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Zynrae Ky'Alur

Zynrae lag ausgestreckt auf dem Rücken in ihrem Bett und starrte zur Zimmerdecke hinauf. Die Kerze auf ihrem Nachttisch warf flackernde Schatten, denen sie mit den Augen folgte. „Ich frage mich, wem du folgst.“ Als Ruchi diesen Gedanken ausgesprochen hatte, hatte sie ihn wie ein lästiges Insekt weggewischt. Doch hier, in der Dunkelheit, allein mit ihren Gedanken, schien sich die Frage in ihren Geist zu bohren. Langsam, nervtötend, nicht zu ignorieren. Genervt stieß Zynrae einen Seufzer aus, drehte sich auf die Seite und zog die Decke über den Kopf. Wem folge ich? Eine alte Frage, auf die sie nie so richtig eine Antwort gefunden hatte. Wem diene ich? Diese Antwort war leicht: Meinem Haus. Früher hätte sie Lloth wie selbstverständlich hinzugefügt, aber vieles hatte sich verändert, seit sie nach Elashinn zurückgekehrt waren. Sie hatte es wirklich versucht. Die Gebete, die zuvor automatisch über ihre Lippen gekommen waren, hinterließen nun eine Leere. Immer, wenn sie angesetzt hatte, sah sie nur das Gesicht, das ihre Mutter auch getragen hatte, aber ohne den Schimmer von Wiedererkennung oder Freude über ihr Wiedersehen. Danach hatte sie sich nicht getraut, nach ihrem Vater oder ihren Schwestern zu fragen. Sie wollte diesen Dorn nicht noch tiefer in ihr Fleisch treiben. "Was in uns muss sterben, um sich Lloth vollständig hinzugeben?" Auch diese Frage hatte Ruchi gestellt. „Der eigene Stolz“, hatte Zynrae geantwortet, mehr mit Blick auf die Priesterinnen als auf sich selbst. Genau dieser Gesichtsausdruck ihrer „Mutter“, der sich in sie eingebrannt hatte, war ihre Antwort auf diese Frage gewesen. Zynrae warf sich ruckartig auf den Rücken und warf die Decke von sich. Wieder verfolgte ihr Blick den Tanz der Schatten an den Wänden. Die stetige Veränderung von Hell und Dunkel.

„Wem folgst du?” Diese Frage hatte auch das Schattenwesen ihr in jener schicksalhaften Nacht gestellt. Sie war zum Gebet niedergekniet, als es sich ihr offenbart hatte. Die Frage hatte zwischen ihnen gestanden. Zynrae war nicht in der Lage gewesen, auch nur einen Finger zu rühren, geschweige denn ein anständiges Wort zu formulieren. Aber das Wesen hatte keine Antwort gebraucht oder aber eine Antwort in ihr gefunden, sie wusste es nicht. Es war in sie gefahren. Schatten hatten sich in ihrem Mund und in ihrer Lunge ausgebreitet und ihr die Luft zum Atmen genommen. Etwas in ihr war in jener Nacht gestorben, und etwas anderes hatte seinen Platz eingenommen. Als sie die Augen wieder aufschlug war ihre Welt erfüllt von Schatten, sie wanden sich flüsternd um sie herum und diese Macht, sie hatte sie nie so deutlich gespürt. Heiß und brennend hatten sie sich durch ihre Adern gefressen und ihren ganzen Körper eingenommen.

„Wem folgst du?“ Sie betrachtete erneut das Wechselspiel von Licht und Schatten. Vielleicht würde sie im Underdark eine Antwort auf diese Frage finden. „Wer zuerst umkehrt, verliert das Spiel.“ Diese Worte von Ruchi hallten in ihr wider. Grimmig hatten sie die Herausforderung angenommen. Keiner war bereit gewesen, auch nur den Hauch von Schwäche zu zeigen, indem er die Aufgabe abgelehnt hatte. Aber es waren Vorbereitungen notwendig gewesen, und so hatte Zynrae ihre Tasche für die morgige Abreise sorgfältig vorbereitet. Mehrfach war sie mit den Fingern über jeden Tank, über jede Reagenzie gefahren. Sie machte sich keine Illusionen. Viel fähigere Drow als sie waren aus dem Underdark nicht zurückgekehrt. Jeder dieser Tränke konnte im Notfall ihr Leben retten, denn sie hatte ganz sicher nicht vor, dass ihre Leiche irgendwo in der Dunkelheit von bizarren Kreaturen zerfetzt wurde. Unruhe erfasst sie, die sie auch gefangen hielt, als sie endlich in den Schlaf fand.

Es war ein leises Scharren. Sacht, zurückhaltend, höflich. Dann folgte ein viel deutlicheres Kratzen, ein langgezogener, tiefer Ton. Ein weiteres Kratzen. Keine Reaktion. Und dann schien es, als würde es die Geduld vollends verlieren, denn es stieß ein lautes, bedrohliches Fauchen aus. Erbost öffnete Zynrae die Augen und stieß eine Hand in ihren Schatten, sammelte Energie und ließ sie langsam darüber wabern. Ein schwarzer Panther sprang daraus hervor und landete vor ihrem Bett. Mit violetten Augen, die ihren eigenen glichen, funkelte er sie böse an. Zynrae drehte sich genervt auf die andere Seite. „Ich war doch gerade erst eingeschlafen“, murmelte sie. Einen Moment später fiel sie wieder in den Schlaf. Die violetten Augen der Kreatur streiften im Zimmer umher. Zufrieden drehte er sich zur Tür. Dann verwandelte sich die feste Form zurück in die wabernde Masse, aus der sie geschaffen worden war, und drang unter der Tür hindurch.

In dieser Nacht fanden die Schatten ihr Ziel. Lautlos waren sie eingedrungen. Sie waren nicht gekommen, um zu zerstören; vermutlich hatte man sie deshalb auch ohne Widerstand eingelassen. Langsam bewegten sie sich auf ihr Ziel zu und umhüllten es, nicht bedrohlich, sondern sanft und tröstend. Die Schatten verdichteten sich dort, wo die Form vorher flüchtig gewesen war, und die Dunkelheit zog sich zusammen. Aus der Mitte brach ein kleiner Schimmer hervor, der sich weich, aber entschlossen durch die Schatten tastete. Diese wichen nicht zurück, sondern schmiegten sich an das Leuchten und gaben ihm eine neue Form. Nicht als Gegenspieler, sondern als Partner in einem uralten Tanz. Dann zogen sich die Schatten zurück und gaben den Gegenstand preis. In dieser Nacht hatten sie etwas neu geschaffen, das genau an diesen Platz gehörte. Ein Akt der Erkenntnis, wo sie hin gingen, würde es gebraucht werden. In einem letzten Flackern lösten sich die schwarzen Fäden auf.

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