Yllaria trat vor die Tür, nachdem Aenur und Nathan die Mühle bereits verlassen hatten. Nachdenklich hob sie den Blick und beobachtete für einen Moment den Nachthimmel. Als eine leichte Brise aufkam, wandte sie ihr Gesicht beinahe sehnsuchtsvoll dem Wind zu. Ihre langen roten Haare wehten hinter ihr wie ein roter Umhang. Ein kleiner Moment der Ruhe, der ihr half, wieder Klarheit zu finden, sich wieder auf ihre Aufgaben zu konzentrieren, von denen es dieser Tage mehr gab, als sie bewältigen konnte. Noch ein Grund mehr, wieder Ruhe in sich zu finden. Sie würde sich von Aenurs Aufmerksamkeit nicht ablenken lassen. Bisher war er in keiner Weise feindselig gewesen. Die nächsten Begegnungen würden sicher mehr Aufschluss geben über die Art seiner Neugier. Ein letztes Mal ließ sie ihre Gedanken vom Wind davon tragen. Als ihr Geist zur Ruhe kam, nahm sie sich noch einen Augenblick Zeit. Dann gab sie sich einen Ruck. Zwei wichtige Aufgaben warteten noch auf sie. Sie musste es schaffen, die Aufzeichnungen über die Runen zumindest so weit zu verstehen, dass der Ritualkreis den Balor wenigstens für kurze Zeit würde halten können. An sich schon eine schwierige Aufgabe. Die Berichte über die Runen waren äußerst spärlich gewesen. Sicherlich auch deshalb, weil ihre Erschaffer wenig Interesse daran gehabt hatten, dass Fremde die Geheimnisse entschlüsselten, die sie enthielten. Die Verbindungen zwischen ihnen hatte Yllaria zumindest nachvollziehen können. Die Manaknoten hatten lediglich dazu gedient, die einzelnen Runen miteinander zu verbinden. Diesen Teil würde sie vermutlich gut nachbilden können. Schwieriger wurde es bei den Runen selbst. Ohne sie zu verstehen, würde sie wahrscheinlich etliche Versuche brauchen, um sie sinnvoll miteinander in Einklang zu bringen. Bei diesem Gedanken musste sie kurz schmunzeln. Einklang. Aî. Vielleicht würde ihr genau das helfen. Von einem Augenblick auf den anderen erfüllten Aufregung und Zuversicht sie. Kurz lauschte sie in die Nacht und achtete darauf, ob sich jemand in ihrer unmittelbaren Nähe befand. Als sie keinen fremden Herzschlag wahrnehmen konnte, ließ sie ihre Magie langsam durch sich fließen. Ihre Iphaldi wallte als Antwort darauf auf, bewegt von einem Wind, der nicht wirklich existierte. Mit dem Zeigefinger zeichnete sie jene Rune in die Luft, von der sie glaubte, dass sie für Eis stand. Grün leuchtend erstrahlte das Zeichen vor ihr in der Dunkelheit der Nacht. Ein einzelner, feiner Manafaden löste sich von ihrer Hand. Gleichzeitig glitt eine leise Melodie über die Lippen der Waldelfe. Der Faden begann unter den Tönen sanft zu vibrieren. Vorsichtig führte sie ihn näher an die Rune heran, bis er ihre Struktur berührte und einen Teil seiner Schwingung auf sie übertrug. Angespannt lauschte Yllaria auf jede noch so kleine Veränderung. Und tatsächlich. Einzelne Töne lösten sich aus der Rune und schwebten für einen kurzen Moment in der Nacht. Leise. Aber deutlich genug, dass sie sie wahrnehmen konnte. Ein glückliches Strahlen legte sich über ihr Gesicht. Das hier schien tatsächlich ein möglicher Weg zu sein. Vielleicht musste sie die Runen gar nicht vollständig verstehen. Vielleicht genügte es zunächst, zu lernen, wie sie miteinander klangen und an welchen Stellen ihre Strukturen miteinander harmonierten oder sich widersprachen. Doch eine zweite Schwierigkeit blieb. Sie musste den Balor zumindest für einen Moment selbst sehen. Lange genug, um seinen Manaknoten zu betrachten und sich dessen Struktur einzuprägen. Ohne eine derartige Vorbereitung würde es ihr vermutlich nicht gelingen, die Verbindung zwischen dem Balor, dem Ritualkreis und der Kette herzustellen. Aber wie sollte sie in ihrer jetzigen Form nahe genug an ihn herankommen? Und würde er ihren Zugriff bemerken? Yllaria versuchte, sich an die Ruhe und Zuversicht zu klammern, die sie gerade noch erfüllt hatte. Sicherlich würde sich auch dafür ein Weg finden. Ihre Aufzeichnungen und eine Nachricht über ihre bisherigen Erkenntnisse hatte sie bereits E’lessar zukommen lassen. Als ihre Gedanken nach Yew wanderten, überkam sie jedoch augenblicklich ein schlechtes Gewissen. Hilja wollte an der Waldgrenze zu Minnersbach Wache halten. Eine Situation, die schnell gefährlich werden konnte. Yllaria wusste weder, ob weitere Elfen sie dort unterstützten, noch wie diese auf sie reagieren würden. Eilig lenkte sie ihre Schritte in Richtung des Waldes. Dieser Tage würde wohl niemand von ihnen eine wirkliche Atempause erhalten. Beiträge in diesem Thread
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