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Ich werde Reisemagier! - Thane

Nonair

Thane

Düsterhafen roch nach Salz, Teer und Misstrauen. Schon als ich aus dem Nimbus trat, spürte ich, dass dieser Ort anders war als die Städte zuvor. Die Häuser standen enger beieinander, die Straßen waren dunkler und überall sah man Männer mit Waffen. Einige patrouillierten offen, andere lehnten scheinbar gelangweilt an Mauern und beobachteten die Passanten. Ich zog meine Kapuze tiefer ins Gesicht und prüfte noch einmal das Bandana, das meine Ohren verbarg.

Den Reisemagier zu finden war trotzdem nicht schwer. Wer durch Düsterhafen reisen wollte, brauchte jemanden, der ihn schnell wieder hinausbrachte. Auf einem kleinen Platz nahe der Hafenmauer stand ein Mann und unterhielt sich mit zwei Seeleuten. Vor ihm flackerte kurz ein Portal auf, das die Männer ohne zu zögern durchschritten. Als das Leuchten wieder verschwand, sah der Magier direkt zu mir herüber. „Du suchst mich“, sagte er. Ich trat näher und stellte mich vor. „Nonair. Ich komme von Farendor.“ Kaum hatte ich den Namen ausgesprochen, veränderte sich sein Blick ein wenig. Er musterte mich genauer. Einen Moment zu genau. Dann seufzte er leise. „Nimm die Kapuze ab.“ Ich zögerte kurz, tat es dann aber. Das Bandana blieb noch über meinen Ohren. Thane verschränkte die Arme und schüttelte den Kopf. „Das Tuch kannst du dir sparen“, sagte er trocken. „Ich sehe trotzdem, was du bist.“ Ich ließ das Bandana langsam sinken. „Ein Halbelf“, stellte er fest. Seine Stimme klang nicht überrascht, eher müde. „Mutig von dir, hier herumzulaufen.“ „Farendor hat mich geschickt“, sagte ich noch mal und zog vorsichtig die Runen hervor. „Und die anderen.“ Thane nahm sie nacheinander in die Hand. Zuerst Nikkis, dann Tivonas, dann Irwins und schließlich Farendors. Bei der letzten hob er kurz eine Augenbraue. „Interessant.“ Er gab mir die Runen zurück und sah sich kurz auf dem Platz um, wo zwei bewaffnete Männer am Rand der Straße standen und das Treiben beobachteten. Dann sah er wieder zu mir. „Wenn ich jetzt laut rufe, dass hier ein Elf steht, bist du in weniger als einer Minute tot.“ Ich nickte langsam. Thane zuckte mit den Schultern. „Aber Farendor verschwendet seine Zeit nicht mit Idioten. Also nehme ich an, du kannst springen.“ „Das kann ich.“ Er deutete auf den freien Platz neben der Kiste. „Zeig.“ Ich machte einen kurzen Sprung zum Rand des Platzes und wieder zurück. Der Nimbus öffnete sich sauber und vertraut. Als ich wieder vor ihm stand, kratzte sich Thane am Kinn. „Gut genug“, brummte er. „Dann lernen wir jetzt den Teil, bei dem Leute anfangen zu schreien.“

Er hob einen kleinen Stein vom Boden auf und warf ihn mir zu. „Selbst springen ist einfach“, sagte er. „Ein Loch in den Nimbus zu reißen, durch das andere gehen können, ist etwas anderes.“ Er deutete auf einen freien Bereich neben der Hafenmauer. „Du schickst nicht dich selbst. Du schickst den Stein.“ Ich konzentrierte mich auf den Ort, so wie ich es gelernt hatte. Doch statt mich selbst zu ziehen, versuchte ich den Nimbus nun zu öffnen. Ein Tor und kein Sprung, doch nichts passierte. „Zu vorsichtig“, sagte Thane. Beim nächsten Versuch flackerte ein schwaches, verzerrtes Leuchten in der Luft auf und verschwand sofort wieder. Der Stein fiel einfach zu Boden. „Besser“, sagte Thane. „Immer noch nutzlos, aber besser.“

