Seit gefühlten Stunden schon wanderte E‘lessar zwischen den Regalen umher. Die anfängliche Sorgfalt seiner Suche war längst einer müden Beharrlichkeit gewichen. Er hatte Chroniken geöffnet, deren Einbände bei der leisesten Berührung ächzten, Verzeichnisse entziffert, die selbst ihre Schreiber vergessen zu haben schienen, und die schmalen Randbemerkungen längst verstorbener Paladine Wort für Wort verfolgt. Doch Kaltivels Name blieb ein Schatten ohne Leib. Kein Siegel, keine Lehre, nicht einmal ein Irrtum, an dem sich eine Spur hätte festmachen lassen. E‘lessar schloss die Augen und stützte die Fingerspitzen gegen die Kante eines Lesepults. Hinter seiner Stirn pochte dumpfe Erschöpfung. Zu lange hatte er versucht, die menschliche Ordnung gegen sich selbst zu wenden, hatte Register, Jahreszahlen und sorgsam gezogene Querverweise befragt. Für einen Augenblick gestattete er sich die bittere Gewissheit, vergebens gekommen zu sein. Da regte sich etwas am Rand seiner Wahrnehmung. Aufmerksam hob er den Kopf. Seine Müdigkeit fiel nicht von ihm ab, aber sie verlor jede Bedeutung. Er ging zunächst langsam, eine Hand dicht über den Buchrücken, ohne sie zu berühren. Der kalte blinde Punkt entzog sich ihm, sobald er ihn festhalten wollte, und tauchte wenige Schritte weiter erneut auf. Er wechselte den Gang, dann noch einmal. Seine Bewegungen wurden schneller. Pergament raschelte unter hastig gewendeten Seiten, Staub stob von Einbänden, als er Bücher hervorzog, prüfte und achtloser zurückschob, als es sich an einem solchen Ort gehörte. „Twel nha’ia.“, flüsterte er, ohne zu wissen, ob er zu dem gesuchten Werk, zu Kaltivels verbliebener Spur oder zu seinem eigenen versagenden Gespür sprach. Dann traf ihn der Geruch: feuchtes Papier, Moder und darunter die dünne, metallische Kälte, die er aus der Krypta kannte. Er fuhr herum. In der hintersten Ecke, beinahe vom Schatten des Regals verschluckt, stand ein einzelner Band. Die Schrift auf seinem Rücken war kaum mehr als eine Narbe im Leder. Helle Sporen schwebten davor und trieben in der unbewegten Luft, doch um sie lag eine Starre, als zögere selbst das Licht, sie zu berühren. Langsam hob er beide Hände. Zwischen seinen Fingern sammelte sich kein Feuer und kein sichtbarer Glanz, sondern ein leises Schimmern, blass wie Mondlicht unter Wasser. E‘lessar zog den Atem tief ein und formte Manafunken zu Fäden, wand Fäden zu Knoten. Die Magie spannte sich wie eine hauchdünne Schicht aus Licht um seinen Körper, wurde zu einem fast unsichtbaren silbernen Siegel. Er trat näher. Die Sporen wichen dem Schutz nicht aus; sie sanken dagegen, blieben für einen Moment am unsichtbaren Rand hängen und vergingen dort zu grauem Staub. Er beobachtete jede einzelne. Erst als keine Bewegung im Schatten, kein Flüstern zwischen den Seiten und kein fremder Zug an seiner Seele folgte, streckte er die Hand aus. Nur mit den Spitzen von Daumen und Zeigefinger berührte er den Buchrücken - in der sicheren Erwartung, das etwas auf der anderen Seite des Einbandes auch ihn berühren würde „Twel nha’ia.“ | Zeig dich. Beiträge in diesem Thread
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