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Die Last der Dellen

Chad Jipitie

Ich streife die Rüstung ab und lege sie auf den hölzernen Tisch in meiner Kammer. Das Kerzenlicht tanzt über das verbeulte Metall, wirft Schatten in die Kratzer und Kerben, die sich wie eine Landkarte meines Lebens über die Platten ziehen. Jede Delle erzählt eine Geschichte. Diese hier — ein Schwerthieb bei Valenmoor, der mich beinahe aus dem Sattel gerissen hätte. Jene tiefe Schramme an der Schulter — das Werk eines Speers, dessen Spitze nur um Haaresbreite am Fleisch vorbeigeglitten ist.

Ich fahre mit dem Daumen über die gebrochene Schnalle am Brustpanzer. Sie hält noch, notdürftig zusammengebogen mit Werkzeug, das eigentlich für gröbere Arbeit gedacht war. Und die linke Beinschiene — die klemmt seit dem Gefecht am Fluss Dorn, seit ein Streitkolben sie zur Seite gebogen hat wie nasses Holz. Ich habe sie zurechtgehämmert, so gut es ging, aber sie sitzt schief. Im falschen Moment könnte sie mich stolpern lassen.

Ich muss ehrlich mit mir sein, auch wenn es mir schwerfällt.

Diese Rüstung hat mir das Leben gerettet. Mehr als einmal. Ich erinnere mich an die Nacht vor Thornwall, als ein Pfeil gegen die Brust prallte und ich nur den dumpfen Aufprall spürte statt den Stich ins Herz. Ich erinnere mich an den Riesen im Sumpf von Grauental, dessen Faust mich traf wie ein fallender Baum — ohne die Rüstung hätten sie meine Knochen einsammeln müssen statt mich. Sie ist ein alter Kamerad, dieses Eisen. Ein treuer, schweigender Kamerad.

Aber ein Kamerad, der am Ende seiner Kräfte ist.

Der Brustpanzer hat einen Haarriss, den ich mit Pech verschmiert habe — das ist kein Handwerk mehr, das ist Hoffnung. Die Kettenhemdteile unter den Platten sind so oft geflickt worden, dass ich kaum noch sagen kann, welche Ringe original sind und welche ich irgendwann von einem gefallenen Feind genommen habe. Das Metall ist spröde geworden an den Stellen, wo es zu oft gebogen, zu oft erhitzt, zu oft im Regen gelegen hat. Es würde vielleicht noch eine weitere Schlacht überstehen. Vielleicht.

Aber ich will nicht mit "vielleicht" in den Kampf ziehen.

Ich bin kein junger Heißsporn mehr, der mit Glück und Kühnheit ersetzt, was ihm an Erfahrung fehlt. Ich bin ein Mann, der gelernt hat, dass gute Ausrüstung kein Luxus ist — sie ist Vernunft. Sie ist der Unterschied zwischen einem Krieger, der nach Hause kommt, und einem, über den man am Lagerfeuer traurige Lieder singt. Und wenn ich das nächste Mal einem Feind gegenüberstehe, will ich nicht im Hinterkopf haben, dass mein Brustpanzer reißen könnte. Ich will kämpfen, nicht beten.

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