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Ich werde Reisemagier! - Amed

Nonair

Amed

Nach Düsterhafen wirkte Britain fast wie eine andere Welt. Die Straßen wurden breiter, die Häuser sauberer und die Menschen wirkten weniger misstrauisch als in den dunklen Gassen Düsterhafens. Schon von weitem sah ich die Mauern der Stadt, doch noch bevor ich das Tor erreichte, fiel mir das große Theater auf, das unmittelbar vor Britain stand. Ein prachtvoller Bau aus hellem Stein, vor dessen breiten Treppen sich stets eine kleine Menge gut gekleideter Menschen sammelte. Kutschen hielten davor, Diener halfen ihren Herren aussteigen und überall hörte man Gesprächsfetzen über Aufführungen, Musik und die Gesellschaft der Stadt. Genau dort fand ich Amed.

Er stand ein paar Schritte vor den Treppen des Theaters und unterhielt sich mit einem Paar, das aussah, als käme es direkt aus einer Adelsgeschichte. Vor ihm öffnete sich ein ruhiges, sauberes Portal, durch das die beiden ohne zu zögern schritten. Als das Leuchten wieder verschwand, drehte sich Amed zu mir um, als hätte er schon gewusst, dass ich dort stand. „Du bist neu“, sagte er und musterte mich von oben bis unten. Seine Stimme klang ruhig und höflich, aber sein Blick war aufmerksam. Ich stellte mich vor und zog die Runen hervor. Nikki. Tivona. Irwin. Farendor. Thane. Amed nahm sie nacheinander in die Hand, betrachtete jede kurz und nickte schließlich langsam. „Eine interessante Reise“, sagte er. „Du hast dir deine Lehrer nicht gerade nach Bequemlichkeit ausgesucht.“

Sein Blick blieb schließlich an meiner Kleidung hängen. Die Kapuze, der schlichte Mantel, das Bandana um den Hals. Amed seufzte leise. „Wenn du hier arbeiten willst, musst du zuerst etwas verstehen“, sagte er und deutete mit einer kleinen Bewegung auf die Menschen, die vor dem Theater standen und auf den Einlass warteten. „Die meisten meiner Kunden zahlen nicht für die Magie.“ Ich runzelte die Stirn. „Wofür dann?“ Amed lächelte leicht. „Für das Gefühl, wichtig zu sein.“ Er strich über seine eigene Robe, die deutlich feiner war als alles, was ich bisher bei Reisemagiern gesehen hatte. Dunkler Stoff, saubere Stickereien und ein Schnitt, der fast schon mehr nach Hofmagier als nach Reisemagier aussah. „Ein Reisemagier ist nicht nur ein Tor durch den Nimbus“, erklärte er. „Er ist auch ein Teil der Bühne.“

In den nächsten Tagen ließ Amed mich zuerst beobachten. Stundenlang stand ich neben ihm vor dem Theater und sah zu, wie er mit seinen Kunden sprach. Er begrüßte sie höflich, hörte sich ihre Wünsche an und ließ sie durch Portale reisen, die so ruhig und präzise wirkten, als gehörten sie einfach zur Luft über dem Platz. Dabei sprach er ständig weiter. Über das Wetter, über die Aufführung im Theater, über die Reise nach Britain oder zu anderen Städten. Manchmal machte er sogar eine kleine Verbeugung, wenn besonders vornehme Gäste durch sein Portal traten. „Magie beeindruckt Menschen nur kurz“, erklärte er mir später. „Der Rest ist Auftreten.“

Er ließ mich auch selbst Portale öffnen, allerdings nicht sofort für Menschen. Zuerst schickten wir kleine Gegenstände hindurch, so wie ich es bei Thane gelernt hatte. Ein Apfel. Ein Becher. Ein zusammengefaltetes Tuch. Amed beobachtete dabei weniger das Portal als mich. „Gerader stehen“, sagte er einmal. „Du wirkst, als würdest du dich entschuldigen.“ Beim nächsten Versuch nickte er. „Besser. Wenn du ein Portal öffnest, erwarten die Leute, dass du weißt, was du tust.“ Ein anderes Mal unterbrach er mich, bevor ich das Portal überhaupt öffnete. „Und deine Kleidung“, fügte er hinzu. „Ein Reisemagier trägt keine Reisejacke wie ein wandernder Händler. Wenn Menschen dir ihr Leben anvertrauen, wollen sie jemanden sehen, der aussieht, als hätte er sein Leben im Griff.“ Also zeigte er mir, wie seine Roben geschnitten waren. Weite Ärmel, damit die Bewegungen der Magie sichtbar blieben. Saubere Farben, keine grellen Muster. Stoffe, die gut fielen und selbst im Wind ordentlich aussahen. „Du musst nicht wie ein Adliger aussehen“, sagte er. „Aber du musst aussehen, als würdest du hier hingehören.“

Nach einigen Tagen ließ er mich schließlich ein Portal öffnen, während er daneben stand und mit einem Kunden sprach. Es war nur ein kurzer Weg durch das Stadttor von Britain, doch der Mann trat ohne zu zögern hindurch. Als er auf der anderen Seite ankam und zufrieden nickte, fühlte sich das seltsamer an als alle Steine und Becher zuvor. Amed beobachtete das ruhig und wartete, bis der Kunde außer Hörweite war. Dann nickte er mir zu. „Siehst du“, sagte er. „Die Magie war wichtig. Aber noch wichtiger war, dass dir dein Kunde vertraut.“

Am Abend, als der Platz vor dem Theater langsam leerer wurde und die letzten Besucher die Treppen hinaufgingen, griff Amed schließlich in seine Robe und zog eine Rune hervor. Sie war fein gearbeitet, fast elegant, und fühlte sich überraschend leicht in der Hand an. „Du hast gelernt, was ich dir zeigen kann“, sagte er und reichte sie mir. Ich steckte sie zu den anderen. Sechs Runen inzwischen. Amed lächelte leicht, als er meinen Blick bemerkte. „Gar nicht schlecht für jemanden, der mit einer Kapuze aus Düsterhafen gekommen ist.“ Dann deutete er über den Platz hinweg auf die Straßen vor dem Stadttor von Britain. „Es gibt noch viele Reisemagier in dieser Welt. Einige sind besser als ich, andere deutlich schlechter.“ Er zuckte mit den Schultern. „Such dir einen aus. Und lern weiter.“

Ich sah noch einmal zum Theater hinauf, wo die letzten Besucher des Abends die Treppen hinaufgingen, und spürte die Rune in meiner Tasche neben den anderen. Langsam begann ich zu verstehen, dass jede von ihnen ein kleines Stück des Weges war, den ich noch vor mir hatte.

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