Wie immer saß Baldric nach einem langen anstrengendem Tag in der Taverne in Minoc. Seine Kleidung klebte wie eine zweite Haut an ihm durchtränkt von Dreck und Schweiß. Doch das kümmerte ihn nicht. Ein Blick in die Runde genügte, um zu sehen, dass es allen Anwesenden ähnlich ging. Hier drinnen sah niemand aus wie ein frischer Frühlingsmorgen und nichts eignete sich besser, um eine trockene Kehle zu befeuchten und die Last des Tages abzuschütteln, als ein kräftiges Ale. Wenn dann noch ein gutes Essen und die vertraute Gesellschaft hinzukamen, konnte ein Abend kaum besser verlaufen. Doch heute schien die Stimmung eine andere zu sein. Wie immer hatten sich zahlreiche Handwerker in der Taverne eingefunden: Männer mit müden Augen, aber stolz auf ihre Tagewerk. Doch die Stimmen waren lauter als sonst. Eine unterschwellige Spannung lag in der Luft. Baldric, der sein Ale genoss, bemerkte es zunächst nicht. Erst als ein Krug durch die Luft segelte und ihn nur knapp im Gesicht verfehlte, riss es ihn aus seinen Gedanken. Wütend fuhr er hoch. Mit einem dumpfen Knall donnerte er seinen eigenen Krug auf den Tresen, sodass der Inhalt überschwappte und seine Nachbarn duschte. Der Mann fluchte, doch Baldric achtete nicht darauf. Mit funkelnden Augen ließ er seinen Blick durchdringend über die Anwesenden schweifen. „Seid ihr denn alle verrückt geworden?“, rief er und erhob seine Stimme mühelos über das Stimmengewirr. „Werden wir nicht immer wieder mit denselben Versprechen gelockt? Mehr Lohn hier, ein paar Münzen mehr dort, als wäre das alles, was zählt! Ob es nun ein schnöseliger Adeliger ist oder eine Werft, die uns anwirbt, wo liegt der Unterschied?“ „Ein Adeliger, der das Möbelstück, das wir mit unseren eigenen Händen geschaffen haben, nach einer Woche nicht einmal mehr eines Blickes würdigt? Und eine Werft?“ Er schnaubte verächtlich. „Ihr habt wohl zu viel Ale getrunken, wenn ihr glaubt, dort wäre es besser. Was erwartet euch dort? Ihr seid zusammengepfercht zwischen Fremden, weit weg von eurem Heim. Kein vertrautes Gesicht, das jeden Tag an eurer Seite schuftet. Kein Abend wie dieser, an dem wir zusammenkommen und wissen, wer neben uns sitzt.“ Seine Stimme wurde eindringlicher. „Wollt ihr das wirklich? Für ein paar zusätzliche Münzen in der Tasche? Sind wir denn nichts weiter als Werkzeuge, die man von einem Ort zum anderen schleppt? Wie ein Webstuhl, den man einfach versetzt? Nur ein Mittel zum Zweck?“ Für einen Moment herrschte Stille. Dann griff Baldric nach seinem Krug, hob ihn hoch und blickte fest in die Runde. „Auf unsere gemeinsame Arbeit und auf noch viele Abende wie diesen in guter Gesellschaft.“ Er wandte sich mit einem entschlossenen Lächeln an die Bedienung. „Eine Runde für all meine Freunde hier.“ Ein Jubel brach los, laut und ehrlich. Krüge wurden gehoben und der eine oder andere schlug Baldric kameradschaftlich auf die Schulter. Die Spannung löste sich. Baldric ließ sich wieder auf seinen Stuhl sinken. Müde rieb er sich über das Gesicht. Dann würde wohl ein Teil des Goldes von Bareti für Ale draufgehen. Beiträge in diesem Thread
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