Die letzten Tage waren anstrengender gewesen, als Aenur erwartet hatte. Lady ni'Dulana hatte ihm eine Auswahl besonderer Pfeile mitgegeben, jeder für einen anderen Zweck gefertigt. Seine Aufgabe war es gewesen herauszufinden, welche Art von Schaden dem Balor am meisten zusetzte. Gift, Feuer, Energie, gewöhnlicher physischer Schaden und schließlich Eis. Immer wieder musste Aenur das Untier aufspüren, seine Bewegungen beobachten und sich so nahe heranwagen, dass ein sicherer Schuss möglich war, ohne seine eigene Position preiszugeben. Stundenlang musste er im Unterholz liegen und warten, bis sich eine Gelegenheit ergab, nur um einen einzigen Pfeil abzufeuern und sich sofort wieder zurückzuziehen. Erst nach zahlreichen Versuchen zeigte sich ein klares Ergebnis. Die meisten Pfeile hatten nur geringe Wirkung, doch die mit Eis verzauberten Geschosse trafen den Balor deutlich stärker. Nicht genug, um ihn aufzuhalten, aber genug, um Aenur einen möglichen Ansatzpunkt zu geben. Mit diesen Erkenntnissen kehrte Aenur schließlich nach Minnersbach zurück. Die Nacht war bereits weit fortgeschritten, als er seine Mühle erreichte, die ihm seit langer Zeit als Rückzugsort diente. Er hatte damit gerechnet, allein zu sein, doch schon vor dem Tor verharrte er, denn er bemerkte Licht im Inneren. Nathan und Yllaria waren bereits da. Nathan stand am Fenster und blickte in die Dunkelheit. Als Aenur eintrat, wandte er sich ihm zu. Das Licht der Lampe fiel auf sein dichtes, dunkles Haar und seine ungewöhnlich blasse Haut, die beinahe wie weißer Marmor wirkte. Seine Erscheinung war auffallend, doch noch mehr beschäftigte Aenur die Art, wie Nathan sich bewegte. Er war leise und schnell, und trotz seiner ruhigen Bewegungen lag eine Kraft in ihm, die Aenur nicht recht einzuschätzen wusste. Yllaria, eine Waldelfin, erhob sich und begrüßte ihn mit ihrer gewohnten Freundlichkeit. Sie hielt sich meist im Hintergrund, doch ihr Umgang mit Nathan fiel Aenur immer wieder auf. Zwischen den beiden herrschte eine tiefe Vertrautheit, die keine Worte benötigte. Eine kleine Geste, ein kurzer Blick genügte, und doch wirkte nichts daran aufgesetzt. Aenur wusste erstaunlich wenig über die beiden. Er hatte bisher keinen Grund gehabt, danach zu fragen, doch nun begann ihn diese Unwissenheit zu beschäftigen. Sein Instinkt sagte ihm, dass er genauer hinsehen sollte, auch wenn er keinen konkreten Grund für Misstrauen hatte. „Du bist zurück“, sagte Nathan. „Wie du siehst“, antwortete der Waldläufer brummend. Yllaria reichte Aenur einen Kelch, bevor sie sich neben Nathan setzte. „Der Balor?“, fragte Nathan. Aenur nickte. „Eis. Die Pfeile haben bei ihm die deutlichste Wirkung gezeigt.“ Nathan griff unter seinen Mantel und legte einen kleinen Gegenstand auf den Tisch. Es war ein altes, dunkles Stück Metall, schwer und von tiefen Kerben durchzogen. „Was ist das?“, fragte Aenur. „Ein Teil einer Kette.“ Aenur betrachtete das Fragment genauer. „Man sagt, diese Kette habe einst den Balor gehalten.“ Aenur hob den Blick. „WHast du sie gefunden, wo ihr es vermutet habt?“ Nathan sah einen Moment in das flackernde Licht der Lampe. „Ja, tief unter der Erde. Dort, wo das Licht niemals hingelangt.“ Aenur nahm das Fragment in die Hand. Das Metall war kalt und ziemlich schwer. Während er es betrachtete, fragte er sich, woher Nathan all diese Dinge wusste. Nicht nur über den Balor, sondern auch über die Kette und die Tiefen unter der Erde, von denen selbst erfahrene Männer kaum mehr als Geschichten kannten. Wie alt war dieser Mann eigentlich? Nathan wirkte jung genug, um nicht weiter aufzufallen, doch in seinem Blick lag eine Ruhe, die Aenur eher bei jemandem erwartet hätte, der weit mehr gesehen hatte, als sein Äußeres vermuten ließ. Vielleicht war es Erfahrung, vielleicht einfach sein Wesen. Aenur konnte es nicht sagen. Yllaria legte Nathan kurz eine Hand auf den Arm. Er sah zu ihr und legte seine Hand kurz auf ihre. Die Geste war klein und vollkommen selbstverständlich, doch sie verriet eine Nähe, deren Tiefe Aenur nicht verstand. Er wusste auch über Yllaria kaum mehr als über Nathan. Sie war freundlich, zurückhaltend und behandelte Nathan mit einer Zuneigung, die seiner Meinung nach, weit über gewöhnliche Freundschaft hinausging. Mehr wusste er nicht. Aenur steckte das Kettenfragment ein. Die Erkenntnis, dass der Balor tatsächlich schon einmal in Ketten gefangen war, veränderte seine Überlegungen. Bisher hatte er nur darüber nachgedacht, wie man das Wesen verletzen und töten konnte. Nun stellte sich eine andere Frage: Wenn es einst möglich gewesen war, den Balor zu binden, musste es vielleicht auch eine Möglichkeit geben, dies erneut zu tun. Doch ein weiterer Gedanke ließ ihn nicht los. Nathan hatte nicht wie ein Mann gesprochen, der lediglich eine alte Geschichte wiedergab. Vielleicht wusste er mehr, als er sagte. Aenur erhob sich. „Ich muss zu den ni'Dulanas.“ Nathan nickte. „Das solltest du.“ An der Tür blieb Aenur noch einmal stehen. Nathan saß am Tisch, während Yllaria neben ihm stand. Erneut bemerkte er die ruhige Vertrautheit, sie wirkte beinahe so, als hätten sie einander schon seit sehr langer Zeit gekannt. Aenur wusste nicht, was ihn daran störte. Vielleicht war es nur sein Instinkt, vielleicht aber auch etwas, das er bisher noch nicht erkannt hatte. Er verließ die Mühle und machte sich auf den Weg zu Lord ni'Dulana. Während er durch die Nacht ging, wanderte seine Hand noch einmal zu dem Kettenfragment unter seinem Mantel. Er dachte an den Balor, an die Eis-Pfeile und an die Möglichkeit, das Wesen erneut zu binden und war auf Lord ni'Dulanas Meinung dazu gespannt. Doch ebenso dachte er an Nathan und Yllaria und an all die Dinge, die er über die beiden nicht wusste. Aenur würde genauer hinsehen, wenn er ihnen das nächste Mal begegnete. Nicht, weil er ihnen etwas unterstellte, sondern weil sein Instinkt ihm sagte, dass es Dinge gab, die er noch nicht verstand. Beiträge in diesem Thread
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