paladinen des Mondes. Selbst nach ihrem Übergang in die Dunkelheit. Eigenartig, nicht wahr?"

Sziedeyna schaute zu Thorian.

"Also... mich würde schon interessieren, wie sich so eine Blutverbindung anfühlt."

Bei der Erwähnung der Gildennamen weiteten sich Thorians Augen, gefolgt von Verwirrung.

"Bei den Jägern...?"

Ancanagar blinzelte, als bemerke sie den Bruch zwischen den beiden mit Verspätung.

"Oh, solch ein Blutsband ist keineswegs etwas Endgültiges. Die lebende Seele oder das lebende Herz widerstrebt der Blutsmagie und daher muss das Band alle paar Wochen erneuert werden, sonst verliert es sich wieder."

Dann, nach einigem Zögern, sprach sie einen Namen aus:

"Neriel Nandar."

Ihre Züge blieben beherrscht, doch Sehnsucht und Trauer und Schmerz ließen die Silben vibrieren.

Thorian flüsterte den Namen.

"Neriel. Seine Maskerade war perfekt."

Ancanagar sagte, er sei noch irgendwo dort draußen. Aber die Verwirrung habe ihre Wege getrennt. Auch Yadran wandle noch unter den Sternen.

In Sziedeynas Augen flackerte ein Hoffnungsblitz auf.

Thorian wandte sich ihr endlich zu.

"Nun... ich bin mir weniger sicher, für den Moment, ob ich das bisherige Band zwischen uns auf solche Weise erweitert wissen möchte."

Entschuldigung lag in seinen Worten.

Sziedeyna presste etwas die Lippen zusammen.

"Es ist... deine Entscheidung."

Ancanagar erklärte weiter, der Zwang sei nicht automatisch. Er müsste von Sziedeyna aktiv ausgeführt werden. Doch für Thorian blieb die Möglichkeit selbst im Raum stehen, wie ein Käfig mit offener Klappe.

"Also ein Vogelkäfig, nur die Klappe unverschlossen", murmelte er mehr zu sich selbst.

Sziedeyna schaute auf den Tisch.

"Wäre es denn so anders als was ich jetzt auch schon könnte?"

Ancanagar erklärte, ein solcher Befehl sei absolut und bleibe bestehen, solange das Blutsband existiere. Sie bat aber, nicht zu viel Sorge auf diese Dominanzsache zu legen. Wenn die beiden ineinander verliebt seien, würden ihre Emotionen das verhindern.

"Ja. Aber doch auch nein", sagte Thorian. "Du könntest alles verlangen. Und ich täte es, wenn ich es für richtig hielte. Der Antrieb könnte sich aber vehement wandeln von Wunsch hin zu diesem magischen Zwang. Aber warte, ich werfe dir nicht vor, dies je zu tun. Und doch bliebe es irgendwo eine Möglichkeit..."

Er blickte Sziedeyna entschuldigend an.

"Es ist wieder so schwierig..."

"Ja", sagte Sziedeyna und seufzte schwer. "Es ist schwierig..."

Dann versuchte sie es von einer anderen Seite. Nicht drängend. Eher tastend.

"Ich meine nur, vielleicht könnten wir da etwas haben, das... du so noch nicht kennst... und ich auch nicht."

Nach diesen Worten legte sie den Kopf wieder an seine Schulter.

Thorian wandte sich an Ancanagar.

"Würde ich dennoch ich bleiben, abgesehen der möglichen Beeinflussung, so sie aktiv von Sziedeyna ausgeht?"

Während er fragte, griff er mit der linken Hand hinüber, um sanft über Sziedeynas Haar zu streichen.

"Ja", antwortete Ancanagar knapp und bestätigend. Dann wurde sie nachdenklicher. "Auch wenn es eine eher philosophische Frage ist: Ich bin ich geblieben, selbst als ich in die Nacht trat."

Sziedeyna hob den Kopf wieder etwas.

"Die Frage hatten wir auch zuletzt."

Ancanagar betrachtete die beiden einige Momente lang versonnen. Dann breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, das viel zu gelassen war für das, was sie sagte.

"Außerdem: Das Band des Blutes macht das Vögeln vielfach intensiver."

Für einen Moment blieb der Satz einfach stehen.

Thorian setzte an.

"Wie..."

Er biss sich etwas auf die Unterlippe.

