Zwischen La und Dunkelheit
Yllaria
Die Waldelfe saß auf dem Waldboden einer Lichtung nahe ihres Hauses und war in tiefe Meditation versunken. Sie versuchte, Halt zu finden und ihre Gedanken zu ordnen. Eine tiefe Unruhe hatte sich in ihr festgesetzt, seit die Verbindung zu Nathan sich gedehnt hatte und sie wusste, dass er ins Underdark aufgebrochen war. Um sie herum lagen Bücher verstreut, daneben ihre Aufzeichnungen zu den Runen auf dem Eisstab, die sie mit Bery’lls Hilfe gefunden hatten. Einzelne Pergamente bewegten sich im leichten Nachtwind und raschelten über das Gras. All diese Eindrücke bildeten einen Wirbel in ihrem Geist, Gedanken, die sich immer wieder ineinanderschoben. Yllaria konzentrierte sich auf den Strom des La unter sich. Sie ließ ihre Hände auf dem weichen Moos ruhen und lauschte dem gleichmäßigen Pulsieren tief unter der Erde. Ruhe und Klarheit. Langsam begann die Unordnung in ihrem Geist sich zu legen. Plötzlich zog etwas anderes an ihr. Angst kroch durch ihren Körper. Die Verbindung zu Nathan. Irgendetwas stimmte nicht. Sofort begann sie am ganzen Körper zu zittern und Verzweiflung drohte sie zu überwältigen. Sie konnte nicht ins Underdark. Wäre es eine tatsächliche Möglichkeit gewesen, hätte sie ihn niemals allein gehen lassen. Noch immer mit dem La verbunden, flossen ihre Eindrücke unwillkürlich auch in diese Verbindung. Die Angst, die Hilflosigkeit, der beinahe überwältigende Drang, ihm zu folgen. Als Antwort legte sich eine unnatürliche Stille über die Lichtung. Die plötzliche Ruhe drängte alles andere in den Hintergrund und ließ die Waldelfe den Blick heben. Etwas näherte sich aus der Dunkelheit. Zwischen den Bäumen glaubte sie eine Gestalt zu erkennen, doch sie trat nicht vollständig aus dem Schatten eines mächtigen Stammes hervor. War es eine Dryade? Yllaria konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Doch die Gestalt war nicht allein. Ein leichter Wind strich über die Lichtung. Zunächst bewegte er nur das Gras, dann begannen die losen Pergamente um Yllaria herum zu flattern. Zwischen ihr und der Gestalt verdichtete sich die Luft und eine der Windsbräute erschien. Ihre Form blieb flüchtig, während die Luft um sie herum kreiste. Eine fremde Präsenz griff nach Yllarias Geist. Bilder entstanden vor ihrem inneren Auge. Ein Angebot. Unterstützung. Aber auch eine Aufgabe. Yllaria verstand, das Gleichgewicht verlangte auch seinen Preis. Sie nickte nur stumm. Die Erfüllung würde viel Zeit beanspruchen, doch Zeit spielte für sie inzwischen ohnehin eine andere Rolle. Dann hatte sie das Gefühl, als würde etwas ihre Stirn berühren. Kaum mehr als ein Hauch und griff dennoch tief in sie hinein. Das rote Feuer, das sie seit ihrer Wandlung in sich gespürt hatte, flammte augenblicklich auf. Hitze durchströmte ihren Körper. Für einen Moment spannte sich jeder Muskel an, dann zwang etwas ihre Gestalt in eine andere Form. Im nächsten Augenblick entstand vor ihr ein gewaltiger Luftsog. Er erfasste sie und riss sie durch die Schwärze der Nacht. Die Welt verwischte. Bäume, Felsen und Himmel wurden zu dunklen Schemen, die mit einer Geschwindigkeit an ihr vorbeizogen, die ihren Sinnen kaum erlaubte, ihnen zu folgen. Nur der Wind blieb beständig. Er umschloss sie und trug sie weiter. Als sie schließlich in die Dunkelheit des Underdark eintauchten, änderte sich alles. Die Luft wurde schwerer. Fremder. Die Eindrücke stürzten mit solcher Wucht auf sie ein, dass Yllaria ihren Geist enger um die einzige Orientierung legte, die ihr geblieben war. Nathan. Wieder diese Angst, sie bohrte sich tiefer in sie hinein, je länger sich die Zeit dehnte. Dann ließ der Luftzug plötzlich nach. Yllaria fiel regelrecht aus der Luft. Reflexartig nahm sie wieder ihre ursprüngliche Gestalt an und schlug unsanft auf dunklem Stein auf. Eine Höhle. Leuchtende Pilze