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Eine Vorahnung in der Nacht

Ungosch ni'Dulana

Die Nacht lag schwer über den Ländereien der ni'Dulanas.Ein kalter Wind strich über die Mauern der Burg und trieb vereinzelte Wolken über den Mond. Von den Zinnen herab konnte man die Wälder sehen, schwarz und beinahe reglos unter dem silbrigen Licht. Nur hin und wieder bewegte sich irgendwo zwischen den Bäumen ein Schatten, der ebenso gut ein Tier wie eine Einbildung sein konnte.
Lord Ungosch ni'Dulana stand in einem der oberen Räume der Burg am Fenster und blickte hinaus, seit Tagen schon wartete er auf Nachricht.
Nicht, dass er Aenur misstraute. Im Gegenteil. Der Waldläufer hatte sich als zäher und aufmerksamer Mann erwiesen, und gerade diese Eigenschaften waren es, die Ungosch an ihm schätzte. Dennoch war eine Suche nach einem Balor keine Aufgabe, bei der man sorglos auf die Rückkehr eines Mannes warten konnte.
Hinter ihm bewegte sich jemand. „Du wirst noch ein Loch in das Fenster starren, wenn du so weitermachst.“
Ungosch wandte den Kopf. Lady Callandra ni'Dulana stand einige Schritte hinter ihm. Ihr Blick ruhte auf ihm, und ein kaum merkliches Lächeln lag auf ihren Lippen.
„Ich starre nicht“, erwiderte Ungosch trocken „Ich beobachte.“ Callandra trat neben ihn und sah ebenfalls hinaus.
„Aenur hätte längst hier sein müssen“ murmelte Ungosch. Callandra wandte ihm den Blick zu „Vielleicht hat er einen Grund, weshalb er sich verspätet.“
Ungosch schwieg, er kannte Callandra gut genug, um zu wissen, wann es keinen Sinn hatte, ihr auszuweichen. Also ließ er den Blick wieder über das Land schweifen.
„Ein Balor ist kein Gegner, den man unterschätzt.“ Für einen Moment schwiegen beide einvernehmlich, bid plötzlich ein leises Geräusch durch die Nacht drang.
Ungosch hob sofort den Kopf, er erkannte Hufschläge wenn er sie hörte - mochten sie auch noch weit entfernt sein.
Callandra bemerkte die Veränderung in seinem Gesicht. „Ist er das?“ Ungosch nickte. „Ich glaube schon.“
Wenig später erklang das Signal am äußeren Tor. Die schweren Tore der Burg wurden geöffnet, und eine einzelne Gestalt ritt durch den Torbogen. Das Pferd war sichtbar erschöpft, sein Atem stand weiß in der kalten Nachtluft. Callandra erkannte das Pferd sofort, sie hatte es lange genug verpflegen müssen.
Ungosch trat vom Fenster zurück. „Dann hat er es tatsächlich geschafft.“ Callandra lächelte schwach „Du klingst überrascht.“
„Ich bin erleichtert.“ Callandra drehte ihm langsam den Kopf zu „Das klang gerade beinahe menschlich.“
Ungosch warf ihr einen Seitenblick zu. „Ich kann jederzeit wieder damit aufhören.“
„Das wäre bedauerlich.“ Gemeinsam verließen sie den Raum.
Aenur hatte kaum Zeit, vom Pferd zu steigen, bevor Ungosch den Burghof erreichte.
Der Waldläufer sah müde aus. Nicht erschöpft im gewöhnlichen Sinne. Es war die Art von Müdigkeit, die sich tief in den Körper fraß, nachdem man über Tage hinweg immer wieder dieselbe Gefahr gesucht und sich ihr genähert hatte. Staub lag auf seiner Kleidung, ebenso Spuren von Erde und Wald. Sein Gesicht war vom Wind gezeichnet, doch seine Augen waren wach.
Ungosch blieb einige Schritte vor ihm stehen.
„Aenur.“ Der Waldläufer nickte „Ungosch.“ Callandra trat neben ihren Gemahl „Willkommen zurück.“ Aenur nickte erneut.
Ungosch musterte ihn einen Moment „Du siehst aus, als hätte der Wald versucht, dich zu behalten“. „Hat er“ erwiderte Aenur knapp.
„Und?“ Ungosch war offensichtlich ungeduldig.
Aenur griff unter seinen Mantel „Ich habe herausgefunden, was wir wissen wollten.“ Damit zog er einen kleinen Gegenstand hervor. Ein Pfeil. Doch nicht irgendeiner.
Das Geschoss war mit feinen Runen versehen, die selbst im schwachen Licht der Fackeln einen kalten Schimmer zu tragen schienen.
„Eis“, sagte Aenur „Das hat am besten gewirkt.“ Ungoschs Blick veränderte sich. „Wie viel besser?“
„Deutlich. Nicht genug, um das Wesen ernsthaft zu schwächen. Aber die Wirkung war stärker als bei Gift, Feuer, Energie oder gewöhnlichem Stahl.“
Ungosch nahm den Pfeil entgegen und betrachtete ihn. „Dann haben wir zumindest einen Ansatz.“
Callandra trat näher „Wie oft hast du es versucht?“ Aenur zuckte die Achseln „Oft genug.“