"...muss man sich das Band vorstellen, das entsteht, wenn..."

Er schluckte leicht.

"...man den Kuss empfängt?"

Sziedeyna schluckte ebenfalls und schaute verlegen zu Ancanagar. Auf einmal war ihr unwohl. Nicht nur wegen des Wortes. Eher weil es nun im Raum lag wie etwas, das zu körperlich war, um sich wieder in Theorie zurückschieben zu lassen.

Thorian unterdrückte eine klare Reaktion auf Ancanagars lapidare letzte Anmerkung.

Sziedeyna suchte einen Ausweg und fand ihn auf dem Tisch.

"Thorian", sagte sie und schaute auf die fast leere Flasche, "noch ein Bier? Diesmal ein anderes?"

Einen Wimpernschlag lang schien ihn diese Frage aus dem Konzept zu bringen. Dann schüttelte er leicht den Kopf.

"Vielleicht später. Hab Dank."

Ancanagar beantwortete Thorians eigentliche Frage in Ruhe. Das Band beim Empfang des Kusses sei etwas anderes, tiefer, endgültiger. Der Kuss selbst verändere nicht nur Blut, sondern Existenz. Das Blutsband hingegen sei flüchtiger, müsse erneuert werden, und doch könne es eine Nähe schaffen, die zwischen Lebendem und Nachtgeborenem kaum anders zu erreichen sei.

Sziedeyna hörte zu, aber sie war nicht mehr ganz so gesammelt wie zuvor. Die Worte hatten etwas berührt, das sich nicht einfach mit Vernunft ordnen ließ.

Schließlich stand Ancanagar mit einem Lächeln auf.

"Solche Fragen sollten in Zweisamkeit erörtert werden. Ich bin mir sicher, ihr habt genug zu bereden."

"Oh? Schon?"

Sziedeyna schaute sie etwas bedrückt an.

Auch Thorian blickte zu Ancanagar. Dankbarkeit lag in seinem Blick.

Ancanagar deutete abwechselnd auf die beiden Sitzenden.

"Ich mag nun nicht den Details eures Vertrauens lauschen. Das solltet ihr wirklich zu zweit klären. Am besten unter einer Decke. Und wirklich: Es wird zu keinem Zwang kommen, dann bleiben nur Vorteile, für euch beide."

Sziedeyna sprang auf.

"Ich, äh, begleite dich hinaus."

Thorian erhob sich ebenso, nur etwas langsamer.

Ancanagar wandte sich noch einmal an ihn.

"Ich mag dich, Thorian. Pass auf Sziedeyna auf, dann werde ich auf dich aufpassen, wenn du das nötig haben solltest."

"Lady Ancanagar, ich danke Euch für Euer Vertrauen!"

Thorian sprach ernst und ehrlich.

Sziedeyna ging zur Tür, öffnete sie und trat geschwind nach draußen. Ancanagar folgte ihr.

Sziedeyna lukte noch einmal durch die Tür zu Thorian.

"Ich bin gleich wieder da."

Dann schloss sie die Tür von außen.

Drinnen blickte Thorian auf seine Hände, die die Stuhllehne so fest umgriffen, dass ein leises Knirschen zu vernehmen war.

Draußen räusperte sich Sziedeyna leicht.

Ancanagar blickte abwartend zur Rothaarigen.

"Ich habe da noch eine Frage."

Sziedeyna schaute sie etwas verlegen an.

"Mit dem Blutband... will er dann... vögeln?"

Das Wort klang bei ihr nicht so lapidar wie zuvor bei Ancanagar. Eher, als hätte sie es aufgehoben, weil es bereits im Raum gelegen hatte, und nun wüsste sie nicht, welches andere sie nehmen sollte.

Ancanagar runzelte die Stirn.

"Das Band ändert nichts am Gegebenen."

"Hm."

Sziedeyna nickte leicht.

"Gut!"

Sie wirkte erleichtert.

Dann wurde Ancanagar doch unsicher.

"Ich... uh... ich will mich nicht einmischen, aber womöglich ist Verlangen oder Sehnsucht nach Nähe doch zu spüren und kann Zweifel hinfortwischen. Aber..."

Sie hob die Schultern leicht an.

"Diese Frage hat sich mir nie gestellt."

