Der andere Thorian
Sziedeyna
Ancanagar war nicht zugegen. Vermutlich spazierte sie wieder irgendwo in der Weltgeschichte umher und suchte etwas, das Sziedeyna nicht verstand. Aber so konnte sie wenigstens in Ruhe nachdenken. Was war da passiert und warum fühlte es sich so schlimm an, dass sie Reißaus nehmen musste? Fast noch schlimmer war diese Zerrissenheit. War es vielleicht viel schlimmer, geflohen zu sein und damit die Beziehung zu Thorian aufs Spiel zu setzen? Sie sehnte sich schon jetzt total nach ihm, eigentlich schon im Moment ihrer Flucht, als er sich noch unmittelbar in ihrer Nähe befand und sie einfach nur hätte bleiben müssen. Aber das konnte sie nicht. Warum? Wieder die Frage, die sich aus kreisenden Gedanken ergab: Was war überhaupt passiert? Sziedeyna versuchte den Fuß in die Tür ihres Gedankenstroms zu bekommen. Es war alles perfekt, aber dann wollte er... Sex. Er wollte Sex. Die Worte wurden laut in ihrem Kopf. "Sex" hallte förmlich nach in einer schier endlosen Hallfahne, die sich stetig zu verstärken schien. "Stopp!", rief sie innerlich. Sie atmete einmal tief durch. Die Gedanken wurden leiser. War Sex nicht normal? Hatte sie nicht früher schon Sex gehabt? Sie kramte in ihren Erinnerungen. Wenn sie ehrlich war, war ihr Sex noch nie wirklich wichtig gewesen. Es war eher etwas, das "dazu gehörte". Er konnte schön sein, weil er etwas repräsentierte. Intimität, Nähe, gemeint sein. Aber Lust? Das Wort ging ihr wieder quer. Wollust. Sie schüttelte sich. Vielleicht war es dieses Triebhafte, rein Körperliche, das sie erschaudern ließ. Es hatte etwas Tierisches. Sie musste spontan an einen aufreitenden Rüden denken, der ohne Sinn und Verstand sein Geschlechtsteil zuckend vor und zurück bewegte, selbst wenn nur ein Knie das Ziel seiner Begierde war. So wollte sie sich Thorian nicht vorstellen. Wie er da mit erigiertem Glied plötzlich den Verstand verliert. "Ich will dich jetzt!" Dieser Ausruf von ihm, der sie aus ihrer wunderbaren Trance gerissen hatte, hatte sich eingebrannt. Und dann bedeutete dieser Penis ja auch noch etwas anderes. Ein solches Organ will eindringen. In sie. Die Vorstellung löste Beklemmung in ihr aus. Sie schüttelte den Kopf und atmete erneut durch. Warum fühlte sich das so falsch für sie an? Das war doch ganz normal? Der rüdenhafte Trieb und der Empfang dieses... Dings in sich. Ding. Nein, das war kein schönes Lustzepter für Sziedeyna. Es war ein seltsames Ding. Fremdartig. Gehörte es wirklich zum Körper eines Mannes? Ja, natürlich, schoss es ihr sofort durch den Kopf. Aber irgendwie auch nicht. Aber das war nicht unbedingt der physischen Beschaffenheit geschuldet, sondern dem, mit dem seine Prallheit in der Regel einher ging, jener Blödheit, die einen Mann komplett verändern kann. Es war so schön mit Thorian gewesen. Nahezu perfekt. Und dann hatte der Elefant im Raum auf einmal laut in ihr Ohr getrötet. Was hatte sie denn erwartet? Doch, im Hinterkopf hatte sich das spätestens seit Ancanagar von "Vögeln" gesprochen hatte befunden. Aber sie hatte es verdrängt. Im Grunde naiv. Einfach so weiterzumachen. In welcher Hoffnung denn? Dass Thorian einfach nie in den Rüdenmodus wechseln würde? Was wäre er denn dann für ein Mann gewesen? Aber so ist das mit der Verdrängung. Man schaut lieber nicht näher hin und trällert lieber ein lautes inneres Liedchen. Aber so laut wie das Tröten des Elefantens konnte sie auch nicht trällern. Und dann kam es eigentlich wie es kommen musste, früher oder später. Fokus. Was war das Problem? Dass sie sich nicht vorstellen konnte, dass er ohne dieses... Bedürfnis mit ihr zusammenbleiben wollte? Das war es. Jetzt stand es nackt im Raum. Und wenn doch? Wenn seine Liebe stärker war? Aber ging das wirklich? Oder würde der Rüde doch immer wieder das Knie suchen? Was Sziedeyna wohl am