Wir versuchten es wieder und wieder. Irgendwann öffnete sich tatsächlich ein kleines Portal, instabil wie eine Kerzenflamme im Wind. Ich warf den Stein hindurch. Er verschwand und tauchte auf der anderen Seite wieder auf – allerdings ein gutes Stück neben dem Ziel und in zwei Teile zerteilt. Thane nickte langsam. „Das war ein Portal, aber es war nicht gesund für deinen Kunden.“ Beim nächsten Versuch brach das Portal sofort zusammen und der Apfel, den Thane mir gegeben hatte, prallte gegen die Luft und fiel mir wieder vor die Füße. „Wenn da ein Mensch gestanden hätte“, sagte Thane trocken, „hätte er jetzt ein Problem.“ Wir wechselten die Gegenstände. Steine. Ein Stück Holz. Einen alten Becher. Manchmal funktionierte das Portal kurz, manchmal gar nicht. Einmal öffnete es sich an der richtigen Stelle und spuckte den Gegenstand ein paar Meter über dem Boden wieder aus, sodass er krachend auf dem Pflaster landete. „Darum werfen wir erstmal nur Dinge hindurch“, erklärte Thane ruhig. „Nicht Menschen.“

Nach vielen Versuchen gelang es mir schließlich, ein stabiles Portal zu halten, dass groß genug für eine Person war, aber es sorgte immer dafür, dass mit der Schweiß auf der Stirn stand. Thane sah sich das an und nickte. „Jetzt verstehst du den Unterschied“, sagte er. „Springen ist Bewegung. Portale sind Verantwortung.“ Ich ließ das Portal verschwinden und er sah mich noch einmal prüfend an. „Du bist immer noch ein Halbelf“, fügte er hinzu. „Und dieser Ort wird dich trotzdem umbringen, wenn du unvorsichtig bist.“ Dann griff er in seine Tasche und zog eine Rune hervor. „Aber du lernst schnell.“ Er drückte sie mir in die Hand. Ich steckte sie vorsichtig zu den anderen. Fünf Runen. Draußen vom Hafen hörte man die Rufe der Seeleute und irgendwo in der Stadt marschierte eine Patrouille vorbei. „Üb weiter“, sagte Thane. „Und behalt die Kapuze auf.“

Ich wartete darauf, dass er mir den nächsten Lehrer nannte, so wie die anderen es getan hatten. Doch Thane verschränkte nur die Arme und sah hinaus zum Hafen. „Du suchst dir den nächsten selbst“, sagte er schließlich. Ich blinzelte überrascht. „Selbst?“ „Ja“, antwortete er trocken. „Du hast jetzt genug Runen, um nicht mehr wie ein Anfänger auszusehen. Geh in irgendeine Stadt und sprich mit dem Reisemagier. Zeig ihm, was du kannst.“ Er sah mich kurz an und zuckte mit den Schultern. „Wenn sie dich unterrichten wollen, tun sie es. Wenn nicht, gehst du weiter.“

Ich dachte kurz an Nikki, an Tivona, an Irwin und an Farendor. Jeder von ihnen hatte mich weitergeschickt. Zum ersten Mal endete der Weg nicht mit einer neuen Aufgabe und einem Ziel. Thane bemerkte meinen Blick und grinste schief. „Du wolltest Reisemagier werden“, sagte er. „Dann benimm dich auch wie einer und reise. Ein bisschen erwachsen musst du inzwischen wohl sein.“ Ich zog meine Kapuze wieder tiefer ins Gesicht, während draußen auf dem Hafenplatz erneut eine Patrouille vorbeizog. Thane deutete nur kurz zur Straße. „Und jetzt verschwinde besser wieder aus Düsterhafen“, sagte er. „Bevor jemand merkt, dass hier ein Halbelf herumläuft.“

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