überzogen Teile der Wände und tauchten das Gestein in ein fahles, beinahe krank wirkendes Licht. Die Luft war ungewöhnlich dicht und roch nach feuchter Erde, Stein und etwas, das sie nicht einordnen konnte. Sofort tastete ihr Geist die Umgebung ab. Dann fand sie ihn. Nathans Körper lag unter Steinen begraben. Alles andere verlor für einen Augenblick an Bedeutung. Yllaria stürzte auf ihn zu, sank neben ihm auf die Knie und begann, die Steine von ihm wegzustoßen. Als ihre Hand schließlich auf seinem Oberkörper lag, breitete sich ein grünes Leuchten darunter aus und tastete seinen Körper ab. Erleichterung durchströmte sie. Er war noch da. Fast hätte dieses Gefühl sie von den Geräuschen abgelenkt, die sich ihnen näherten. Ein lautes Schlurfen, dazwischen feuchte, schmatzende Laute. Yllaria hob den Kopf. Etwas bewegte sich durch die Dunkelheit und es kam näher. Was immer es war, sie mussten sofort verschwinden. Sie konnte entweder versuchen, sie alle von hier fortzubringen oder kämpfen, beides würde ihre Kraft weit übersteigen. Yllaria spürte, wie ihre eigene Magie und die des Windgeistes die Umgebung beeinflussten, längst waren sie ein Leckerbissen auf einem Silbertablett. So weit vom La entfernt zu sein, zerrte an ihr, als hätte man eine Verbindung zu weit gespannt. Jeder Moment erinnerte sie daran, wie wenig von seiner vertrauten Resonanz sie hier erreichen konnte. Und doch half ihr gerade dieser Schmerz, sich zu konzentrieren. Sie griff danach und hielt ihn fest. Dann rief sie sich das Bild ins Gedächtnis, das man ihr zuvor gezeigt hatte. Eine leise Melodie entstand auf ihren Lippen, zunächst kaum hörbar, dann erfüllten die Töne die Höhle. Ihre Iphaldi wallte auf und grünes Licht floss über den Boden. Es sammelte sich um sie herum und begann sich zu drehen bis ein Wirbel entstand. Zuerst nur flackernd und unstet, immer wieder kurz vor dem Zerfallen. Yllaria sang weiter. Mit jedem Ton wurde das Grün heller und stabiler. Die schlurfenden Geräusche kamen näher und Yllaria konnte inzwischen Bewegungen am Rand des Scheins erkennen. Doch sie war bereit. Ihre Magie streckte sich nach ihr selbst aus, nach Nathan und dem Windgeist. Sie zog sie alle in den Wirbel aus leuchtendem Grün. Im letzten Augenblick sah sie ein kurzes Aufflackern von Licht in Nathans Hand. Ohne darüber nachzudenken, streckte sie ihren Geist auch danach aus. Dann ging ein Ruck durch ihren Körper. Die Magie riss sie fort. Der Übergang war schwieriger, als sie erwartet hatte. Ihre Kraft floss unaufhaltsam aus ihr heraus, schneller, als sie sie erneuern konnte. Für einen Augenblick glaubte sie, die Kontrolle zu verlieren. Mit letzter Anstrengung hielt das Bild ihres Zuhauses fest und zog sie alle wieder in den Raum zurück. Dann schlug ihr Körper hart auf dem Boden auf. Neben sich hörte sie ein weiteres dumpfes Geräusch, immerhin war Nathan weich gelandet. Für einen Moment konnte die Waldelfe sich nicht bewegen. Ihr ganzer Körper zitterte. Sie hatte dem Übergang alles gegeben, was ihr noch geblieben war. Yllaria schloss die Augen und suchte nach dem Strom des La unter sich. Sie ließ ihn langsam in ihren Körper fließen. Nur kurz Kraft schöpfen, mehr brauchte sie nicht. Mühsam stemmte sie sich in die Höhe. Yllaria griff nach dem Dolch auf ihrem Schreibtisch und kniete sich neben Nathan auf das Bett. Vorsichtig öffnete sie seinen Mund. Dann zog sie die Klinge über ihren Unterarm und legte die Wunde an seine Lippen. Sie spürte, wie ihr Blut langsam in ihn floss, während ihr Körper mit jeder Sekunde schwerer wurde. Dennoch ließ sie den Blick auf seinem Gesicht ruhen und strich ihm mit der freien Hand eine Haarsträhne aus der Stirn. Schließlich war die Müdigkeit nicht mehr aufzuhalten und sie sank neben ihm auf die Kissen. Beiträge in diesem Thread
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