Aenur hatte ein Stück jener Kette mitgebracht, mit der der Balor einst gebunden worden war. Das war schonmal ein Anfang. Anhand dieses Fragments sollte Callandra nun eine neue Kette schmieden, stark genug um diese selbe Aufgabe zu erfüllen.
Doch schon bald stiess sie auf ein Problem: Sie wusste nicht, aus welchem Metall das Kettenstück gefertigt war. Es schimmerte dunkel und war schwerer als alles was sie kannte. Noch weniger gefiel ihr allerdings, wie es sich anfühlte. Es fühlte sich falsch an.
In der Hoffnung, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, suchte sie einige befreundete Schmiede auf, für die sie gelegentlich kleinere Aufträge erledigte. Doch überall bot sich ihr dasselbe Bild. Man betrachtete das Fragment eingehend, wog es in der Hand, prüfte seine Oberfläche und schüttelte schließlich den Kopf. Im besten Fall erhielt sie einige gut gemeinte Ratschläge über ungewöhnliche Legierungen. Doch niemand wagte es, das Stück länger als einen flüchtigen Augenblick zu halten.
Hilfe fand sie keine. Stattdessen hörte sie immer wieder dieselben Worte: »Wirf es weg. Vergrabe es. Stecke es einem ungeliebten Nachbarn zu!«
Callandra kehrte schließlich unverrichteter Dinge heim. Wenn niemand ihr sagen konnte, was dieses Metall war, musste sie eben selbst einen Weg finden. In ihrer Schmiede prüfte sie ihre Vorräte an Metallbarren, verglich Farben, Gewichte und Eigenschaften. Letztlich fiel ihre Wahl auf Schattenerz und Valorite. Beide besaßen eine ähnlich dunkle Färbung und fühlten sich selbst bei Raumtemperatur unnatürlich kalt an. Vielleicht, so hoffte sie, würden sich ihre Eigenschaften in einer Damaszierung vereinen lassen und ein Metall ergeben, das dem unbekannten Vorbild zumindest nahekam.
Bevor sie mit der Arbeit begann, trat sie an den Pyrosaltar neben der Schmiede, warf einige Münzen in das steinerne Opferbecken und bat den Gott des Feuers und der Schmiedekunst um seinen Segen. Erst danach wandte sie sich der Esse zu.
Bald brannte das Feuer gleichmäßig. Sie legte das Schattenerz in die Glut und wartete, bis es die Hitze aufgenommen hatte und in einem tiefen, düstern Rot erstrahlte. Dann zog sie das glühende Metall hervor, legte es auf den Amboss und ließ den Hammer singen.
Schlag um Schlag formte sie das widerspenstige Material. Das Schattenerz gab unter dem Druck nach, doch behielt es seine Dichte. Sie erhitzte es erneut, verband es mit dem Valorite und begann, die beiden Metalle miteinander zu verschweißen, zu falten und wieder auszuschmieden. Es war mühsame Arbeit, die ihre ganze Kraft und Konzentration forderte.
Schließlich begann sie, die einzelnen Kettenglieder zu formen. Sie streckte das Metall, bog es zu Ringen und verschloss jedes Glied sorgfältig, bevor sie sich dem nächsten widmete. Immer wieder traf der Hammer auf das glühende Metall. Dampf stieg auf, wenn sie die fertigen Glieder zum Abkühlen ins Ölbad tauchte, und der Geruch von heissem Eisen erfüllte die Schmiede.
Die Stunden vergingen. Die Kette wuchs, wurde länger und schwerer, bis sich schließlich eine massive, dunkle Reihe ineinander verschlungener Ringe über den Amboss zog. Ihre Hände schmerzten, ihre Arme waren müde, doch sie arbeitete weiter, bis auch das letzte Glied geformt und geschlossen war.
Als sie schließlich den Hammer beiseitelegte, lag die fertige Kette vor ihr. Im flackernden Feuerschein schimmerte sie beinahe schwarz. Das Licht glitt über ihre Oberfläche, ohne sich darin zu verlieren, und als Callandra sie anhob, spürte sie jene vertraute, unnatürliche Kälte, die ihr schon beim ersten Anblick des Fragments missfallen hatte.
Die Arbeit war getan.
Doch während sie die schwere Kette in ihren Händen drehte und die Fesseln an beiden Enden prüfte, blieb eine Frage, auf die sie keine Antwort wusste:
Würde die Kette halten, wenn es darauf ankam?