Drinnen griff Thorian währenddessen zur Flasche Honigbier und leerte sie mit einem Zug. Das Hemd klebte vom Schweiß an seiner Brust. Dann stellte er die geleerte Flasche neben dem Kamin ab und bediente sich selbst aus dem Schrank mit einem neuen Getränk.

Sziedeyna fasste sich mit einer Hand in den Nacken und nickte leicht.

"Dann gehab dich wohl! Ich hoffe, dich bald wiederzusehen."

Ein Lächeln formierte sich wieder in ihrem Gesicht. Sie machte Anstalten zu einer Umarmung.

Ancanagar erwiderte das Lächeln, trat in die Umarmung und wisperte einige Worte.

"Mach dir nicht so viele Sorgen. Wir sind, wer wir sind. Den Hunger auf Blut hast du angenommen, aber vergiss nicht den Durst nach Leben. Liebe ist köstlich, und dazu gehört alles, was dir wichtig ist."

Sziedeyna hauchte nur ein leises "Hm" zurück.

Sie löste sich langsam von ihr.

Ancanagar schenkte ihr noch etwas mehr Druck, bevor sie auf das Ende der Umarmung einging, zurücktrat und versonnen lächelte.

"Das war ein netter Abend. Wenn du magst, nehme ich dich irgendwann einmal auf Jagd in Düsterhafen mit. So viele Seeleute, die ihre Schwäche am Morgen auf zu viel Wein schieben..."

"Oh, ein verlockendes Angebot, bis auf... Seeleute. Die hängen mir zum Hals raus."

Sziedeyna machte eine entsprechende Geste.

"Lieber etwas..."

Sie hielt inne.

"Feineres?"

In ihr tauchte auf einmal etwas Verlangendes auf.

Ancanagar lächelte anzüglich.

"Stattliches? Rote Haare, roter Bart?"

Sziedeyna schüttelte den Kopf und schaute etwas entschuldigend.

"Nein. So fein nun auch nicht."

Ancanagar ließ das Thema fallen.

"Der Segen der endlosen Nacht mit dir, Sziedeyna. Wir sehen uns."

"Auf bald, Ancanagar!"

Noch einen Moment blickte Ancanagar zur Vampirin in Rot. Dann wandte sie sich ab und tauchte in die Dunkelheit der nächtlichen Gassen.

Sziedeyna blickte ihr noch nach. Dann ging sie wieder ins Haus.

Sie blieb kurz stehen und betrachtete Thorian nachdenklich von hinten. Er saß inzwischen weiter vom Kamin entfernt und blickte auf das Etikett seines neuen Bieres.

Sziedeyna ging wieder zu ihrem Platz, nun wieder gegenüber von ihm.

"Ah, du hast dir ein neues Bier genommen."

Sie lächelte ihn an.

Thorian blickte auf, als sie wieder Platz nahm.

"Hm, ja. Das andere war dann doch leer."

"Gut!"

Sie nickte bestätigend.

Thorian setzte zögerlich an.

"Also..."

Dann horchte er auf.

"Entschuldige", sagte Sziedeyna, "aber ich hatte noch kurz was mit ihr zu klären. Ja?"

"Natürlich. Kein Problem!"

Thorian begann erneut.

"Ehm... Es ist, wie gesagt, wieder einmal sehr schwierig. Einerseits, und das weißt du hoffentlich, täte ich doch eh so gut wie alles, was du verlangen könntest."

Er hielt kurz inne.

"Und dieses Vertrauen würdest du gar nicht missbrauchen. Das sagt mir mein Herz."

"Ich würde es vor allem nicht verlangen", sagte Sziedeyna deutlich.

"Was aber entginge uns beiden? Auch das frage ich mich. Welche Erfahrung bringt ein solches Band mit sich? Vielleicht eine Chance, die sich kaum jemandem bietet..."

"Ja, vielleicht genau das. Etwas sehr Besonderes."

"Vielleicht muss ich einfach alle Vorsicht beiseite schieben. Für dich. Für uns!"

"Da es nichts Dauerhaftes sein soll, anders als... der Kuss, könnten wir es ja vielleicht einfach probieren?"

Sie legte den Kopf leicht schief.

Thorian begann noch, über die Möglichkeit zu sprechen, dass sie ihn theoretisch zwingen könnte, weiter ihr Blut zu trinken, brach aber gleich ab.

