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Ich werde Reisemagier! - Farendor

Nonair

Farendor

Yew war genau so, wie Irwin es beschrieben hatte. Wald. Sehr viel Wald. Bäume, wohin man auch sah, und dazwischen schmale Pfade, die sich durch das Grün schlängelten. Nach den geschäftigen Straßen von Trinsic und selbst nach dem kleinen Marktplatz von Minnersbach wirkte dieser Ort fast unheimlich ruhig. Selbst der Wind schien hier leiser zu sein. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich den Reisemagier fand, den Irwin gemeint hatte. Am Ende war es dann doch einfacher als gedacht. Auf einer kleinen Lichtung stand ein älterer Lichtelf, der gerade zwei Reisende verabschiedete. Kaum hatten sie das Portal verlassen, wandte er sich mir zu und musterte mich mit einem Blick, der so kühl war, dass ich mich für einen Moment fragte, ob ich etwas falsch gemacht hatte. „Du bist nicht von hier“, stellte er fest.

Ich stellte mich vor und erwähnte Irwin. Als ich seinen Namen nannte, verzog der Elf kurz das Gesicht. „Natürlich schickt er dich“, murmelte er, als hätte er nichts anderes erwartet. „Irwin schickt immer die Interessanten.“ Er stellte sich schließlich als Farendor vor. Farendor war älter als die anderen Reisemagier, die ich bisher getroffen hatte. Sein Haar war silbern, seine Haltung aufrecht und jede Bewegung wirkte ruhig und kontrolliert – so, als würde er den Nimbus nicht nur benutzen, sondern verstehen. Gleichzeitig lag in seiner Stimme etwas Scharfes, das mich sofort daran erinnerte, dass ich bei den Elfen nie wirklich dazugehört hatte. Sein Blick blieb einen Moment länger auf meinen Ohren liegen, als nötig gewesen wäre. „Ein Halbelf also“, sagte er schließlich. „Das erklärt einiges.“ Ich wusste nicht genau, was er damit meinte, aber der Tonfall ließ wenig Raum für Missverständnisse.

Farendor stellte mir keine freundlichen Fragen wie Nikki oder Tivona. Stattdessen zeigte er einfach auf zwei Punkte der Lichtung. Einen alten Stein und einen umgestürzten Baumstamm. „Spring.“ Ich tat, was man mir sagte. Der Sprung gelang ohne Probleme. Der Nimbus öffnete sich, vertraut und ruhig, und einen Augenblick später stand ich neben dem Stein. Farendor nickte kaum sichtbar. „Noch einmal.“ Wir wiederholten das Ganze mehrere Male. Der Baumstamm. Der Stein. Dann ein dritter Punkt weiter hinten zwischen zwei Bäumen. Irgendwann verschränkte Farendor die Arme und sah mich eine Weile schweigend an. „Du hast Talent“, sagte er schließlich. „Erstaunlich sogar.“ Ich wollte mich gerade bedanken, als er fortfuhr. „Für einen Halbelfen.“ Da war es wieder. Ich hatte schon oft unter Menschen gehört, dass ich zu elfisch sei. Bei den Elfen dagegen war ich immer zu menschlich gewesen. Farendor bestätigte dieses Gefühl mit jeder Silbe. „Elfen wachsen mit dem Nimbus auf“, erklärte er. „Für uns ist er… vertraut. Ein Teil der Welt. Menschen müssen ihn erst lernen.“ Sein Blick ruhte wieder auf mir. Ich wusste nicht, ob das eine Beleidigung oder eine nüchterne Feststellung sein sollte.

Dann begann der eigentliche Unterricht. Farendor ließ mich durch den Wald springen. Nicht nur zwischen festen Punkten, sondern zu Orten, die ich mir merken musste. Eine Wurzel. Ein flacher Stein. Eine Lücke zwischen zwei alten Eichen. Jedes Mal erwartete er, dass ich mich an den Ort erinnerte, ohne lange zu suchen. „Der Nimbus reagiert auf Klarheit“, sagte er einmal, als ich ein Stück neben dem Ziel landete. „Wenn dein Bild unscharf ist, wird auch dein Ziel unscharf.“ Wir übten lange. Sehr lange. Anders als Irwin war Farendor nicht laut oder grob. Aber seine Kommentare waren selten freundlich. „Zu zögerlich.“ „Unpräzise.“ „Typisch menschliche Ungeduld.“