meisten an diesem Gedanken störte, war, dass sie Thorian und dieses Rüdenbild nicht zusammenbringen konnte. Als wäre das eine der Thorian, den sie liebte, und das andere irgendein unheimlicher Doppelgänger, der sie weder sah noch liebte. Konnte er nicht. Aber warum? Und konnte sie nicht das "Problem" auf ihrer Seite lösen? Sich irgendwie damit arrangieren, mal ausprobieren, schauen, wie es wirklich mit ihm ist. Nein. Bei dieser Vorstellung legte sich sofort wieder dieser Riegel davor. Hier und heute kam sie nicht weiter. Sie wusste nur, was Thorian wahrscheinlich brauchte und was sie nicht wollte. Es schien ausweglos. Aber wieso ging sie so fest davon aus, dass Thorian das unbedingt brauchte? Weil alle Männer bisher so waren. Und sie fand es schon immer befremdlich. Anfangs waren sie nett, luden sie auf ein Bier ein, und ziemlich schnell stellte sich heraus, dass dieses Bier nicht wirklich kostenlos sein sollte. Irgendwann hatte sie nur noch die Augen verdreht, wenn sich mal wieder ein angetrunkener Tavernengast ungefragt breitbeinig an ihren Tisch setzte und offensichtlich in ihr nur ein Knie sah. Es fühlte sich schmutzig an. Sziedeyna war in einer rauen Welt groß geworden. Sie war keine feine Dame und hatte nie Fürsprecher gehabt. Sie musste sich durchbeißen und war dazu auch stets in der Lage gewesen, irgendwie. Vielleicht erinnerte sie Thorian zu sehr an die Männer aus diesem Leben, wenn er plötzlich den Elefanten tröten ließ. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Am Ende wusste es Sziedeyna nicht genau. Was sprach sie überhaupt an ihm an? Was unterschied ihn von diesen räudigen Rüden? Er war ja schon ein Mann, und zwar einer wie er im Buche steht. Groß gewachsen, muskulös, trainiert. Aber da war noch mehr. Da war diese Zartheit, diese Zärtlichkeit, diese Wärme, die Sziedeyna schon ganz früh bei ihm gespürt hatte. Da war etwas, das ihre Abwehrreflexe untergrub, aber nicht im hinterhältigen Sinn. Thorian strahlte etwas Grundgutes aus. Und etwas Grundgutes konnte sie wirklich gebrauchen. Sie schwamm, schon eine Weile. Eigentlich schon immer irgendwie, aber die Vampirnatur hatte die Karten völlig neu gemischt. Neue Affekte, der ständige Hunger nach Blut, die vielen Toten, die sie schon hinterlassen hatte. Sie hatte stets Angst, sich völlig zu verlieren und regelrecht zu vergessen, wer sie war. Nach jeder Blutmahlzeit kam das schlechte Gewissen und der unbedingte Wille, sich erinnern zu wollen, wer sie war. Sie zu bleiben. Aber wer war sie überhaupt? Auf diese Frage hatte sie wohl noch nie eine Antwort gehabt, aber jetzt besonders nicht. Ihr Leben bestand nur noch aus Fragezeichen. Sie schlug sich irgendwie durch. Aber so konnte es nicht weitergehen. Sie war verloren. Und dann traf sie auf Thorian. Und er war genau das, was sie zu brauchen schien. Halt, Erdung, Geborgenheit, Nähe. Echte Nähe. Thorian blieb bei ihr trotz ihrer Natur. Er wollte wirklich sie. Wenn er ihre Schuld ertragen konnte, vielleicht... konnte er dann auch "das" ertragen? Wie oft würde sie im Leben auf jemanden wie ihn treffen? Kein zweites Mal, da war sie sich nun sicher. Sie musste es irgendwie mit ihm klären. Vielleicht gab es irgendeinen Weg, auch wenn sie ihn jetzt noch nicht kannte. Aber das konnte sie nur gemeinsam mit ihm herausfinden. Ihre Flucht kam ihr inzwischen dumm vor. Besser machen konnte sie damit nichts. Nur zerstören. Aber wenn sie sprachen, dann bestand zumindest eine Chance auf irgendwas. Das erschien ihr jetzt ganz klar. Auch wenn es das Ende bedeutete, diese "Sache" nun zu klären, es war das Beste, was sie tun konnte. Also verließ sie den Turm Ancanagars wieder und machte sich auf den Weg nach Britain, in der Hoffnung, dass es noch nicht zu spät war. Beiträge in diesem Thread
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