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Eine unbequeme Aufgabe - Im Wald von Minnersbach

Aenur Dent

Die Natur ist niemals still. Entweder erzählt sie einem etwas, oder sie verrät anderen die eigene Anwesenheit. Das Schimpfen einer Amsel. Das Schrecken eines Stücks Rehwild. Alles befindet sich im ständigen Austauch und Wandel. Aktion und Reaktion. Schon der kleinste Flügelschlag eines Schmetterlings kann die Welt verändern. Doch zu dieser Stunde war es einfach nur still. Zu still. Eine absolute Stille, die fast immer bedeutete, dass etwas nicht stimmte. Kein Laut. Kein Warnruf. Kein Tier, das sich noch traute, die anderen zu warnen und damit die eigene Position preiszugeben. Angst. Aenur registrierte diesen Zustand sofort und spürte, wie ihm selbst ein unangenehmes Gefühl unter die Haut kroch. Doch für ihn und Snort gab es längst kein Zurück mehr. Er zog sich das dunkle Tuch über Nase und Mund, in der Hoffnung, möglichst wenig von dem Qualm einzuatmen. Sie mussten schnell und leise sein. Snort und Aenur hielten Abstand zueinander, um beim Erkunden mehr Gelände abdecken zu können. Dennoch blieben sie in Sichtweite.

Vom Stadttor aus zogen sie in den Wald. Anfangs war der Bestand noch licht genug, dass man ihre Schatten selbst von der Wehrmauer aus erkennen konnte. Doch je tiefer sie vordrangen, desto mehr verschluckten die dunklen Bäume ihre Gestalten. Schon bald konnte auch Aenur Snort nicht mehr sehen. Das störte ihn jedoch nicht. Er wusste, dass er sich auf dessen Erfahrung verlassen konnte.

Dann durchschnitt ein leiser Pfiff die Stille. Aenur reagierte sofort und bewegte sich mit erhöhtem Tempo in die Richtung des Geräusches. Schon aus der Entfernung erkannte er Snorts Handzeichen. Leise und geduckt. Als Aenur bis auf etwa zehn Schritt herangekommen war, hob Snort die Faust. Das Signal um Stehen zu bleiben. Dann deutete er mit zwei Fingern auf seine Augen und anschließend in Richtung der Lichtung. Aenur verstand. Er verharrte und blickte vorsichtig zwischen die Bäume. Der Hof des alten Bauern stand in Flammen. Zwischen den Gebäuden des Dreiseitenhofs lagen leblose Gestalten auf dem Boden verstreut. Der Feuerschein ließ ihre Körper unruhig flackern. Aenurs Blick wanderte weiter zum Waldrand. Dort bewegten sich kleine, glühende Gestalten, schossen durchs Unterholz und setzten dabei Büsche und trockenes Geäst in Brand.

Dann hörte er es. Ein leises Knacken. Vielleicht zehn Schritt neben ihm. Sofort erkannte er das Wesen. Eine Lavaschlange.
Lange hatte er keine mehr in dieser Region gesehen. Das Geschöpf kroch durchs Kraut und hinterließ brennende Spuren. Hitze flimmerte über den rötlichen Schuppen. Ein Pfeil sirrte an Aenur vorbei. Das Geschöpf zuckte, wand sich kurz und brach zusammen. Ein letztes heißes Zischeln entwich dem Schuppenträger. Aenur nickte knapp in Snorts Richtung.

Doch das Geräusch des Pfeils blieb nicht unbemerkt. Überall begann es plötzlich zu knacken und zu rascheln. Dann brachen sie aus dem Unterholz hervor. Eine Horde kleiner, glühender Dämonen stürmte auf die beiden Waldläufer zu. Aenur und Snort griffen beinahe gleichzeitig in ihre Köcher. Pfeile schossen durch die Dämmerung, und ihr Surren vermischte sich mit dem Knistern der Flammen. Mitten im Chaos erklang plötzlich ein anderes Geräusch. Brechende Äste und schwere Schritte. Etwas Großes bewegte sich auf der anderen Seite der Lichtung durch den Wald. „Der große Bruder …“, knurrte Snort. Noch während die Worte fielen, ließ Aenur bereits den nächsten Pfeil fliegen.

Dann trat das Wesen auf die Lichtung. Ein großer, brennender Dämon. Flammen leckten über seinen massigen Körper, während sein Fuß den Boden der Lichtung erzittern ließ. Doch dahinter blieb es nicht still. Immer mehr Äste brachen und immer mehr erfüllten Qualm und und der Geruch von Schwefel die Luft. Ein Dämon nach dem anderen trat aus dem Wald hervor. Die beiden Waldläufer wussten, dass ihre Pfeile bald knapp werden würden. Dann kam ein neues Geräusch hinzu. Ein dumpfes Dröhnen, fallende Bäume und ein tiefes Grollen, das selbst den Boden erzittern ließ.

Aenur hob den Blick über die Baumwipfel. Ein tiefroter Schimmer lag über dem Himmel. Dieses Mal war es größer und näher. Auch Snort bemerkte es sofort. Die beiden tauschten einen kurzen Blick. Das hier konnten sie nicht halten.

Es war Zeit für den Rückzug. In Windeseile schwangen sie sich die Bögen über die Schultern und zogen sich schnell, aber kontrolliert in Richtung Minnersbach zurück. Erst als sie das Grünland vor der Stadt erreichten, gingen sie in einen Lauf über.

Ihre Gesichter waren von Asche geschwärzt und von helleren Linien des herablaufenden Schweißes durchzogen, als sie die Wehrmauer erreichten und den anderen Lords Bericht erstatteten. Sie erzählten vom Hof. Vom Feuer. Von den dämonischen Kreaturen und von dem größeren Bösen, das dahinter folgte.

„Wir sollten uns vorbereiten“, sagte Aenur knapp. „Wenn Minnersbach ihr Ziel ist, werden sie nicht mehr lange brauchen.“

Dann wandte er sich bereits wieder ab. Er musste seinen Köcher auffüllen, seine Ausrüstung prüfen und sich auf die kommenden langen Stunden vorbereiten.

Im Vorbeigehen blickte er noch einmal zu Lord ni‘Dulana. „Du kannst dich freuen“, brummte er trocken. „Es wird heißer als sonst in deiner Rüste.“ Ein kurzes Zwinkern folgte, ehe Aenur die Wehrmauer fürs Erste verließ.

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