"Nein! Antworte einfach nicht..."

Er seufzte leicht. Dann blickte er wieder lächelnd auf.

"Sziedeyna, du machst mich wahnsinnig!"

"Wenn ich wollte, könnte ich dich doch auch schon jetzt beeinflussen. Streng genommen kannst du nie wissen, ob bei uns alles ohne so etwas abläuft. Du kannst mir nur vertrauen, oder eben nicht."

Sie zuckte leicht mit den Schultern.

"Da liegt wohl viel Wahrheit verborgen..."

Thorian sagte es ohne Vorwurf.

"Ich bin dir schlicht ausgeliefert. So oder so."

"Und ich dir, das weißt du auch. Zumindest tagsüber."

Seine linke Hand wanderte über die Tischplatte in ihre Richtung. Ihre Rechte wanderte zu seiner Linken, sobald sie es bemerkte.

"Hm."

Thorian stellte die Flasche rasch zur Seite, als habe er eine Entscheidung getroffen. Kurz nachdem sich ihre Hände gefunden hatten, streckte er auch die rechte Hand aus, als Aufforderung einzuschlagen.

"Versprich mir hier und jetzt, dass ein solches Band niemanden bevorteilen wird. Und ich willige ein."

Sein Blick war ernst und ehrlich zugleich.

Sziedeyna reichte ihm die Hand.

"Ich verspreche es."

Sie nickte andächtig.

Thorian nickte ebenfalls.

"Meine Versprechen bleiben weiterhin aufrecht!"

"Das heißt, du würdest nun von mir trinken?"

Für einen ganz kurzen Moment flackerte etwas in seinen Augen. Dann nickte er sehr langsam, mit festem Blick in ihre Augen.

"Ist nur die Frage..."

Sziedeyna schaute sich um und erblickte die leere Bierflasche.

"Hm. Ja, das wäre vielleicht die einfachste Möglichkeit."

Sie zog die leere Flasche zu sich. Thorian legte nach einem kurzen Augenblick die freie Hand an eben diese Flasche.

Sziedeyna schaute ihn fragend an.

"Willst du jetzt etwa dein Blut darin sammeln?"

"Dachte ich?"

"Muss aber auch nicht jetzt sein, wenn du nicht willst. Du hast ja keine... Zähne."

"Hm. Mir kam der Gedanke, es euch dann gleich zu machen. Naja, vielleicht ist es auch ein blöder Gedanke. Verzeih."

Er gab die Flasche wieder frei.

"Wir haben unsere Zähne nicht ohne Grund."

Dann lächelte Sziedeyna etwas frech.

Thorian grinste.

"Aber ich könnte schon etwas stärker zubeißen."

"Mit den richtigen Zähnen stichst du eher zwei schmale Löcher hinein. Ich stelle es mir zumindest nicht sonderlich angenehm vor, wenn du mich mit den stumpfen Zähnen beißen würdest, vor allem dass genug Blut herauskäme."

Sie hielt inne.

"Aber vielleicht ist eine leere Bierflasche auch etwas... hm."

Ihr schien eine Idee zu kommen.

"Ich hole kurz was."

Sie stand auf und ging nach oben. Dabei löste sie den Griff um Thorians Hand.

Thorian blickte ihr erwartungsvoll hinterher.

"Man müsste wohl ein Stück herausbeißen", sagte er mehr zu sich selbst. "Stimmt wohl."

Oben öffnete und schloss sich eine Schublade. Dann kam Sziedeyna wieder herunter.

"Ja, herausbeißen... Ne."

Sie schüttelte den Kopf, setzte sich wieder und stellte eine kleine leere Phiole auf den Tisch.

"Aber das verheilt doch schnell wieder..."

Thorian verzog sogleich das Gesicht zu einem schiefen Grinsen, als hätte er selbst bemerkt, wie scheußlich vernünftig das gerade geklungen hatte.

"Es tut aber trotzdem ziemlich weh... denke ich", sagte Sziedeyna.

Dann sah sie ihn an.

"Du bist doch kein Kannibale!"

Thorian setzte schon zu einer Antwort an, blieb dann aber bei einem schiefen Grinsen hängen.

"Ich stehe kurz davor, dein Blut zu trinken. Ach, egal."

Sziedeyna holte einen Dolch hervor und hielt die linke Hand geöffnet vor sich, den Dolch in der rechten.