Irgendwann blieb ich wieder neben dem umgestürzten Baumstamm stehen und versuchte, meinen Atem zu beruhigen. Farendor beobachtete mich dabei mit verschränkten Armen. „Du bist merkwürdig“, sagte er schließlich. Das war nicht die Art von Kommentar, die ich erwartet hatte. „Die meisten Halbelfen meiden die elfischen Haine“, fuhr er fort. „Sie fühlen sich dort… fehl am Platz.“ Ich musste kurz lachen. „Das tun sie auch.“ Farendor nickte langsam, als hätte ich etwas Offensichtliches bestätigt. „Und trotzdem kommst du hierher, um von einem hohen Lichtelfen zu lernen.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich will Reisemagier werden.“ Einen Moment lang schwieg Farendor und sah zum Himmel hinauf, wo das Licht zwischen den Blättern der Bäume hindurchfiel. Dann sah er wieder zu mir. „Spring noch einmal.“

Einige Tage blieb ich in Yew und übte unter Farendors Blick. Der Wald wurde mir langsam vertraut. Ich kannte inzwischen den alten Stein, die Wurzel zwischen den beiden Eichen, den umgestürzten Stamm und sogar eine kleine Lichtung weiter hinten, die man vom Pfad aus kaum sah. Farendor änderte die Punkte ständig, als wollte er verhindern, dass ich mir nur feste Wege einprägte. „Der Nimbus ist kein Pfad“, sagte er einmal trocken, als ich zu zögerlich war. Anfangs kommentierte Farendor jeden Fehler. Später schwieg er meistens und beobachtete nur noch.

Eines Abends deutete Farendor auf mehrere Punkte hintereinander. „Dort. Dann dort. Und danach zurück zu mir.“ Drei Sprünge ohne Pause. Irwins Training fiel mir wieder ein. Ich konzentrierte mich auf die Orte, nicht auf die Entfernung. Der Nimbus öffnete sich, zog mich hindurch und spuckte mich wieder aus. Stein. Dann die Lichtung. Dann zurück. Als ich neben Farendor landete, schwankte ich kurz, fing mich aber wieder. Farendor sah mich lange an. „Noch einmal“, sagte er nur. Beim zweiten Durchgang fühlte es sich leichter an. Beim dritten fast selbstverständlich. Als ich zurückkam, nickte Farendor langsam. „Du lernst.“ Er schwieg eine Weile, dann griff er in seine Robe und zog eine kleine Rune hervor. Sie war hell, fast silbern, und deutlich sauberer gearbeitet als Irwins. „Nimm.“ Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen. „Deine Rune?“ Farendor reichte sie mir, als wäre es nichts Besonderes. „Wenn du sie benutzen kannst, ohne im Wipfel eines Baumes zu landen, hast du verstanden, was ich dir zeigen konnte.“ Ich drehte die Rune vorsichtig in der Hand. Vier hatte ich nun. Nikki. Tivona. Irwin. Farendor. „Bilde dir nichts darauf ein“, fügte Farendor hinzu, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Talent ersetzt keine Erfahrung. Und Halbelfen neigen dazu, sich zu früh sicher zu fühlen.“

Dann verschränkte er die Arme und sah mich wieder prüfend an. „Du gehst jetzt weiter nach Düsterhafen.“ Der Name jagte mir einen Schauer über den Rücken. „Dort arbeitet ein Reisemagier namens Thane. Er wird sehen wollen, ob du mit Menschen umgehen kannst.“ Ich nickte, doch Farendor hob eine Augenbraue. „Du wirst dort nicht so auftreten wie hier...“ Und ich vollendete den Satz „...weil Düsterhafen Elfen hasst. Dort werden Elfen gejagt.“ Ich stuppste an mein Ohr. „Und ich bin nah genug dran, um Probleme zu bekommen.“ Farendor nickte bloß. Er wandte sich bereits wieder zum Wald, als wäre alles gesagt. „Finde Thane. Zeig ihm deine Sprünge. Wenn er dich nicht hinauswirft, hast du vielleicht eine Chance bei Flindo.“ Ich steckte Farendors Rune zu den anderen. Dann zog ich die Kapuze meines Mantels ein Stück tiefer ins Gesicht und band probeweise ein Tuch um meine Ohren. Farendor beobachtete das kurz und nickte knapp. „So wirst du wenigstens nicht sofort erkannt.“ Das klang bei ihm fast wie ein Lob.

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