„Und der Balor?“ „Er hat mich nicht entdeckt.“
Ungosch hob eine Augenbraue „Dann warst du vorsichtiger, als ich es von dir erwartet hätte.“
Ein erneutes Achselzucken von Aenur „Ich wollte zurückkommen.“ Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über Ungoschs Gesicht „Eine vernünftige Einstellung.“
Aenur griff erneut unter seinen Mantel, diesmal kam kein Pfeil zum Vorschein. Es war ein Stück dunklen Metalls.
Ungosch nahm es entgegen und spürte bereits im ersten Augenblick die Kälte, die davon ausging. Nicht die natürliche Kälte von Eisen sondern etwas anderes, sehr Altes.
Sein Blick wanderte über die tiefen Kerben, Callandra bemerkte seine Reaktion „Was ist das?“
Aenur antwortete „Ein Teil einer Kette.“ Ungosch sah ihn an „Woher?“ „Nathan.“
Für einen Moment sagte niemand etwas, während Ungosch das Metall erneut betrachtete.
Nathan. Der Name war ihm nicht unbekannt, doch was Aenur anschließend erzählte, war wesentlich interessanter: Eine alte Kette, mit der man den Balor einst gebunden hatte.
Tief unter der Erde gefunden, wo kein Licht hinreichte.
Ungosch schloss langsam die Finger um das Fragment „Du bist dir sicher, dass es zu dieser Kette gehört?“
„Nathan sagte es“ antwortete Aenur knapp.
„Nathan sagt vieles“ antwortete Ungosch. Callandra sah ihren Gemahl von der Seite an „Du glaubst ihm nicht?“
„Ich glaube, dass Nathan Dinge weiß, die er nicht wissen dürfte.“ Aenur schwieg dazu.
„Du hast es ebenfalls bemerkt“, sagte Ungosch. Aenur sah ihn an „Was?“
„Dass er nicht so spricht wie ein Mann, der eine Geschichte aus alten Büchern wiedergibt.“ Aenur zögerte einen Moment „er weiß zu viel.“
„Das ist eine vorsichtige Formulierung.“ Ungosch gab ihm das Kettenfragment zurück.
„Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll“ sagte Aenur langsam. Ungosch sah ihn an „Dann halte vorerst nichts von ihm.“
Aenur runzelte die Stirn „Nichts?“
Ungosch nickte. „Misstrauen ist ebenso gefährlich wie blindes Vertrauen. Beobachte ihn, mehr nicht.“
Aenur steckte das Fragment wieder ein. Ungosch wandte den Blick zum Burgtor. „Du hast einen Balor beobachtet, ohne entdeckt zu werden.
Du hast herausgefunden, was ihm schadet, und bist mit einem Stück seiner alten Fessel zurückgekehrt.“ Er sah Aenur wieder an. „Das genügt für eine Nacht.“
Aenur blickte auf das Kettenfragment unter seinem Mantel „Wenn es einst möglich war, ihn zu binden … können wir es wieder tun?“
Ungosch antwortete nicht sofort. Der Wind fuhr durch den Burghof, irgendwo oben auf den Mauern knarrte eine Fackelhalterung.
Schließlich sagte er: „Vielleicht.“ Aenur wartete. „Aber eine Kette ist nur so stark wie das, was sie hält.“
Callandra sah Ungosch an „Glaubst Du, dass dieselbe Kette heute noch funktionieren könnte?“
Ungosch blickte in die Dunkelheit jenseits der Burgmauern „Nein. Aber wenn sie einst von Menschen, Elfen oder anderen Mächten geschaffen wurde, um ein Wesen wie dieses zu binden,
dann hinterließ ihre Herstellung möglicherweise mehr als nur Metall.“ Sein Blick fiel wieder auf Aenur. „Vielleicht eine Schwäche.“
Aenur nickte langsam „Dann sollten wir herausfinden, wer sie gefertigt hat.“
„Ja, aber nicht heute Nacht.“ Er deutete auf die Tür. „Du wirst essen. Du wirst schlafen. Und morgen erzählst du mir alles. Jeden Pfeil. Jeden Treffer. Jede Bewegung des Balors.
Jede Einzelheit über den Ort, an dem du die Kette gesehen hast.“
Aenur wollte etwas erwidern, doch Callandra kam ihm zuvor „Und bevor du widersprichst: Das war keine Bitte.“
Zum ersten Mal seit seiner Ankunft zeigte sich auf Aenurs Gesicht ein müdes Lächeln „Verstanden, Mylady.“ Ungosch nickte „Gut.“
Gemeinsam gingen sie in die Burg. Doch während Aenur ihnen folgte, blieb Ungoschs Blick noch einmal an dem dunklen Stück Metall hängen, das unter dem Mantel des Waldläufers verborgen lag.
Eine alte Kette, ein gefesselter Balor. Eis, das stärker wirkte als alles andere. Und ein Mann namens Nathan, der Dinge wusste, die er unmöglich wissen konnte.
Zu viele Zufälle. Ungosch glaubte nicht an Zufälle, noch nicht. Aber eines wusste er bereits: Der Balor war möglicherweise nicht das Einzige, vor dem sie sich in Acht nehmen mussten.

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