"Soll ich?"

Thorian nahm sacht die geöffnete Hand und beugte sich hinüber. Dann küsste er ihre Handfläche zärtlich. Er blickte sie an und nickte.

Sziedeyna nickte ihm noch einmal zu und atmete kurz durch.

Sein Blick folgte dem Dolch.

Dann schnitt sie sich tief in die Handinnenfläche. Ihr Gesicht verzog sich etwas vor Schmerz. Sofort nahm sie die Phiole und bildete mit der Hand eine Faust über der Öffnung. Recht schnell füllte sie sich mit ihrem Blut. Als die Phiole voll war, öffnete Sziedeyna wieder die Hand und stellte sie auf den Tisch. Die Wunde begann sich augenblicklich zu schließen.

Für einen Moment sah es aus, als wolle Thorian ihre Hand wieder zu sich heranziehen. Doch sie schloss sich bereits. Ein Hauch von Enttäuschung flackerte in seinem Blick, kaum mehr als ein Schatten unter der Zärtlichkeit.

Sziedeyna steckte den Dolch weg, schob die Phiole zu Thorian hinüber und schaute ihn erwartungsvoll an.

"Du musst es schnell trinken."

Thorian nahm die Phiole. Einen Augenblick betrachtete er das dunkle Rot durch das Glas, als könne darin schon eine Antwort schwimmen.

Dann trank er.

Sein linkes Augenlid zuckte leicht.

Ein seltsamer Moment entstand. Nicht groß von außen. Kein Donner, kein sichtbares Aufglühen, kein fremdes Licht. Nur Thorian, der ihr Blut trank. Nur Sziedeyna, die ihn ansah. Nur dieses Haus, in dem plötzlich etwas geschah, das nicht zurück in Worte wollte.

Das Blut war bitter. Aber darin lag mehr als Geschmack. Erst etwas Wohliges, dann eine Melange aus Eindrücken, noch nicht sauber zu trennen, ein inneres Aufsteigen, als hätte jemand eine Tür geöffnet, ohne zu sagen, in welchen Raum sie führte. Ein Eindruck aber wurde dominant: Liebe. Und Thorian mochte nicht ganz wissen, ob es seine Liebe war, die er spürte, oder ihre.

Es kam wie eine sanfte Brandung eines vom Sommer erwärmten Meeres.

Thorian schürzte die Lippen und nahm das letzte bisschen Blut, das an ihrer oberen Hälfte noch haftete, mit einem wohligen Geräusch auf. Ein roter Schimmer blieb für einen Moment, dann fuhr seine Zunge über die Lippe.

Langsam öffnete er die Augen wieder und suchte Sziedeynas Blick.

Sziedeyna betrachtete ihn fasziniert.

Dann suchte Thorian wieder ihre Hand, zog sie sacht zu sich und küsste sie noch einmal.

Sziedeyna gab sie ihm sofort und lächelte ihn an.

Thorian sprach mit verliebter Stimme:

"Ich spüre uns!"

Sziedeyna betrachtete ihn noch einen Moment. Ihr Lächeln intensivierte sich. Dann ließ sie sich etwas nach hinten fallen, als fiele nun etwas Selbstkontrolle von ihr ab.

"Schön", hauchte sie leise.

So verharrte sie eine Weile.

Thorian küsste ihre Hand noch einmal.

"Wollen wir uns auf die Kissen legen?", fragte Sziedeyna leise.

"Gerne!"

Thorian stand auf, ohne ihre Hand loszulassen. Sziedeyna ließ sich leicht von ihm ziehen. Hand in Hand gingen sie ins Obergeschoss, dorthin, wo die Kissen vor dem Kamin lagen.

Er ließ ihr den besten Platz, und Sziedeyna sank auf die Kissen hinab. Dann kuschelte sie sich eng an ihn, wieder wie zuvor, wie ein Kätzchen, und schloss die Augen.

Thorian legte wieder den rechten Arm um sie und küsste ihr Haar mit einem wohligen Seufzen.

Eine Weile lag Sziedeyna regungslos an ihm, mit einem verklärten Lächeln auf den Lippen.

Dann blickte Thorian auf sie hinab. Er strich ihre Haare beiseite und legte ihre linke Schulter frei.

Sziedeyna bewegte leicht den Kopf, während sie das zu genießen schien.

