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Zugvogel (Die Entdeckung des Herbstes - No'Sha)

E'lessar Telperien

Jahre waren vergangen, als E’lessar endlich aus den Fesseln der Zeit zurückkehrte. Die Welt hatte sich verändert – und mit ihr die Spuren, die einst vertraut gewesen waren. Einer der ersten Wege, der frühesten Gedanken führte ihn, getrieben von einer Mischung aus Hoffnung und Sorge, zu den Orten, an denen er Velendahn zuletzt gespürt hatte. Doch die vertraute Präsenz seines Seelenbruders war verschwunden, als hätte der Wind selbst jede Spur verweht.

Tag um Tag suchte E’lessar nach Zeichen, nach einer Aura, nach einer Erinnerung, die geblieben war. Doch der Wald schwieg. Erst an einem alten, fast vergessenen Schrein Rhûns fand er etwas: Das Amulett, das einst die Verbindung zwischen ihnen gehalten hatte, lag still und verlassen auf dem moosbedeckten Altar.

Der Endirô nahm das Amulett in die Hand, spürte das kühle Metall. Die Magie, die er einst darin gebunden hatte längst vergangen. Kein Hinweis auf Velendahns Weg, keine Antwort auf die Fragen, die ihn quälten. Nur die Erkenntnis, dass die Zeit nicht nur ihn, sondern auch das Schicksal seines Freundes verändert hatte.
Lange verweilte E’lessar am Schrein, ließ die Gedanken kreisen. Hatte sein Verschwinden Velendahns Weg beeinflusst? War der Falke weitergezogen, weil der Wind, der ihn einst getragen hatte, plötzlich verstummt war? Oder hatte das Schicksal schon immer einen anderen Pfad für Velendahn vorgesehen, einen, den E’lessar nie hätte begleiten können?

Mit schwerem Herzen erkannte er, dass manche Wege sich trennen, ohne dass einer der Wanderer Schuld daran trägt. Vielleicht war es das Wesen des Schicksals, dass es sich nicht festhalten lässt – und dass jeder, selbst der engste Freund, seinen eigenen Herbst finden muss.

E’lessar verharrte lange am Schrein, das Amulett in seiner Hand, während die Schatten des Waldes langsam über die moosbedeckten Steine krochen. Er fragte sich, ob sein jahrelanges Verschwinden wie ein Stein war, der ins Wasser fällt und Wellen schlägt, deren Reichweite er nie ganz ermessen konnte. Hatte Velendahn auf ihn gewartet? Hatte er versucht, Zeichen zu finden, Hinweise auf E’lessars Rückkehr? Oder war er weitergezogen, getrieben von einer Sehnsucht, die der Magier nie ganz hatte stillen können? Das Amulett, einst Symbol ihrer Verbundenheit, lag nun wie ein Relikt einer vergangenen Zeit vor ihm – und E’lessar spürte die Leere, die es hinterließ.

Mit jedem Gedanken wuchs die Erkenntnis, dass das Schicksal nicht zu greifen ist. E’lessar spürte die Melancholie eines Herbstes, der nicht nur den Wald, sondern auch sein Herz erfasst hatte. Ob Velendahn seinen eigenen Herbst erlebt hatte – einen, den E’lessar nicht begleiten konnte, weil sein eigener Weg ihn fortgeführt hatte?

Schließlich legte E’lessar das Amulett behutsam zurück auf den Altar, als Zeichen des Loslassens und der Hoffnung, dass Velendahn seinen Weg gefunden hatte und dass vielleicht eines Tages ihre Wege sich wieder kreuzen würden, wenn das Schicksal es so wollte.

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