Vom Zauber der ersten Tage (Yewkrypta)
Ein Betrachter
Es schien, als würde das Buch selbst für einen Moment die Luft anhalten. Es fühlte, wie sich das Licht des Elfen nach ihm ausstreckte, und wich davor zurück. Die Berührung selbst konnte es nicht verhindern, doch es konnte sich vor dem schützen, was dieses Licht in ihm wecken würde. Zu rein. Zu nah an etwas, das es einmal gekannt hatte. Tief zog es sich in die verborgensten Winkel seiner selbst zurück, dorthin, wo Schatten und Fäulnis längst jeden Rest von Wärme verschlungen hatten und selbst Teil von ihm geworden waren. Es wollte nicht aufgewühlt werden. Es wollte in der Dunkelheit versinken, nach all der langen Zeit endlich Frieden finden. Dunkelheit. Es sehnte sich schon viel zu lange danach. Vergessen, endlich nach all der Zeit. Vielleicht gerade deshalb, weil es selbst eben nicht alles vergessen hatte. Nicht wirklich. Tief unter all der Kälte lag noch die Erinnerung an Schönheit. An Wärme. An etwas Helles, das einmal selbstverständlich gewesen war. Diese Erinnerung war es gewesen, die es so lange hatte bestehen lassen. Schönes, das es hatte bewahren wollen, trotz allem oder vielleicht gerade deswegen. Erinnerungen in Strichen auf den Seiten und in Träumen, die es irgendwann nur noch dem Frieden der Dunkelheit würde anvertrauen können. Und doch konnten sich auch Erinnerungen verändern. Aus Sehnsucht war Schmerz geworden. Aus Schmerz Wut. Und irgendwann war aus der Wut Hass erwachsen. Das Buch hatte keinen Einfluss auf seinen eigenen Inhalt gehabt, doch es konnte versuchen, ihn nach und nach zu vernichten. Seite um Seite. Zeile um Zeile. Endlich Ruhe finden von all dem. Und weit war es bereits gekommen. Viele der Seiten waren nicht mehr lesbar. Die eigentümlich schnörkelige Schrift war an zahllosen Stellen verlaufen, das Papier feucht und verfärbt, manche Worte nur noch dunkle Schatten dessen, was sie einmal gewesen waren. Niemals würde jemand die Geheimnisse dieser Zeilen wieder offenbaren. Selbst das Buch hatte vieles davon vergessen. Hatte sich entschieden, es zu vergessen. Und doch gab es Schönheit zwischen all der Kälte, erfüllt vom Zauber der ersten Tage. Die ersten Seiten waren davon durchdrungen. Diese hatte es bewahrt. Vielleicht, weil selbst der Schmerz die Erinnerung an sie wachhielt. Vielleicht, weil sie noch vom ursprünglichen Sinn des Buches erzählten, lange bevor Hoffnung in Angst umgeschlagen und Hingabe zu Fanatismus geworden war. Vielleicht aber auch, weil gerade diese Seiten der Ursprung von allem waren. Als die Finger des Elfen den Buchdeckel berührten, kamen die ersten noch erhaltenen Seiten zum Vorschein. Zeichnungen einer Frau füllten sie. Oft waren es nur wenige Striche, doch jeder von ihnen war mit Sorgfalt gesetzt, bemüht, einen kleinen Augenblick festzuhalten, mochte er auch noch so flüchtig gewesen sein. Stille Momente, die niemals dafür bestimmt gewesen waren, irgendjemand anderem etwas zu bedeuten als demjenigen, der sie festgehalten hatte. „ama shiânna, alwarania.“ | mein geliebtes Strahlen, für alle Zeit.
Beiträge in diesem Thread
|