Thorian beugte den Kopf und deckte ihre Schulter sanft mit Küssen ein.

"Mmh", machte Sziedeyna leise.

Thorian raunte:

"Ich schmecke dich."

Sziedeyna hauchte zurück:

"Und wie schmecke ich?"

"Dein Geschmack offenbart mir das, was du bereits zugabst."

Seine Küsse wanderten Richtung ihres Halses.

Sziedeyna hielt ihm den Hals nun etwas entgegen, offensichtlich genießend.

Thorians Atem wurde schneller. Ihr Ohrläppchen wurde ebenfalls von seinen Küssen bedacht. Als wolle dieses Ohrläppchen nun die ganze Aufmerksamkeit für sich, reckte Sziedeyna den Kopf ihm entsprechend entgegen.

Thorian öffnete sacht den Mund und umschloss das dargebotene Ohrläppchen, an dem er zärtlich saugte.

In dieser Nähe nahm er ihren Duft stärker wahr als zuvor. Darin lag etwas von erstem Herbstlaub.

Sziedeyna schmiegte sich enger an ihn.

Seine Hand wanderte ihren Arm entlang, dann weiter zu ihrem Hals, schließlich zu ihrem Kopf, um ihr Gesicht dem seinen zuzuwenden. Die Küsse wanderten über Hals und Wange zu ihrem Mund. Sziedeyna öffnete leicht die Augen und schaute fast schläfrig in seine, während ihre Lippen sich langsam zu einem Kuss formten.

Ihre Lippen trafen sich. Ihre Zungenspitzen begegneten sich ebenfalls.

Sziedeyna saugte leicht an seiner Zungenspitze, wenn sie sich etwas zu weit hervorwagte. Dabei schloss sie die Augen.

Dann nahm Thorian ein kurzes Knacken in ihrem Schädel wahr.

Sziedeyna öffnete die Augen schlagartig und sah ihn erschrocken an. In ihrem halb geöffneten Mund waren die ausgefahrenen Vampirzähne zu erkennen.

Thorian zog die Zunge spielerisch zurück, ließ sie dann doch wieder einfangen, zog aber abrupt den Kopf zurück.

"Ups!", sagte Sziedeyna.

"Das war... so nicht geplant."

Thorian verwindete den Moment nur kurz und näherte sich wieder.

Sziedeyna schluckte einmal.

"Wenn du möchtest", hauchte er ihr entgegen, "nimm nun auch von meinem Blut."

"Aber..."

Ihre Stimme wurde leise.

"Ich weiß nicht, ob..."

Sie schaute ihn unsicher an.

"Du spürst doch, was mit mir passiert. Oder liege ich falsch? Das Band!?"

Er versuchte, sie zu beschwichtigen.

Ihr Blick wurde plötzlich ernster. Einen Moment verharrte sie regungslos, als wüsste sie nicht ganz, was sie tun sollte.

Thorian deutete ihren Blick und schien seinerseits eine Entscheidung zu fassen. Er drehte den Kopf leicht nach links hinten und gab seinen Hals preis.

"Oh."

Sziedeynas Blick ging sofort zu seinem Hals.

"Du wirst es spüren, wie weit du gehen kannst", hauchte er überzeugt.

"Du meinst, das Band... Hm."

Dann sprach sie plötzlich fester.

"Gut."

Ihr Blick verengte sich und fokussierte sich auf seinen Hals, als gäbe es nur noch diesen einen Ort.

Thorian hatte die Augen geschlossen, fest überzeugt davon, die Situation richtig einzuschätzen.

Sziedeyna schluckte noch einmal, bevor sie sich seinem Hals fast unmerklich langsam näherte. Eine Ewigkeit konnte darin liegen. Dann spürte er ihren kalten Atem, von Aufregung unruhig.

Sein eigener Atem ging keinesfalls langsam.

Kurz darauf kehrte sich das Tempo ins Gegenteil.

Mit einem Ruck fuhr Schmerz in Thorians Hals, direkt an seiner Schlagader. Doch dieser Schmerz hatte zugleich etwas Betäubendes, und etwas Angenehmes mischte sich hinein. Anders als beim Biss in den Arm zuvor.

Thorian versuchte, sich Sziedeyna in Gedanken vorzustellen, als wolle er ihren Geist zwischen den Ebenen erfassen und Kontakt aufnehmen. Körperlich zuckte er innerlich zusammen ob des rabiaten Vorgehens und des Schmerzes.

Dann war da etwas.

Etwas zwischen ihnen, das sie vorher so nicht gespürt hatten. Eine tiefe Verbindung, jenseits von dieser Welt. Das Gefühl der Liebe intensivierte sich, nicht klar trennbar zwischen ihrer und seiner, während Sziedeyna eher sanft an seinem Hals saugte, ganz ohne Gier.

Thorian gab sich körperlich hin und tastete zugleich auf jener Bewusstseinsebene, auf die ihn seine Vorstellungskraft führte. Dann schien er das Band wahrzunehmen. Und weil sein Körper nicht rebellierte, fühlte Sziedeyna Hingabe, die ihr entgegengebracht wurde.

Sie kletterte etwas an ihm empor, während ihr Mund an seinem Hals verweilte. Sie umschloss ihn mit ihren Armen, griff mit der Hand durch sein Haar an seinen Hinterkopf.

Thorians rechte Hand blieb in ihrem Nacken. Griffbereit. Aber statt zu greifen, kraulte er sie. Drückte sie sogar heran.

Ein neues Gefühl mischte sich in ihre Verbindung.

Tiefe Zufriedenheit.

Sein linker Arm legte sich um ihren Rücken, wo seine Hand auf und ab strich.

Doch nach vielen Augenblicken stöhnte Thorian auf. Nicht aus Lust, sondern als leise Bitte.

Langsam ebbten die sacht und rhythmisch saugenden Bewegungen ihrer Lippen ab. Sziedeyna beendete den Vorgang mit einem sanften Kuss auf die Stelle, in der zuvor noch spitze Zähne verweilt hatten.

Und wie durch ein Wunder schlossen sich Thorians Wunden nach kurzer Zeit von selbst. Kein Schmerz blieb. Die bittere Süße war verflogen.

Ein Schauder durchfuhr ihn, als Sziedeyna abließ. Doch sein Blick ließ vermuten, dass es ein wohliger war.

Sziedeyna betrachtete seinen Hals.

"Oh... interessant."

Sie fuhr ihm mit den Fingern der linken Hand einmal über die Stelle. Dann suchte sie sein Gesicht mit ihrem Blick.

"Es bleibt kein Schmerz bestehen", flüsterte Thorian.

"Die Wunde ist schon verheilt. Mein Blut."

Thorian blickte verwundert.

"Das muss es sein, was Ancanagar erwähnte."

Sziedeyna nickte ihm leicht zu.

"Das... ist..."

Sie schüttelte den Kopf vor Verblüffung.

"Und es war ganz leicht, wieder aufzuhören."

Thorian sprach überzeugt, getragen von innigster Zuneigung.

"Ich bereue nicht, dieses Wagnis eingegangen zu sein. Nein, wenn es sich nun immer so verhält, war es die richtige Entscheidung."

Sziedeyna nickte ihm mehrfach schnell hintereinander zu. Das Erlebte schien noch sehr in ihr nachzuhallen.

"So kann es gerne immer bleiben", raunte Thorian ihr zu.

Sie nickte sacht.

"Ja, kann es."

Daraufhin schloss Thorian sie wieder fest in eine Umarmung und seufzte selig.

Sziedeyna wurde wieder zu jenem zufriedenen Kätzchen, das sich zärtlich an ihn schmiegte.

In dieser Umarmung blieben sie eine ganze Weile. Lange genug, dass der Abend aufhörte, eine Abfolge von Ereignissen zu sein. Lange genug, dass das Haus wieder nur aus Wärme, Kissen, Nähe und diesem neuen inneren Faden bestand.

Dann sank Thorian nach hinten und wurde von der Harmonie gepackt, aber vor allem von der Müdigkeit.

So lagen sie noch weitere Stunden da, bis irgendwo aus der Ferne ein Hahn den Morgen willkommen hieß.

Thorian erwachte.

Behutsam kroch er unter Sziedeyna hervor, um sie den Kissen alleine anzuvertrauen.

Sziedeyna ließ sich wie eine Decke auf den Kissen ablegen, ohne sich zu rühren.

Mit einem letzten verliebten Blick begab Thorian sich nach unten und verließ das unscheinbare Haus.

Für heute.

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